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Gestatten, Smith - Band 2
Kapitel 1 1. Jack – Montag 11:15 Uhr »Elliot, Eduard oder Edgar?«  Jack, der die Ausgaben für den letzten Auftrag zusammenstellte, sah auf. »Edgar?«, fragte er mit gerümpfter Nase. »Sehe ich  tatsächlich aus wie ein Edgar?«  Alyssa drehte sich auf dem Stuhl um, auf welchem sie stand, um den Schrank vom Staub zu befreien. »Ich weiß nicht, wie ein  Edgar aussieht. Ich habe nie einen getroffen«, antwortete sie grinsend. »Keine Angst – den Buchstaben E habe ich bald durch.  Dann wenden wir uns dem F zu …« Sie widmete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Schrank und wischte weiter mit dem Staubwedel  über dessen Oberfläche.  Das konnte lustig werden. Jack beobachtete sie, wie sie auf dem Stuhl stand und sich reckte, um auch die hintersten Winkel zu  erreichen. Die Jeans, die sie trug, betonten perfekt Alyssas weibliche Rundungen. Obwohl seine Partnerin keinen Sport trieb, hatte  sie eine gute Figur – bei ihrer Größe von fast einem Meter und achtzig ein absoluter Hingucker. Als Mann musste man hinsehen –  auch wenn man, so wie er, kein Interesse an einer ernsten Beziehung hegte.   Er legte den Kopf schief und besah sich Alyssas Po. Er wusste, es war an der Zeit, wieder auszugehen und sich wie ein Mann zu  fühlen. Es war viel zu lange her.  »Himmel, ist hier staubig. Das war schon lange notwendig. Haben Sie hier oben ein einziges Mal staubgewischt?«, fragte sie,  ohne sich erneut umzudrehen.  »Äh, nein«, erwiderte er und räusperte sich.   Er sah sich in seinem Büro um. Seit Alyssa seine Partnerin war, hatte sich sein Büro sehr verändert. An Mobiliar war es durch  einen Schreibtisch, einen Bürostuhl und einen Aktenschrank bereichert worden, und Chaos war Ordnung gewichen. Sie hatte sich  jeden einzelnen Papierberg vorgenommen, sortiert und die wichtigen Unterlagen in einer Akte in dem neuen Aktenschrank abgelegt.  Kein einziger Stapel mit Papieren türmte sich mehr auf.  Natürlich wirkte das Büro jetzt wesentlich einladender, aber er hatte sich erst an die Ordnung gewöhnen müssen. Lange hatte er  immer wieder Dokumente gesucht, bis er Alyssas System endlich durchschaut hatte. In seinem Chaos hatte er sich immer bestens  zurechtgefunden. Er seufzte. Fast vermisste er seine jahrelang gewohnte Unordnung. Er ließ seinen Blick über die Wände  schweifen, an denen nun gerahmte Kunstdrucke von Dali hingen.  »Sie geben mir aber auch gar keinen Tipp«, lamentierte Alyssa und hustete aufgrund des Staubes, den sie aufgewirbelt hatte.  »Tipp?«  Vorsichtig stieg sie vom Stuhl und stellte diesen in die Ecke. Jack sah ihr zu, wie sie mit dem Staubwedel über die Sitzfläche des  Stuhls wischte. »Was für einen Tipp?«  »Na, wie Sie tatsächlich heißen.« Sie setzte sich auf den Bürostuhl hinter ihrem Schreibtisch, der seinem gegenüberstand, lehnte  sich zurück und beäugte ihn kritisch. »Nicht der kleinste Hinweis, ob es ein amerikanischer oder ein anderssprachiger Name ist.  Genauso wenig, wie Sie damit herausrücken, wie alt Sie nun tatsächlich sind.«  Jack lächelte. »Zum wiederholten Male: Warum interessiert Sie das?«  »Weil ich gerne etwas über die Person weiß, mit der ich zusammenarbeite. Aber in den vier Monaten unserer Partnerschaft haben  Sie nicht allzu viel von sich preisgegeben.« Alyssa legte den Kopf schief und betrachtete ihn nachdenklich. »Außerdem wollten Sie  mir erzählen, wie Sie zu Ihrer Narbe gekommen sind.«  »Wollte ich das?« Unbewusst strich er sich über die Narbe auf seiner Wange. »Bis jetzt hatten wir nicht viel freie Zeit, in der wir  über Privates hätten reden können.« Er räusperte sich erneut. Außerdem war er der Meinung, dass er bereits sehr viel von sich  erzählt hatte. »Keine freie Zeit?«, fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. »Na ja … so würde ich das nicht sagen. Gerade gestern, als wir  Herrn Fischer beschattet haben, hatten wir mehrere Stunden Zeit, die wir nahezu schweigend verbracht haben.«  Jack lehnte sich ebenfalls in seinem Bürostuhl zurück. Unter nahezu schweigend verstand er etwas anderes. »Wie ich Ihnen  bereits gestern und auch die vielen Male davor gesagt habe, müssen Sie lernen, sich rein auf die Beobachtung zu konzentrieren.  Geschwätz lenkt nur ab.« Alyssa überkreuzte die Arme. »Wie ich gestern schon gesagt habe … ich bin des Multitaskings fähig.« »Und wie ich Ihnen gestern gesagt habe …« Er lehnte sich wieder vor und legte die gefalteten Hände auf seinen Schreibtisch.  »Ich nicht.« »Wie geht es eigentlich Liam? Er hat sich lange nicht gemeldet.«  Über den plötzlichen Themenwechsel überrascht, lehnte Jack sich wieder in seinen Stuhl zurück. »Liam? Das letzte Mal habe ich  Liam vor drei Tagen gesehen. Er wollte an diesem Abend auf die Piste gehen und ein bisschen Spaß haben. In Anbetracht der  Tatsache, dass er sich seitdem nicht gemeldet hat, gehe ich davon aus, dass er noch immer seinen Spaß hat.« »Ja, das kann ich mir bildlich vorstellen.« Sie verzog den Mund. »Hatte Liam jemals eine feste Beziehung?«, fragte sie neugierig.  »Ja, eine.«  »Was ist passiert?« Jack dachte kurz nach, bevor er antwortete. »Liam und Anna lebten drei Jahre lang glücklich miteinander. Liam kaufte sogar  einen Verlobungsring. Er ging früher als gewöhnlich heim, um Anna zu überraschen und ihr diese eine Frage zu stellen. Als er sie  jedoch mit einem anderen im Bett erwischte, schmiss er ihr den Ring vor die Füße und tauchte ab. Ich wusste ein halbes Jahr nicht,  wo er ist und ob er überhaupt noch lebt. Irgendwann ist er wiederaufgetaucht, und seit diesem Zeitpunkt ist er so, wie er ist.« Er  machte eine kurze Pause. »So, wie er früher schon war.«  Alyssa erwiderte nichts. Es war ihr deutlich anzusehen, dass es in ihrem Kopf fieberhaft arbeitete. Ob sie dies als Rechtfertigung  für Liams Ego hinnehmen konnte.  »Und Traian? Hat der sich gemeldet?«  Schon wieder so ein plötzlicher Themenwechsel. »Nein«, antwortete er verblüfft. »Warum fragen Sie?«  »Nur so. Sie haben sich in letzter Zeit so viele Sorgen um Ihren Freund gemacht. Deswegen interessiert es mich, ob er sich  inzwischen gemeldet hat.«  »Mir ist bewusst, dass es im Moment bei den Vampiren heiß hergeht«, erwiderte Jack. »Jetzt, da Lutius tot ist, ist das alte System zusammengebrochen. Die Hierarchie muss sich neu bilden. Da Traian kein unwichtiger Vampir ist, wird er im Moment viel zu tun  haben.« Er lehnte sich wieder vor. »Seien Sie froh, dass Sie nichts von Vampiren hören. Wir haben auch so genug zu tun. Aber wie  ich damals sagte: Der Hauptbestandteil unserer Arbeit besteht darin, Beobachtungen durchzuführen. Lediglich Beobachtungen.  Ohne Vampire oder andere Untote …«  Als das Telefon klingelte, beäugte er kritisch das Display. Eine Telefonnummer aus dem Ausland? Der Vorwahl nach zu urteilen  handelte es sich um einen Telefonanruf aus der Schweiz.   »Ja, Smith.« »Herr Smith, guten Tag. Mein Name ist Alfons Steiner. Ich habe einen Auftrag für Sie.«  Der Stimme nach war der Mann schon etwas älter. Er sprach tief und bestimmt, aber nicht unhöflich, und hatte einen Schweizer  Dialekt. Er bemühte sich jedoch, hochdeutsch zu sprechen. »Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Steiner?«  »Das möchte ich ungern am Telefon besprechen«, kam es durch die Leitung. »Ich betreibe eine Pension in der Schweiz und bitte  Sie herzukommen. Natürlich können Sie während dieser Zeit kostenlos in der Pension wohnen. Über Ihr Honorar können wir  sprechen, wenn Sie hier sind – Geld ist kein Problem.«  Jack runzelte die Stirn. »Wie kommt ein Pensionswirt in der Schweiz auf einen Privatdetektiv in Frankfurt?«, fragte er interessiert.  »Sie wurden mir wärmstens empfohlen, Herr Smith. Mir wurde gesagt, dass Sie Beobachtungen der anderen Art durchführen.  Und über genau diese andere Art sollten wir uns unterhalten«, erwiderte die Stimme aus dem Telefonhörer. »So schnell wie  möglich.« »Wie schnell?« »Schnellstmöglich. Ich habe mir herausgenommen, für Sie und Ihre Partnerin einen Flug von Frankfurt nach Zürich zu buchen.  Heute Abend um halb sechs geht Ihr Flieger. Florian, unser Mann für alles, wird Sie vom Flughafen abholen, die Fahrt hierher  dauert knapp zwei Stunden. Wenn Sie angekommen sind, können wir reden.«  Jack überlegte. Dieser Auftrag schien seinem Auftraggeber sehr wichtig zu sein. Auch wenn er Alyssa gerade noch gesagt hatte,  dass sie froh sein solle, nichts von Vampiren zu hören, verspürte er selbst langsam das Bedürfnis nach mehr als nur einer  Beobachtung. Es wurde Zeit für einen Auftrag der anderen Art. Und ein Kurztrip in die Schweiz war nicht zu verachten.  »Okay, Herr Steiner. Wir sehen uns heute Abend in Ihrer Pension«, erwiderte er und legte auf. Lächelnd sah er Alyssa an.  »Gehen Sie heim und packen Sie Ihren Koffer. Wir fliegen heute Abend nach Zürich.«  »Nach Zürich?«, fragte sie mit großen Augen und setzte sich in ihrem Stuhl auf.  »Ja, nach Zürich. Da scheint jemand ein wichtiges Anliegen zu haben und will uns beauftragen. Genaueres weiß ich nicht. Wir  fliegen noch heute in die Schweiz.« 
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