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Gestatten, Smith - Band 2
Kapitel 2 2. Alyssa – Montag 21:15 Uhr Alyssa stieg aus dem Auto aus und sah sich um. Die Pension, in der sie wohnen würden, ragte inmitten eines riesigen Grundstücks  vor ihnen auf. Das Gebäude schien schon mehrere hunderte Jahre alt zu sein und erinnerte an eine kleine Burg. Entlang des  Weges, der zur Pension führte, standen Laternen, die mit ihrem Licht die Richtung wiesen und eine unheimliche Atmosphäre  verbreiteten.  Das Grundstück lag abseits des nahegelegenen Ortes. Im Hintergrund, hinter einem kleinen Wäldchen, sah Alyssa gerade noch  die Umrisse von Bergen, die eine eigenwillige Form aufwiesen und an eine Krone erinnerten. Sie nahm den würzigen Duft von Wald  und den süßen von Blumen wahr und atmete tief ein.  »Was rieche ich hier?«, fragte sie.  »Das sind Flühblümchen und Enzian«, antworte Florian, der sie abgeholt hatte. »Dieses Jahr blühen sie früher und verströmen  schon jetzt ihren süßen Geruch.« Alyssa sog tief die Luft ein. Die Luft hier war so anders als die in Frankfurt. Als plötzlich drei ausgewachsene Dobermänner auf sie  zukamen und sich vor ihnen aufbauten, erstarrte sie. Sie mochte Hunde, aber seit sie von einem Schäferhund gebissen worden  war, war sie bei großen Hunden vorsichtig.  Der Mann für alles sah die Hunde streng an. »Platz!«, sagte er bestimmt, und Alyssa sah erleichtert, dass die Hunde sofort  gehorchten.  »Sind die Hunde aggressiv?«, fragte sie, ohne sich zu bewegen.  »Nein, überhaupt nicht«, antwortete Florian lächelnd. »Sie sind lammfromm.«  Alyssa musterte die Hunde und konnte erkennen, dass ihre Schwänze auf dem Boden hin und her wedelten und diesen vom  Dreck befreiten. Sie machten tatsächlich keinen aggressiven Eindruck. Sie ging in die Hocke. »Na, ihr? Wie heißt ihr denn?«  Langsam streckte sie den Arm aus, um die Hunde daran schnuppern zu lassen, die sich sofort mit dem ihnen unbekannten Geruch  vertraut machten.  »Sie heißen Attila, Khan und Hannibal. Sie sind ganz besondere Wachhunde, denen nichts entgeht. Gell, Attila?« Er streichelte  einem der Hunde über den Kopf. Dieser ließ sich das gern gefallen und zeigte seine Freude darüber mit einem kurzen Bellen.  »Attila ist der Anführer und größte der Hunde, Khan erkennt man daran, dass er ein bisschen hinkt, und Hannibal ist der kleinste  von ihnen.«  »Aha. Dann bist du also Hannibal«, sagte Alyssa zu dem Hund, der direkt vor ihr saß. Sie streichelte ihm über den Kopf, worauf  ihr Khan ebenfalls seinen Kopf entgegenstreckte. »Ja, du bist natürlich auch ein ganz Toller«, sagte sie und kraulte ihn hinter den  Ohren.  »Wir sollten ins Haus gehen. Herr Steiner wartet schon.«  Sie blickte zu Florian auf, der ihre Koffer aus dem Kofferraum geholt hatte und jeweils einen in der Hand hielt. Als Jack ihm einen  abnehmen wollte, schüttelte er den Kopf. »Nicht nötig. Ich mache das.« Mit diesen Worten ging er in Richtung des Hauses.  Alyssa stand auf und folgte ihm mit Jack. Als sie durch die Tür trat, sah sie sich mit großen Augen um. Die Eingangshalle  erstreckte sich über zwei Stockwerke. Das Mobiliar bestand aus dunklem Holz und die Wände waren mit Jagdbildern geziert.  Florian lief mit den Koffern direkt zum Empfang und stellte sie davor ab.   »Warten Sie kurz hier.« Er ging den Gang entlang zu einer dunklen Holztür, klopfte und verschwand dahinter. Keine zehn  Sekunden später kam er wieder heraus. »Herr Steiner erwartet Sie.«  Alyssa und Jack folgten ihm zu der Tür und betraten den Raum. Ein großes Büro, das doppelt so groß war wie ihr eigenes,  erwartete sie. Wie in der Empfangshalle bestand das Mobiliar auch hier aus dunklem Holz. Hinter dem Schreibtisch saß ein  attraktiver, gepflegt aussehender Mann mittleren Alters, der sie freundlich und offen anlächelte.   »Herr Smith, Frau MacKee. Herzlich willkommen. Bitte setzen Sie sich.« Er deutete auf die zwei Stühle vor seinem Schreibtisch.  »Ich bin Alfons Steiner. Hatten Sie eine angenehme Reise?«  Sie setzten sich auf die bequem gepolsterten Stühle, die aussahen, als wären sie mehr wert als ihre gesamte Büroeinrichtung in  Frankfurt. »Ja, vielen Dank«, antwortete Alyssa, das Lächeln erwidernd.  Jack nickte. »Herr Steiner …«  »Das freut mich«, sagte der Pensionswirt. »Schließlich wird heutzutage überall gespart. Während Ihres Aufenthalts jedoch soll es  Ihnen an keiner Annehmlichkeit fehlen. Selbstverständlich auf Kosten des Hauses.«  »Das ist wirklich großzügig. Ich möchte nicht unhöflich erscheinen, Herr Steiner, aber …« Jack sah ihren Auftraggeber ungeduldig  an. »… ich würde doch zuerst gerne wissen, warum Sie uns engagiert haben.«  Herr Steiner nickte verständnisvoll. »Ich habe Sie hergebeten, weil mir etwas Wichtiges gestohlen wurde, Herr Smith. Ah, Florian,  vielen Dank.«  Alyssa sah zur Tür, die geöffnet worden war. Florian kam mit einem Tablett, auf dem Gläser und kleine Wasserflaschen standen,  herein. Wortlos stellte er das Tablett auf dem Schreibtisch ab und verließ wieder das Büro.   Jack nahm eine der Flaschen, schenkte sich davon ein und trank einen Schluck. »Ein Diebstahl?«  »Einer von vielen. Diese Diebstahlserie hat vor fünf Tagen angefangen. Im nahegelegenen Ort wurde schon zweimal  eingebrochen, und gestern hier. Die Polizei ist ratlos. Sie war hier und hat die ganze Pension auf den Kopf gestellt, aber nichts  gefunden. Natürlich sind die Beamten bemüht, den Täter zu finden … aber ich denke, dass der Fall in Ihren Händen besser  aufgehoben ist.«  »Und was verleiht Ihnen die Gewissheit zu dieser Annahme?«, fragte Jack neugierig. »Ein Diebstahl ist ärgerlich, aber keinesfalls  ungewöhnlich.«  »Sie haben recht. Der Diebstahl an sich ist nicht ungewöhnlich …«, antwortete Herr Steiner und blickte Jack direkt in die Augen.  »Aber das, was gestohlen wurde, ist es. Es handelt sich um ein Buch.« Alyssa schenkte sich ebenfalls etwas zu trinken ein und trank einen Schluck. »Ein Buch?«, fragte sie verständnislos. »Was ist an  einem Buch ungewöhnlich?«  »Nun ja …«  Ihr Auftraggeber stand auf und ging zu einer Vitrine und begutachtete die Gegenstände, die darin lagen. Alyssas Blick folgte dem  seinen. In der Vitrine lagen verschiedene handgeschnitzte Pfeifen.  »Sie müssen wissen … das Buch ist sehr alt. Es befindet sich schon lange in meinem, beziehungsweise in dem Besitz meiner  Vorfahren. Wir sind sogenannte Hüter.« Er ging zu seinem Stuhl zurück und setzte sich wieder. Abwechselnd sah er sie an. »Es ist  unsere Aufgabe, das Buch des Bösen zu behüten.«  »Das Buch des Bösen?«, wiederholte Jack die Worte ungläubig. Er lehnte sich in seinem Stuhl vor. Sein Gesicht verriet deutlich  seine Neugier.  »Ja. Das Buch enthält die größte Ansammlung von Wissen über schwarze Magie. Es wurde von dem mächtigsten Magier der  schwarzen Magie selbst niedergeschrieben.«  »Schwarze Magie?« Alyssa lehnte sich ebenfalls vor. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf, und ein mulmiges Gefühl  überkam sie. »Ja. Schwarze Magie – das Pendant zu weißer Magie. Magie, die dazu dient, Böses zu tun. Sie ist um ein Vielfaches mächtiger  als weiße und sehr gefährlich. Deswegen behüten wir schon viele Jahrhunderte dieses Buch. Damit es nicht in falsche Hände  gerät.«  »Jahrhunderte?«, fragte Alyssa skeptisch.  »Seit genau vierhundertvierunddreißig Jahren. Ich selbst hüte es seit fünfundsiebzig Jahren.« Herr Steiner lächelte sie an. »Ich  sehe etwas jünger aus, als ich tatsächlich bin. Hüter altern langsamer. Lassen Sie sich davon nicht beirren.«  Eingehend musterte Alyssa ihren Auftraggeber. Er sah nicht älter als fünfundvierzig aus. Mit seinen halblangen braunen Haaren,  dem herzförmigen Gesicht und der schlanken Statur sah er sehr attraktiv aus. Sein Lächeln spiegelte sich in seinen Augen wider.  Sie hätte gern gewusst, wie viel etwas jünger war.   »Ich sehe in Ihrer beider Augen die Frage, ob ich ein Mensch bin … Ja, ich bin ein Mensch.« Herr Steiner nickte. »Hören Sie … In  den falschen Händen ist dieses Buch äußerst gefährlich. Keiner der Zaubersprüche darf ausgesprochen werden – es könnte  verheerende Folgen haben. Es hat seinen Grund, dass das Buch noch nie geöffnet wurde …«  Jack runzelte die Stirn. »Aber wenn das Buch noch nie geöffnet wurde – woher wollen Sie wissen, dass es so gefährlich ist?«  »Dieser Magier war sehr gefährlich. Es gibt verschiedene Legenden, die sich um ihn und das Buch ranken, keine davon hat ein  gutes Ende. Überall, wo der Magier war, hat er Unheil hinterlassen. Viele andere Zauberer haben versucht, ihn zu bekämpfen, doch  sie hatten keinen Erfolg. Und plötzlich war der Magier einfach verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst. Eine der Legenden  erzählt davon, dass seine Seele in dem Buch gefangen ist und dort weiterlebt. Sie ernährt sich von den Seelen derer, die in dem  Buch lesen, und verführt sie zu bösen Taten.« Der Pensionswirt sah sie ernst an. »Deswegen müssen wir das Buch  schnellstmöglich finden.«  »Aber wenn die Polizei alles durchsucht und nichts gefunden hat, wird das Buch längst weg sein«, sagte Jack. »Es kann bereits  außer Landes sein.«  »Das bezweifle ich«, erwiderte Herr Steiner. »Das Buch muss noch immer irgendwo hier in der Pension sein.«  »Wie kommen Sie darauf?«  »Ganz einfach – wegen Attila, Hannibal und Khan.« Ihr Auftraggeber machte eine kurze Pause. »Gestern Morgen um drei Uhr  habe ich nach dem Buch gesehen, da war es noch an Ort und Stelle. Danach habe ich mich in meinem Büro aufgehalten, und als  ich um sechs Uhr wieder nach dem Buch gesehen habe, war es weg. Aber kein einziges Mal hat einer der Hunde gebellt. Sie  müssen wissen – die drei sind sogenannte Hüterhunde. Mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, sind sie die besten Wachhunde,  die es gibt. Niemand – und ich betone niemand – schafft es, sich mit dem Buch an ihnen vorbeizuschleichen. Nicht einmal ich. Sie  würden sofort anschlagen. Ansonsten sind sie lammfromm. Lammfromm, aber wachsam. Nein, niemand hat die Pension verlassen.  Das Buch muss sich irgendwo in der Pension befinden.«  Jack legte den Kopf schief. »Warum lassen Sie nicht Ihre Hunde nach dem Buch suchen?«  »Glauben Sie mir, das habe ich bereits, Herr Smith. Keiner der Hunde hat etwas gefunden. Es sind nun einmal Hüterhunde – und  keine Suchhunde.«  »War gestern jemand Fremdes in der Pension?«, fragte Alyssa.  »Nein.«  Herr Steiner sah sie nachdenklich an. »Der Dieb muss jemand vom Personal oder einer der Gäste sein. Auch wenn ich  mir nicht im Mindesten vorstellen kann, dass es jemand vom Personal ist.«  Jack runzelte die Stirn. »Wie groß ist die Pension, und wie viele Gäste beherbergen Sie derzeit?«, fragte er.  »Unsere Pension hat vierundzwanzig Zimmer, auf drei Stockwerke verteilt. Im dritten Obergeschoss im Westflügel wohnt das  Personal. Da Nebensaison ist, beherbergen wir im Moment nur vier Gäste, die alle vor dem Diebstahl hier angekommen sind. Alle  sind in der ersten Etage im Ostflügel untergebracht: die Geschwister Richard und Magdalena Wagner, Herr Robert Lindner und  Frau Tina Herzog.«  »Was wissen Sie über Ihre Gäste?«, fragte nun Alyssa. »Die Wagners aus Österreich sind hier, weil ihre Eltern, die im nahegelegenen Ort gewohnt haben, überraschend gestorben sind.  Die Geschwister sind hergereist, um alles zu regeln. Herr Lindner wohnt hier, weil er seine Nichte besucht, und Frau Herzog wohnt  eigentlich hier im Ort. Die Arme hat einen Wasserschaden im Haus, weswegen es im Moment nicht bewohnbar ist.«  Jack und Alyssa hörten ihrem Auftraggeber aufmerksam zu. »Und wie viel Personal haben Sie?«, fragte Jack.  »Hier arbeiten vier Angestellte. Florian, Tamara, Gerda und Theo. Florian, unseren Mann für alles, kennen Sie bereits. Er ist seit  zwei Jahren hier und arbeitet als Chauffeur, Portier, Kofferträger und kümmert sich um alles, was in der Pension anfällt. Tamara ist  seit vier Jahren hier und unser Mädchen für alles. Sie ist für die Zimmer zuständig und im Restaurant tätig. Gerda, die Köchin, ist  schon immer bei uns, und Theo, der Gärtner, ist seit einem Monat hier. Wie ich bereits gesagt habe – eigentlich habe ich vollstes  Vertrauen zu ihnen.«  »Weiß Ihr Personal, dass Sie ein Hüter sind und dieses Buch beschützen?«, fragte Jack neugierig.  »Gerda ist die Einzige, die es weiß.« Der Pensionswirt lächelte. Er erinnerte Alyssa an ihren Vater, der das gleiche offene Lächeln  hatte. »Gerda ist seit fünfundvierzig Jahren bei mir. In der Zeit habe ich mich optisch nicht wesentlich verändert, was natürlich  Fragen aufwirft. Aber Gerda interessiert das nicht. Die Gute hält sich nur in der Küche auf, in der sie sich kulinarisch austobt. Florian  und Tamara wissen nur, dass ich in einem der Kellerräume alte Familienerbstücke aufbewahre, was nicht einmal gelogen ist. Und  Theo war noch nie im Keller.«  »Ich möchte sehen, wo das Buch gestohlen wurde«, erwiderte Jack und setzte sich aufrecht hin.  »Es ist schon spät. Gleich morgen früh zeige ich Ihnen den Raum.« Herr Steiner lächelte sie an. »Jetzt wird Florian Ihnen erst  einmal Ihre Zimmer zeigen. Sie sind in der ersten Etage im Westflügel untergebracht. Morgen reden wir über die Einzelheiten.«  *** Als Alyssa aufwachte, lag ihr Zimmer in Dunkelheit. Ihr Handy zeigte drei Uhr morgens an, und sie hatte unsäglichen Durst. Sie  betätigte den Lichtschalter neben dem Bett, stand auf und suchte nach einer Flasche Wasser. Doch weder ein Kühlschrank noch  etwas zu trinken war vorhanden. Aber unten am Empfang war bestimmt jemand, der ihr etwas zu trinken besorgen konnte.  Sie zog sich einen Morgenmantel über und verließ das Zimmer. Der Gang war in ein schummriges Licht getaucht. Nur vage sah  sie die lächelnden Gesichter an den Wänden, die von links und rechts auf sie herabblickten. Mehrere Generationen schienen hier  auf Leinwand gebannt. Vor der Treppe blieb sie stehen und blickte auf die mindestens zweieinhalb Meter hohe, übergroße Rüstung,  die sich genau gegenüber der Treppe befand. Bei deren Anblick überkam sie ein Frösteln.  Alyssa ging die Treppe nach unten zum Empfang, aber niemand saß dahinter. Nirgends war ein Angestellter der Pension zu  sehen, und einen Getränkeautomaten gab es nicht.  Ein paar Minuten wartete sie. Da jedoch niemand erschien, machte sie sich wieder auf den Weg zur Treppe. Als sie im ersten  Obergeschoss im Ostflügel ein Leuchten sah, das sich bewegte, blieb sie stehen und kniff die Augen zusammen.  Schnell lief sie die Treppe nach oben und bog rechts ab, in die ihrem Zimmer entgegengesetzte Richtung, dem Leuchten  hinterher. »Hallo?«, rief sie leise, doch sie erhielt keine Antwort. Sie bog links ab und war überrascht, als sie sich in einem leeren  Flur wiederfand. Kein Leuchten war mehr zu sehen.  Wahrscheinlich war es nur einer der Gäste gewesen, der in seinem Zimmer verschwunden war. Aber sie hatte keine Tür gehört.  Wenn alle Türen so alt waren und knarzten wie ihre, hätte sie die Tür hören müssen. Kopfschüttelnd machte sie sich auf den Weg in  ihr Zimmer. Ihren Durst hatte sie vergessen. 
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