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Gestatten, Smith - Band 3
Kapitel 1 1. Jack – Montag 15:00 Uhr Jack blickte zu Alyssa, die ihm gegenübersaß und vor sich hinträumte. »Hallo? Sind Sie bei mir, oder schweben Sie wieder auf  Wolke Sieben?« Sie sah ihn grinsend an. »Entschuldigen Sie … Was haben Sie gesagt?«  »Ich sagte, heute Abend müssen Sie Frau Dormann beobachten. Ich werde derweil Herrn Schuster beschatten.«   Jack musterte seine Partnerin und seufzte. Seit sie verliebt war, war sie des Öfteren nicht bei der Sache. Er wusste, dass  Endorphine den Verstand benebelten, und konnte nur hoffen, dass sich dies bald legte. In den letzten Monaten hatte er die  Zusammenarbeit mit seiner Partnerin zu schätzen gelernt. Ihre Anwesenheit war eine Bereicherung, für die er, trotz anfänglicher  Skepsis, dankbar war und die er sich nicht mehr wegdenken konnte und wollte. Natürlich war es ihm wichtig, dass Alyssa glücklich  war, doch er wusste nicht, warum – ihre Beziehung stieß ihm auf. Außerdem nervte dieses ständige Grinsen, dieser fortwährend  verträumte Blick auf die Dauer. »Herr Dormann wird heute Abend auf eine eintägige Geschäftsreise gehen, und seine Ehefrau wird  allein daheimbleiben. Ich könnte mir vorstellen, dass sie die Gunst der Stunde nutzt. Sie müssen an ihr dranbleiben.«  »Sind Sie es nicht auch manchmal leid, Ehepartner des Fremdgehens zu überführen und ans Messer zu liefern? Warum sind es  im Moment so viele?« Alyssa seufzte, stützte den Ellenbogen auf dem Schreibtisch auf und legte ihren Kopf auf die Hand. »Ich  habe die Akten durchgesehen. Der Monat ist erst zur Hälfte vorbei, und wir haben bereits genauso viele Klienten wie im ganzen  vergangenen Monat. Und es handelt sich ausnahmslos um Klienten, die ihre Partner der Untreue bezichtigen.«  »Es ist warm und geht auf den Sommer zu. Die Menschen gehen leichtbekleidet aus dem Haus und flirten, beschwingt durch die  Sonnenstrahlen, was das Zeug hält. Sogar Sie haben sich verliebt.«  »Richtig. Aber Verliebtsein heißt nicht, unser Klient werden zu müssen. Diese ansteigende Rate an Untreue liegt mir im Magen.  Warum? Warum verschwenden Menschen ihre Energie an eine heimliche Affäre, anstatt an ihrer eigenen Beziehung zu arbeiten?«   »Gefühle ändern sich – alles ändert sich. Beziehungen, Software … genauso wie das Wetter.«  Alyssa hob die Augenbrauen. »Sie vergleichen das Wetter mit einer Beziehung?«, fragte sie mit ironischem Unterton.  »Meinen Sie, mir gefällt das?« Jack lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Aber sehen Sie sich um. Was hat sich über die letzten  Jahrzehnte hinweg nicht verändert?«  Sie ließ ihren Blick im Büro umherwandern, bis er an ihm hängenblieb. Erst nach einigen Sekunden antwortete sie.   »Sie.« Das war wohl die falsche Frage gewesen. Er hätte sich in den Hintern beißen können. Er wusste genau, welche Frage jetzt  kommen würde.   »Jetzt rücken Sie schon damit heraus, wie alt Sie sind«, schoss es wie aus der Pistole aus ihr heraus. »Warum machen Sie nur  ein solches Geheimnis daraus?«  Er ließ ein Schmunzeln auf seinen Lippen erscheinen. Wenn er ihr sagte, wie alt er tatsächlich war, würde sie wohl umfallen.  »Weil es unwichtig ist«, antwortete er. »Sie suchen etwas, das sich in den letzten Jahrzehnten außer Ihnen nicht verändert hat … Die Ehe meiner Eltern ist noch  genauso wie vor dreißig Jahren«, triumphierte Alyssa. »Noch immer respektieren sie einander und laufen händchenhaltend herum.  Sie benehmen sich wie Teenager. Das ist manchmal richtig peinlich. Aber ich muss zugeben: Genau das wünsche ich mir auch. Das  kann doch nicht zu viel verlangt sein.«  In Alyssas Augen konnte Jack ein Glitzern sehen. Er nickte schweigend. Die ersten zweihundert Jahre seines Lebens hatte er  genauso gedacht. Viel zu lange hatte er an der Vorstellung der perfekten Beziehung festgehalten, bis er eines Besseren belehrt  wurde. »Nennen Sie es eher unerhörtes Glück, wenn Sie dem Richtigen begegnen«, entgegnete er und biss sich auf die Zunge.  »Aber so wie Sie die ganze Zeit strahlen, sieht es aus, als hätten Sie Ihr Glück gefunden.«  Alyssa grinste nun wieder von einem Ohr bis zum anderen. »Ich bin verliebt, ich kann es nicht leugnen … Lukas ist entgegen der  restlichen Männerwelt tatsächlich ein Exemplar der netten Art. Anscheinend ist diese Gattung doch noch nicht ausgestorben.« Sie  drehte sich nachdenklich eine Strähne ihres Haares, die sich aus ihrem Pferdeschwanz gelockert hatte, um den Finger.  Jack beobachtete sie einige Sekunden. »Es tut mir leid, dass ich Ihrem jungen Glück Steine in den Weg legen muss … aber Sie  müssen heute Abend Frau Dormann beschatten.«  »Das ist kein Problem.« Alyssa winkte ab. »Lukas musste wieder geschäftlich verreisen. Er kommt erst übermorgen wieder. Ich  bin also flexibel, könnte man sagen.«  »Dann haben Sie ja Zeit für Beschattungen.«  »Ja klar, schließlich nehme ich meinen Job ernst«, erwiderte sie bestimmt. »Auch wenn es stinklangweilig ist, jemanden allein zu  beschatten.« Er äußerte sich nicht zu ihrer Bemerkung und schenkte ihr nur ein schiefes Lächeln. Sie kannte seine Meinung zu dem Thema.  Geschwätz lenkte nur ab. »Sie sollten Lukas kennenlernen. Sie würden ihn mögen. Schließlich ist er wie Sie Amerikaner.«  Jack wusste nicht, warum das ein Grund sein sollte, Alyssas Freund zu mögen. »Lukas ist kein typisch amerikanischer Name«,  sagte er stattdessen. »Lukas ist zwar in Amerika aufgewachsen, aber seine Eltern sind Deutsche. Er hat sich von Minnesota nach Frankfurt versetzen  lassen, um näher bei seinem Vater zu sein, der seit einiger Zeit hier wohnt.«  Als draußen eine Frau gellend zu schreien anfing, blickten sie beide kurz auf. Bestimmt war ein Unfall passiert, wie in Frankfurt  mehrere am Tag vorkamen. Jack wartete darauf, dass der Schrei abriss, doch nichts dergleichen geschah. Gleichzeitig standen er  und Alyssa auf, liefen zum Fenster und sahen hinaus. Sie blickten in alle Richtungen, konnten jedoch keine Autos sehen, die  ineinander verkeilt waren. Geschweige denn eine Frau, die noch immer gellend schrie. Ein mulmiges Gefühl überkam ihn.  »Was ist denn da los?« Jack machte sich auf, das Büro zu verlassen. Er eilte die Stufen zum Erdgeschoss hinunter und verließ  das Gebäude. Kurz sah er sich um und lief in Richtung des nahegelegenen Parks. In die Richtung, aus der der Schrei kam. Hinter  sich konnte er Alyssa hören. »Da vorn«, brachte sie schnaufend hervor.  Jack hatte die Menschenmenge am Eingang des Parks bereits gesehen und steuerte auf diese zu. Bestimmt zwanzig Männer und  Frauen standen zusammen und betrachteten etwas in ihrer Mitte. Als er zu ihnen stieß, riss der Schrei ab. Eine Frau schob sich  durch die Menschenmenge, lief ein paar Meter abseits und beugte sich über ein Gebüsch, um sich dort zu erbrechen.   Er kniff die Augen zusammen. Was hatte die Frau so aufgebracht? Alyssa lief bereits zu ihr, um nach ihr zu sehen. Mit ungutem  Gefühl machte er sich daran, sich durch die Menschenmasse zu kämpfen.  »Gehen Sie zur Seite. Lassen Sie mich durch.« Als er den letzten Mann vor sich zur Seite geschoben hatte, konnte er endlich das sehen, was die Blicke der anderen gefangen  hielt. Am Boden, halb vom Gebüsch verdeckt, lag eine Frauenleiche. Das Gesicht und die Kleidung waren völlig verdreckt und von  Rissen übersät. Die Kehle der Frau war aufgerissen, und in Höhe des Unterleibs prangte ein großes Loch. Es sah aus, als hätte  irgendjemand seine ganze Wut am Körper der Frau ausgelassen. In der Menschenmenge schnappte Jack die Worte wahnsinnig   und wildes Tier auf. Die Leute hatten wohl recht. Er ließ seinen Blick über den zerfetzten Hals zum Gesicht der Frau wandern. Die  Frau war mittleren Alters und attraktiv, was trotz ihres zugerichteten Aussehens zu erkennen war.  Er kniete sich neben das Opfer und musterte die Wunden genauer, die unter der zerrissenen Kleidung deutlich erkennbar waren.  Die Risse in der Haut erinnerten ihn nicht an die Wunden, die von einem Messer verursacht wurden. Und dieses Loch …  »Was ist denn hier los? Oh mein Gott!« Jack sah auf und erkannte Alyssa, die die tote Frau fassungslos anstarrte. Ihr Gesicht wurde von einer Sekunde auf die andere  kalkweiß. In Anbetracht der Situation war es ein Wunder, dass sich nur eine Frau übergeben hatte. Alle anderen, die um die Leiche  versammelt waren, starrten diese verstört, aber auch fasziniert an – eine junge Joggerin, jemand, der seinen Hund ausführte, der  Großvater, der seinen Spaziergang machte, und jede Menge anderer Gestalten. Auch der Jugendliche, der Bilder mit seinem Handy  machte, fehlte nicht. Kopfschüttelnd stand Jack wieder auf. Die Sensationsgier der Menschen – das war auch etwas, was sich in all  der Zeit, in der er lebte, nie geändert hatte. Er wandte sich an Alyssa, die noch immer schweigend die Leiche anstarrte. »Ich weiß  nicht, wer oder was das war …«, sagte er leise. »Aber hier scheint …«  »Treten Sie zur Seite! Lassen Sie uns durch. Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Auch Sie da … Treten Sie bitte von der Leiche  weg.«  Jack drehte sich um und blickte der Frau, die vor ihm stand, in die Augen. Sie musste Mitte dreißig sein. Ihre dunkelbraunen  Augen, die ihn ernst ansahen, blitzten selbstbewusst auf. Mit den langen schwarzen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz  zusammengebunden hatte, war sie sehr attraktiv. Unverkennbar hatte die Frau lateinamerikanische Wurzeln. Sie hatte zivile  Kleidung an und einen Dienstausweis in der Hand, den sie ihm entgegenstreckte. Eva Castillo – Kriminalkommissarin. Neben ihr  stand ein unscheinbarer Mann im gleichen Alter, der sich jedoch zurückhielt und kein Wort sprach. Er blickte fassungslos auf die  Leiche. Sein Gesicht war wie das von Alyssa kalkweiß geworden.  »Würden Sie bitte zur Seite treten?«, wiederholte die Frau ihre Worte.  »Natürlich.«   Jack trat zur Seite, sodass die Polizistin ebenfalls einen Blick auf die Leiche werfen konnte. Kurz weiteten sich ihre Augen, aber  sie behielt die Fassung. Sie ließ den Blick in die Runde schweifen, bevor sie sich zu ihrem Partner umdrehte, der sie verstört  anblickte. »Marc. Die Leute müssen weg.«  Ihr Kollege nickte und wandte sich den Anwesenden zu. »Meine Damen und Herren … Treten Sie jetzt bitte alle beiseite.« Er ging  auffordernd auf die Menge zu, doch keiner der Anwesenden machte Anstalten, sich zu bewegen.   Die Kommissarin räusperte sich laut. »Hier gibt es nichts mehr zu sehen. Wenn irgendjemand von Ihnen meint, etwas zu dem Fall  beitragen zu können, kann er alles, was er weiß, meinen Kollegen erzählen, die dort drüben stehen.« Mit dem Finger deutete sie in  die Richtung, in der drei Polizisten in Uniform standen. »Ansonsten erwarte ich, dass Sie jetzt unverzüglich beiseitetreten und Platz  für meine Kollegen machen.«   Die Stimme der Kommissarin war bestimmend und duldete nicht den geringsten Widerspruch. Die wild zusammengewürfelte  Menge von Menschen sah sie einige Sekunden lang zögernd an, bevor sie sich aufmachte, den Platz zu verlassen.  »Kommen Sie …« Jack nahm Alyssa beim Arm. »Lassen Sie uns gehen. Wie die Polizistin gesagt hat: Hier gibt es nichts mehr zu sehen.«  »Also, was halten Sie davon?« Jack lehnte sich in seinen Bürostuhl zurück.  Alyssa saß aufrecht auf ihrem Stuhl und sah ihn noch immer leicht verstört an. Ihr Gesicht jedoch hatte wieder eine normale  Farbe angenommen. »Was soll ich davon halten? Da war ein kranker Irrer am Werk. So etwas macht niemand, der bei klarem  Verstand ist.« »Auch wenn ich Menschen viel zutraue, glaube ich nicht, dass es ein Mensch war.«  »Kein Mensch?« Alyssa sah ihn verständnislos an. »Wenn es kein Mensch war … Was dann? Ein Tier? Vielleicht ein Wolf oder  ein Bär, der aus dem Zoo ausgebrochen ist?«  »Ein Bär mitten in Frankfurt?«, fragte er mit gerunzelter Stirn. »Nein, das bezweifle ich. Das wüssten wir.«  »Sagen Sie mir bitte, dass es kein Vampir war.« »Bei Vampiren habe ich schon ähnliche Verletzungen gesehen«, sagte Jack nachdenklich und strich sich unbewusst über die  Narbe auf seiner Wange. Er zuckte mit den Schultern. »Natürlich gibt es andere Möglichkeiten. Vielleicht wirklich ein kranker Irrer,  irgendein Dämon … oder vielleicht täusche ich mich, und es war doch ein entlaufener Bär.« Er lehnte sich vor und stützte die Arme  auf dem Schreibtisch auf. »Ich will mir diese Leiche noch einmal aus der Nähe ansehen. Nennen Sie es Intuition, aber ich habe da  so ein Gefühl … Ich will mir Gewissheit darüber verschaffen, wer oder was das war, aus persönlichem Interesse. Liam kennt  jemanden aus der Rechtsmedizin. Er nimmt bestimmt gern Kontakt zu ihr auf.«   »Er kennt jemanden aus der Rechtsmedizin?«  »Ja, irgendeine Bekannte. Sie soll uns heute noch einen Besuch dort verschaffen.«  Alyssa rümpfte die Nase. »Danke, ich verzichte. Aber die Autopsie ist bestimmt erst heute Abend beendet, und Sie wollten  eigentlich Herrn Schuster beschatten.«  Er wägte ab. Einen untreuen Ehemann beschatten oder eine zerrissene Frauenleiche begutachten. Zweifelsfrei war der noch  lebende Ehemann die ästhetischere, aber auch die unspektakulärere Option. Er zuckte erneut mit den Schultern. »Dann muss Herr  Schuster eben einen Tag warten.«  Alyssa legte ihre Stirn in Falten und beobachtete ihn. »Ich verstehe Sie zwar nicht … aber wenn Sie unbedingt in die  Rechtsmedizin gehen und sich die Leiche noch einmal ansehen möchten, werde ich Sie nicht davon abhalten … Aber ohne mich.« 
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