© 2015 Mystery Art, Nicole Zagar und Melanie Fenrich GbR
Leseprobe
Kapitel 1 1. Alyssa – Freitag, 15:33 Uhr »Frau MacKee, bringen Sie mir einen Kaffee in mein Büro!«  Alyssa sah von ihrem Schreibtisch auf und Herrn Degen, ihrem neuen Vorgesetzten, direkt ins Gesicht. Er stand dicht vor ihrem  Schreibtisch und sah abschätzend auf sie herunter. Wie gewohnt hatte er einen ernsten Gesichtsausdruck und seine Stimme eine  herrische Tonlage. Sie kniff die Augen zusammen. Die meisten ihrer Arbeitskollegen konnte er damit vielleicht einschüchtern, aber  bei ihr würde er sich die Zähne ausbeißen. »Wo ist denn Anna?«, fragte sie bemüht freundlich.  »Meine Sekretärin ist wie immer nicht an ihrem Platz. Keine Ahnung, wo sie sich schon wieder herumtreibt. Nichtsdestotrotz  möchte ich einen Kaffee. Also bitte.« Alyssa überlegte kurz, ob sie sich zum wiederholten Male mit ihrem Chef anlegen sollte, aber heute hatte sie keine Lust dazu. Ein  Kaffee war es nicht wert, eine Diskussion anzufangen. Ihr Chef hatte sogar das Wort bitte herausgebracht. So bemüht wie möglich  setzte sie ein Lächeln auf und legte ihren Stift auf den Schreibtisch.  »Natürlich. Ich bringe Ihnen den Kaffee ins Büro.«  Herr Degen grinste sie an. »Na also, es geht doch. Ein Schuss Milch, ein Stück Zucker.« Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ hocherhobenen Hauptes ihr Büro. Alyssa sah ihm schweigend hinterher,  schnaubte und schüttelte den Kopf. So ein Idiot. Widerstrebend stand sie auf und ging in die Küche.  Mit dem Kaffee in der Hand betrat sie das Büro ihres Vorgesetzten, in dem er hinter seinem Schreibtisch saß und sich in seinen  Bürostuhl zurücklehnte, so als säße er in einem Fernsehsessel. Es fehlte nur noch, dass er die Füße auf dem Tisch ablegte. Als sie  den Kaffee vor ihm abstellte, starrte er ungeniert auf das Dekolletee ihrer Bluse und grinste sie an. Sein arroganter Blick war einem  schmierigen gewichen, gleich dem eines Pornoregisseurs, der sich bei einem seiner Filme aufgeilte. Sie bereute, dass sie  ausgerechnet heute die Bluse und den kurzen Rock angezogen hatte.  »Vielen Dank«, sagte er, immer noch grinsend. »Haben Sie schon den Fall Gercke bearbeitet? Müssen wir zahlen?«  Fassungslos starrte Alyssa ihren Vorgesetzten an. Wie immer verhielt er sich, als wäre es sein Geld. Dabei war er lediglich der  Abteilungsleiter der Schadensregulierung in der Versicherung, in der sie arbeiteten. »Ich bin noch nicht dazu gekommen«,  antwortete sie.  »Warum nicht?« »Weil Tanja krank ist und ich ihre Arbeit miterledigen muss.« Jetzt wurde Alyssa sauer. »Außerdem verrichte ich Arbeiten, für die  ich nicht eingestellt bin. Wie zum Beispiel die Ihrer Sekretärin.«  »Für Sie ist das doch kein Problem.« Ihr Vorgesetzter lächelte sie an, als könnte er kein Wässerchen trüben, und beugte sich  langsam vornüber. »Alyssa … haben Sie vielleicht Lust, heute Abend essen zu gehen?«  Erneut starrte sie ihren Chef entsetzt an. »Es wäre mir lieber, wenn wir uns nicht mit dem Vornamen ansprechen würden.  Außerdem bin ich schon verabredet«, antwortete sie und kniff die Augen zusammen.  Das durfte jetzt nicht wahr sein. Erst starrte er ungeniert in ihren Ausschnitt, und jetzt wollte er auch noch mit ihr ausgehen. Er war  bestimmt dreißig Jahre älter als sie, und sie meinte sich zu erinnern, dass er verheiratet war. Die arme Ehefrau hatte es bestimmt  nicht leicht, auch wenn Alyssa bezweifelte, dass allzu viele Frauen auf seine Masche hereinfielen. Mit dem falschen Grinsen, den  schmierigen Haaren und dem Cordanzug sah er wie ein schlecht gekleideter Kleinkrimineller aus.  »Und morgen?«, hakte er nach.  »Morgen auch. Mein Freund sieht es nicht gerne, wenn ich mit anderen Männern ausgehe.« Direkt blickte sie ihm in die Augen.  Dass daheim lediglich eine leere Wohnung auf sie wartete, verkniff sie sich zu sagen.   »Ach, Sie sind liiert?« »Ja«, log sie ihm ins Gesicht. Ihr neuer Chef hatte nicht vollständig versagt – Lügen hatte sie recht schnell von ihm gelernt.  »Na dann sollten Sie wieder an die Arbeit gehen. Damit Sie Ihre Arbeit schaffen.«  Alyssa überlegte, verkniff sich jedoch einen weiteren Kommentar und presste die Lippen zusammen. Als sie das Büro verließ,  konnte sie spüren, dass sein Blick auf ihrem Po lag, und ignorierte es. Zum wiederholten Male wunderte sie sich darüber, dass er  zum Abteilungsleiter befördert worden war. Missmutig ging sie in ihr Büro, setzte sich auf den Stuhl und starrte auf den Monitor.  »Wollte irgendjemand etwas von mir?«  Alyssa sah auf. Anna, ihre Arbeitskollegin, stand mit einem Stapel Papiere in der Hand im Türrahmen und blickte herein. »Ja,  unser Chef wollte einen Kaffee. Ich habe ihm einen gebracht.« Sie blickte den Stapel Papiere in Annas Händen an. »Wo warst  du?«, fragte sie.  Ihre Arbeitskollegin hob den Stapel hoch. »Ich musste diese Papiere für unseren Chef kopieren. Er selbst hat mich in den  Kopierraum geschickt.« Alyssa runzelte die Stirn. Entweder litt ihr Chef an Demenz, oder er liebte es, sie herumzukommandieren. Sie tippte auf das  zweite. Doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Anna sich bereits auf dem Absatz umgedreht.  Seufzend blickte Alyssa auf die Uhr an der Wand. Noch eine Stunde, dann stand erst einmal das Wochenende vor der Tür. Bis  dahin sollte sie die Zeit sinnvoll nutzen. Sie starrte wieder auf ihren Monitor und konzentrierte sich auf die darauf geöffnete Datei.   Von einer Sekunde zur anderen stellten sich plötzlich Alyssas Nackenhaare auf. Das Gefühl, beobachtet zu werden, überkam sie.  Sofort sah sie auf, aber sie war allein.   Langsam, aber unaufhaltbar, ergriff ein ungutes Gefühl von ihrem Körper Besitz, und ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken.  Als würde ein leichter Eishauch ihre Haut streifen, sodass die kleinen Härchen auf ihren Armen sich aufstellten. Schon wieder. Die  ganze Woche schon hatte sie dieses ungute Gefühl verspürt, wenn sie in ihrer Mittagspause im nahegelegenen Park spazieren  gegangen war. Immer hatte das Gefühl sie begleitet und erst aufgehört, wenn sie das Bürogebäude wieder betreten hatte.  Alyssa stand auf und ging zur Tür, doch niemand befand sich auch nur in der Nähe ihres Büros. Kopfschüttelnd ging sie zum  Fenster und sah hinaus.  Sie betrachtete aufmerksam die Gegend, die sie von ihrem Fenster im Obergeschoss aus sehen konnte. Auf der Straße liefen die  Menschen hektisch hin und her und sahen weder nach links noch nach rechts. Ein typisches, für Frankfurt nachmittägliches Bild.  Der Himmel war grau, und die Bäume, die die andere Straßenseite zierten, hatten fast alle Blätter verloren und wirkten wie alte,  knochige Gestalten. Unverkennbar war der Winter im Anmarsch.  Alyssas Blick blieb an einer Gestalt hängen, die sich halb hinter einem Baumstamm verbarg. Diese hatte ihren Hut tief ins Gesicht  gezogen und das Gesicht mit einem Schal vermummt. Lediglich die Augen waren zu sehen, die die Gegend zu beobachten  schienen. Als die Person das Gesicht hob und zu ihr hochblickte, glühten deren Augen rot auf. Das ungute Gefühl in Alyssa nahm  immer mehr zu. Spinnweben aus Eis schienen sich plötzlich ihren Weg durch ihren Körper zu bahnen. Sie schienen langsam alle  Organe zu umhüllen und sie für sich in Anspruch zu nehmen. Alyssa blinzelte, aber noch immer sahen die Augen der fremden  Person so aus, als leuchteten sie rot. Ihr Sehsinn musste ihr einen Streich spielen. Schnell machte sie einen Schritt vom Fenster weg. Die Kälte nahm augenblicklich  ab. »Willst du auch noch einen Kaffee?«  »Was?« Alyssa wirbelte herum und starrte Anna an, die im Türrahmen stand. Innerhalb einer Sekunde war die Kälte plötzlich nicht  mehr zu spüren, so als wäre sie nie da gewesen.  »Ich habe dich gefragt, ob du auch noch einen Kaffee willst«, wiederholte Anna ihre Worte.  »Äh, nein.« Alyssa brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln, und schüttelte den Kopf. »Zuviel Koffein vertrage ich nicht.  Sag mal … hast du Lust, morgen ins Kino zu gehen? Es läuft ein neuer Action-Film. Wir waren schon lange nicht mehr im Kino.«  »Ich kann leider nicht, ich habe ein Date. Mit Chris«, antwortete Anna.  Alyssa konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. »Etwa der Chris aus der Buchhaltung?«  »Ja, genau der. Endlich hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen möchte.« Anna strahlte, und ihre Wangen glühten leicht. Mit  dem Zeigefinger wickelte sie sich eine Strähne ihres halblangen, braunen Haares auf. Sie schien es kaum abwarten zu können.  Alyssa freute sich für ihre Freundin. Sie selbst hatte seit ihrer letzten Verabredung den Männern erst einmal abgeschworen. Sie  hatte keine Lust darauf, sich vehement dagegen wehren zu müssen, gleich beim ersten Date im Bett zu landen.  »Willst du nicht doch einen Kaffee?«  »Nein, danke – das Koffein. Aber danke der Nachfrage«, antwortete sie.  Als Anna gegangen war, schielte Alyssa wieder zum Fenster. Langsam ging sie darauf zu und ließ ihren Blick die Straße  entlangwandern. Doch die Person mit den rot leuchtenden Augen war verschwunden.  *** Alyssa schreckte aus dem Schlaf hoch. Schon wieder verspürte sie dieses ungute Gefühl. Ob sie deswegen aufgewacht war?  Schlaftrunken setzte sie sich auf und sah sich um. Das Licht der Straßenlaternen erhellte gerade so weit den Raum, dass sie den  Schrank, die Kommode und den Stuhl, der vor lauter Kleidern eigentlich gar nicht zu sehen war, erkennen konnte. Die Uhr neben ihr  zeigte halb eins an. Nicht nur, dass dieses seltsame Gefühl sie seit Tagen verfolgte – nein, jetzt spürte sie es auch noch mitten in  der Nacht. Ob jemand in der Wohnung war?  Mit klopfendem Herzen horchte sie in die Dunkelheit hinein, aber sie konnte kein einziges Geräusch hören. Langsam stand sie  auf und sah sich suchend um. Ihr Blick blieb an einem Kleiderbügel hängen, der einsam an der Schranktür hing. Er war nicht die  perfekte Waffe, doch immer noch besser als gar kein Schutz.  Auf ihrer Haut lag ein dünner Schweißfilm und ihr Pyjama klebte an ihr, als sie mit dem Bügel in der Hand leise die  Schlafzimmertür öffnete. Sie horchte wieder, aber sie vernahm kein einziges Geräusch. Das ungute Gefühl jedoch haftete an ihr  und durchströmte sie unentwegt. Sie ging durch die Wohnung, in jedes Zimmer, doch niemand war hier.   Wieder hellwach ging sie zurück in ihr Schlafzimmer und sah aus dem Fenster. Sie ließ ihren Blick über die schwach beleuchtete  menschenleere Straße schweifen. Ein paar Meter weiter konnte sie vor einem Baum eine Gestalt ausmachen. Im Dunkel war sie  nur schwer zu erkennen, da sie anscheinend dunkle Kleidung trug, aber Alyssa konnte menschliche Umrisse erkennen, die sich  bewegten. Beunruhigt starrte sie die Gestalt an, und das ungute Gefühl in ihr nahm zu.  Als plötzlich die Augen der Person rot aufleuchteten, meinte Alyssas Herz aussetzen zu müssen. Fäden aus Eis liefen durch ihren  ganzen Körper. Sie hinterließen eisige Kälte und vermischten sich mit dem Gefühl von Angst. Erschrocken machte sie einen Schritt  rückwärts, sodass sie aus dem Sichtfeld des Unbekannten geriet, und stand erstarrt in ihrem dunklen Schlafzimmer. Ihr Herz meinte  nun, die versäumten Schläge nachholen zu müssen, und schlug wie wild.   Was war denn nur mit ihr los? Seit wann ließ sie sich von Angst derart lähmen? Doch ihr Bauchgefühl, auf das sie zu vertrauen  gelernt hatte, riet ihr davon ab, die Flucht nach vorn anzutreten.   Als mit einem Mal die Eiseskälte von ihr abließ, wartete Alyssa noch eine Minute, dann schlich sie langsam wieder zum Fenster  und spickte hinaus. Sie ließ ihren Blick in alle Richtungen schweifen, konnte jedoch keine Gestalt mehr in der Dunkelheit  ausmachen.  Das reichte. Schnell ging sie in ihr Arbeitszimmer und lief im Dunkeln zu ihrem Schreibtisch. Als sie mit dem Fuß gegen die mit alten  aussortierten Kleidern befüllte Kiste stieß, die seit mehreren Wochen an derselben Stelle vor ihrem Schreibtisch stand, stöhnte sie  unterdrückt auf. Vorsichtig setzte sie sich auf den altersschwachen Bürostuhl und schaltete den Computer an. Sie wartete, bis er  hochgefahren war, dann öffnete sie den Browser und gab die Wörter Frankfurt und Privatdetektiv ein. Das Ergebnis war  ernüchternd – knapp einhunderttausend Treffer wurden angezeigt. Sie atmete tief ein, besah sich die Ergebnisse und klickte  skeptisch eine Website an.
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