© 2015 Mystery Art, Nicole Zagar und Melanie Fenrich GbR
Leseprobe
Kapitel 2 2. Jack – Samstag, 0:05 Uhr Jack sah zum Himmel, der von dunklen Wolken bedeckt war. Weder der Mond noch ein einziger Stern waren zu sehen. Die Straßen  wurden lediglich von dem schwachen Licht der Straßenlaternen beleuchtet. Es war sehr ruhig, für seinen Geschmack fast schon zu  ruhig.   Wie ein Schatten bewegte er sich zwischen den wenigen Bäumen, die die Straße zierten, bemüht, nicht ein einziges Geräusch zu  verursachen, und folgte unbemerkt seiner Zielperson. Frau Winter sah sich immer wieder um, aber er hielt sich weit genug entfernt,  sodass sie ihn nicht bemerken konnte. Sie lief ein bisschen geduckt, so als hätte sie ein schlechtes Gewissen. So wie es aussah, konnte er seinem Klienten früher Informationen geben, als er gedacht hatte. Herr Winter war schließlich erst  vor drei Tagen in sein Büro gekommen, weil er den Verdacht hatte, dass seine Frau eine Affäre habe. Seitdem hatte Jack sie fast  ununterbrochen beschattet, aber der Verdacht hatte sich nicht im Geringsten erhärtet. Aber anscheinend war er jetzt doch  gezwungen, Herrn Winter die schlechte Nachricht zu überbringen. Vielleicht hatte seine Ehefrau aber auch eine gute Erklärung  dafür, dass sie um zwölf Uhr nachts durch die dunklen Straßen schlich. Dies war eine der Nächte, in der er seinen Job nicht allzu sehr mochte. Ihm war es zuwider, Ehemännern oder Ehefrauen die  Nachricht und die Beweisfotos dafür zu überbringen, dass der andere Part fremdging. Das Traurige war jedoch, dass die Eheleute,  die den Verdacht hegten, fast ausnahmslos richtiglagen. Nur ein einziges Mal hatte eine Ehefrau wochenlang eine große Feier für  ihren Mann zu seinem Geburtstag vorbereitet. Dafür hatte sie sich viele Tage und Nächte aus dem Haus geschlichen, und natürlich  hatte der Ehemann bei den seltsamen Ausreden den Verdacht hegen müssen, dass seine Frau fremdging. Als Jack ihm die gute  Nachricht überbracht hatte, hatte der Mann ihn weinend in den Arm genommen. Jack hatte nicht gewusst, wie er mit der Situation  umgehen sollte. Körperliche Nähe, vereint mit zu vielen Emotionen, war ungesund.  Er schnaubte. Als er sein Büro Jack Smith – Beobachtungen aller Art eröffnet hatte, hatte er nicht im Geringsten damit gerechnet,  dass achtzig Prozent seiner Aufträge darin bestanden, einen untreuen Ehepartner ans Messer zu liefern. Diese Tätigkeit war  ermüdend, aber seine Rechnungen mussten bezahlt werden. Ihn dürstete nach einem harten, ermüdenden Kampf, bei dem es um  Leben und Tod ging. Bei seinen Partnern im Box-Club konnte er dieses Bedürfnis nicht annähernd stillen. Wozu hatte er denn in  letzter Zeit so viel trainiert?  Simone Winter hielt vor einem Mehrfamilienhaus und klingelte, und Jack blieb stehen und verschmolz mit der Wand. Wieder  konnte er sehen, wie sie sich nach allen Seiten umdrehte.  Als sich die Tür öffnete und die Frau dahinter verschwand, verließ er seine Deckung. Er schlich zum Haus, das sie betreten hatte,  und inspizierte eingehend die Fenster im Erdgeschoss. Doch nur in einem der Zimmer brannte Licht. Ein junges Liebespaar sah  einen Horrorthriller, und die Frau drückte sich eng an ihren Freund, der das sichtlich genoss.   Frau Winter musste sich in einer Wohnung in den oberen Etagen befinden. Jack warf einen Blick auf die Umgebung. Perfekt.  Genügend Bäume, auf die er klettern konnte. Mit einem Klimmzug zog er sich an einem knochigen Baum hoch und kletterte hinauf  in die Äste. Er holte aus seinem Rucksack seine Kamera und richtete sie auf das Haus. Recht schnell konnte er Frau Winter finden,  die leidenschaftlich jemanden küsste. Nein, es war leider nicht der Ehemann. Jack drückte auf den Auslöser der Kamera.  Als er genügend aussagekräftige Fotos geschossen hatte, setzte er die Kamera ab und schnaufte tief durch. Bis dass der Tod  euch scheidet – warum war das nur so schwer umzusetzen? Er schnaubte erneut und verstaute die Kamera wieder in seinem  Rucksack, dann hangelte er sich an den Ästen hinunter und klopfte sich die Hosenbeine ab.   Noch einmal sah er zu dem Fenster hoch, hinter dem das Licht erlosch. Perfektes Timing. Gleich morgen früh würde er seinen  Auftraggeber anrufen und ihn um ein Treffen bitten.  Als er langsam die Straße zurücklief, konnte er plötzlich über sich einen schwarzen Schatten sehen, der von Haus zu Haus  sprang. Jack kniff die Augen zusammen. Das konnte doch nicht sein. Er sprintete die Straße entlang, in die Richtung, in die sich die  Gestalt bewegte, aber seine Verfolgung endete abrupt, als er in einer leeren, kleinen Sackgasse stand. Er rannte zurück und bog  noch einmal ab, aber auch in dieser Straße war der Schatten nicht zu sehen. Erneut blickte Jack über die Häuserdächer, aber er  sah nichts mehr, was sich bewegte. Als sein Handy in der Jackentasche vibrierte, nahm er es heraus und sah auf das Display. Die Telefonnummer, die angezeigt  wurde, war ihm unbekannt. Ein neuer Auftrag? Noch einmal sah er in alle Richtungen, aber er war allein.  »Smith.« »Guten Tag, Herr Smith. Mein Name ist Alyssa MacKee. Entschuldigen Sie, dass ich Sie mitten in der Nacht anrufe, aber auf Ihrer  Internetseite stand, dass Sie Tag und Nacht erreichbar sind. Ich habe einen Auftrag für Sie.«  Der Stimme nach zu urteilen war die Frau noch sehr jung, keine dreißig Jahre alt. Er stöhnte innerlich auf – nicht schon wieder die  Beschattung eines untreuen Partners. »Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte er in neutralem Tonfall und versuchte, sich seine  Abneigung nicht anmerken zu lassen.  »Das würde ich gerne persönlich besprechen«, antwortete die Stimme. »Wann haben Sie denn einen Termin frei?«  Jack sah auf seine Uhr. Es war zwar mitten in der Nacht, aber er war hellwach und hatte gerade seinen letzten Auftrag  abgeschlossen. Und so wie es aussah, war sein Gegenüber am Telefon genauso nachtaktiv wie er. »Wie wäre es mit gleich? In  meinem Büro?«  Kurz war es still in der Leitung. »Jetzt gleich? Okay … ich bin in knapp einer Viertelstunde bei Ihnen.« 
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