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Gestatten, Smith - Band 3
Kapitel 2 2. Alyssa – Montag 21:51 Uhr Alyssa saß im Auto und beobachtete das Haus, vor dem sie einige Meter entfernt parkte. Herr Dormann hatte vor einiger Zeit das  Haus verlassen, und seine Frau war allein daheim. Wenn sie tatsächlich eine außereheliche Beziehung führte, würde sie die  Chance nutzen.   Zum wiederholten Mal sah Alyssa auf ihre Uhr. Es war bald zehn. Langsam musste sich etwas tun. Gelangweilt nahm sie die  Zeitschrift, die sie bereits zweimal durchgeblättert hatte, vom Beifahrersitz, als plötzlich die Haustür der Dormanns aufging. Es ging  los. Eine attraktive Frau mittleren Alters verließ das Haus und lief auf einen BMW zu. Alyssa sah auf das Foto, das Herr Dormann  ihnen gegeben hatte. Es war unverkennbar seine Ehefrau. Als Frau Dormann losfuhr, startete Alyssa ebenfalls ihren Ford Fiesta.  Sie wartete ein paar Sekunden, dann folgte sie der Frau quer durch die Stadt, immer genug Abstand haltend.  Nach einer Viertelstunde parkte Frau Dormann ihr Auto in einer leeren dunklen Gasse. Alyssa parkte einige Meter entfernt und  sah sich um. In diese Ecke Frankfurts hatte sie sich noch nie verirrt. Die eng aneinandergebauten Mehrfamilienhäuser hatten ihre  besten Tage hinter sich – die wenige Farbe, die noch nicht von der Fassade abgeblättert war, war dunkelgrau und schmutzig. Etwas  abseits der Straße konnte Alyssa ein paar Bäume und Büsche sehen – eine kleine Grünanlage, die zur Verschönerung des Gebiets  angelegt, jedoch seit langem nicht mehr gepflegt worden war. Große Müllcontainer standen davor, neben denen sich der Müll  türmte. Was wollte die Frau ihres Klienten ausgerechnet hier in dieser Gegend? Alyssa beobachtete, wie Frau Dormann ausstieg  und die Straße entlangging. Sie sah sich immer wieder um, ob ihr jemand folgte.   Alyssa stieg ebenfalls aus und ging langsam in dieselbe Richtung. Die Turnschuhe, die sie gewohnheitsmäßig bei Beobachtungen  trug, machten keinen Laut, während die Schuhe von Frau Dormann auf dem Asphalt klackerten.  Als die Ehefrau ihres Klienten in einem Lokal verschwand, steuerte Alyssa direkt darauf zu und sah durch die dreckigen Fenster.  Lokal war das falsche Wort für diese Lokalität, selbst das Wort Kneipe war noch zu gehoben. Alyssa sah kaputte Tische und Stühle  und jede Menge Typen, mit denen sie nicht in ihrer Freizeit verkehren wollte. Die Kleidung und die Tätowierungen der Anwesenden  sprachen für sich. Frau Dormann, die in ihrem feinen Kostüm allein an einem kleinen Tisch in der Ecke saß, stach heraus wie eine  rote Sonnenblume.  Was tat man nicht alles für seinen Job? Alyssa schnaufte tief durch und betrat die Lokalität. Sofort schlug ihr ein Geruch aus  Schweiß und Alkohol entgegen, und sie versuchte, nur flach zu atmen. Das Licht war gedimmt, und im Hintergrund lief Rockmusik,  die sie in ihrem ganzen Leben noch nie gehört hatte. Als sie durch die Kneipe ging und nach einem freien Platz suchte, konnte sie  die neugierigen Blicke der Anwesenden in ihrem Rücken spüren.   Sie hatte Glück – genau neben dem Tisch, an dem Frau Dormann saß, war ein weiterer kleiner Tisch frei. Sie setzte sich auf den  einzigen Stuhl, der davorstand, und merkte gleich, warum der Platz noch frei war. Der Stuhl und der Tisch wackelten um die Wette.  Alle Beine der zwei Möbelstücke mussten unterschiedlich lang sein. Hier war es unmöglich, etwas sicher auf den Tisch zu stellen.  Sie versuchte, das Gleichgewicht zu halten, und bewegte sich so wenig wie möglich.  »Was möchtest du trinken?« Alyssa sah auf. Vor ihr stand eine Frau Anfang zwanzig, die viel zu stark geschminkt war und deren Oberarme von großen  Tätowierungen überzogen waren. Die junge Frau stemmte die rechte Hand in die Hüfte. »Heute noch, ich habe nicht den ganzen  Abend Zeit.«  Alyssa sah sich um. Was trank man hier? »Eine Cola bitte.« »Geht doch.« Missmutig stapfte die Frau davon.  Alyssa tat, als würde sie sich umsehen, doch tatsächlich beobachtete sie Frau Dormann aus dem Augenwinkel. Aus ihrer  Jackentasche nahm Alyssa die kleine Kamera heraus. Als sich ein junger Mann an den Tisch zu Frau Dormann setzte, wurde sie  aufmerksam. Der Mann schaute grimmig drein und hatte kein einnehmendes Wesen. Die Frau ihres Klienten erschrak kurz, aber sie  stand nicht auf. Sie schien den Mann zu kennen. Alyssa legte ihre Stirn in Falten. Sie konnte sich beim besten Willen nicht  vorstellen, dass Frau Dormann eine Liaison mit dem Kerl hatte, der mindestens zwanzig Jahre jünger war, und drückte mehrmals  auf den Auslöser der Kamera.  »Hallo, Mama!«  »Ich habe gesagt, dass du mich nicht so nennen sollst«, erwiderte Frau Dormann kalt und blickte ihn abschätzig an. »Ich bin nicht  deine Mutter.« »Oh doch, das bist du. Du hast das Testergebnis gesehen.«  »Hätte ich dich aufgezogen, wärst du nicht so heruntergekommen, wie du es bist.«  »Ich bin genau deiner Meinung, Mama«, säuselte der Mann unschuldig. »Hättest du mich nicht weggegeben, wäre alles ganz  anders gekommen. Du hast es gerade zugegeben: Du bist schuld an meiner Misere.« Er lächelte ironisch. »Aber jetzt kannst du es  wiedergutmachen. Hast du das Geld dabei?«  Ohne eine Antwort zu geben, griff Frau Dormann in ihre Handtasche und zog einen Umschlag heraus. Sie legte ihn auf den Tisch  und schob ihn unauffällig zu dem Mann hinüber, der den Umschlag schnell an sich nahm und in seine Jackentasche steckte. Alyssa  machte ein Bild nach dem anderen.  Der Mann grinste breit. »Vielen Dank. Ich wusste doch, dass es dir etwas wert ist, dass ich nicht zu deiner Familie gehe und ihnen  sage, dass ich der Sohn bin, den du bei seiner Geburt weggegeben hast. Der Sohn, von dem sie nichts wissen sollen.«  »Deine Cola.«   Ausgerechnet jetzt stellte die junge Bedienung eine Cola auf den wackeligen Tisch und ging wieder davon. Alyssa bekam das  Glas gerade noch zu fassen, bevor es vom Tisch rutschte. Sie lauschte weiter.  »Wer garantiert mir, dass du mich von nun an in Ruhe lässt?«  Der Mann stand auf und blickte herablassend auf seine Mutter hinunter. »Du musst mir schon vertrauen …«  »Hey, Schätzchen. So allein hier? Soll ich dir Gesellschaft leisten?« Alyssa sah zu dem Mann auf, der vor ihrem Tisch stand und ihr die Sicht auf den Nachbartisch nahm. Er hatte einen  kahlgeschorenen Kopf, und aus seinem T-Shirt ragten breite Arme heraus – breitere Arme, als sie Oberschenkel hatte. Seine  zerrissene Kleidung vervollständigte die heruntergekommene Erscheinung. Innerlich verdrehte sie die Augen. »Nein, danke«,  antwortete sie trocken. »Ich warte auf jemanden.«  »So, du wartest also auf jemanden?« Er grinste sie an, als wisse er genau, dass sie ihn anschwindelte. »Wie lange willst du  warten, bevor du einsiehst, dass er nicht kommt?«  Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Frau Dormann die Kneipe verließ. Alyssa stand auf und suchte in ihrer Handtasche nach  ihrem Geldbeutel. »Genau bis jetzt. Ich muss gehen.« Sie zog den Geldbeutel hervor und nahm einen Fünf-Euro-Schein heraus. Als  sie um den Tisch herumging, hielt der Mann ihren Arm fest.   »Schätzchen, bleib doch noch. Jetzt wird es lustig.« Das fehlte ihr gerade noch. Alyssa riss ihren Arm los und kniff die Augen zusammen. Böse funkelte sie den Mann an. »Ich habe  keine Zeit für lustig. Ich muss gehen.« Mit diesen Worten und mit hocherhobenem Kopf machte sie sich auf zur Bar und legte der  Bedienung den Fünf-Euro-Schein auf den Tresen. »Für die Cola.« Dann verließ sie die Kneipe, nicht, ohne sich noch einmal  umzusehen. Der Mann, der sie angesprochen hatte, widmete sich schon einer anderen jungen Frau.  Auf der Straße schnaufte Alyssa tief durch und genoss die kühle Luft, die an ihre Haut drang. Auch wenn die Luft hier draußen  feucht war und nach Müll roch, so roch sie doch um ein Vielfaches besser als die in der Kneipe. Alyssa sah in alle Richtungen. Sie  konnte Frau Dormanns Silhouette in der dunklen Gasse sehen, in der sie das Auto geparkt hatte, und folgte ihr auf dem Fuße.  Die Frau ihres Klienten hatte ihr Auto fast erreicht, als sich plötzlich jemand auf sie stürzte. Alyssa konnte nur einen großen  Schatten sehen, der aus einer dunklen Ecke herausschoss und die Frau in die neben der Straße befindliche Grünanlage zerrte. Die  Frau begann gellend zu schreien. Alyssa nahm die Beine in die Hand und rannte auf den Eingang der Grünanlage zu. Frau  Dormann schrie so laut, dass demnächst jemand kommen musste, um nach dem Rechten zu sehen. Alyssa rannte schneller. Sie hatte die beiden, die kämpfend auf dem Boden lagen, fast erreicht. Im schwachen Licht der Laternen  konnte sie die Umrisse des Angreifers erkennen. Er war unheimlich groß und schien, überhaupt nicht zum Wetter passend, einen  Pelzmantel zu tragen. »Runter von der Frau! Sofort!«, rief sie laut.  Als Antwort erntete sie nur ein Knurren und das verzweifelte Rufen von Frau Dormann. »Helfen Sie mir! Aaah …«  Auf einmal riss der Schrei ab. Genau in der Sekunde, in der Alyssa die beiden erreichte. Sie wollte sich gerade auf den Angreifer  stürzen, als dieser sich knurrend aufbäumte. Alyssa machte einen Schritt zurück. Sie erstarrte. Was war das? Das war kein Mensch, sondern ein großes Tier. Selbst auf den Knien erreichte das Vieh ihre Höhe. Die Silhouette erinnerte wohl an einen Menschen, aber  die Gestalt war über und über mit moosgrünem Fell bedeckt und erinnerte an einen Wolf.  Ein Werwolf!?  Alyssas Augen weiteten sich, als sie einen Blick auf Frau Dormann warf, die verstummt am Boden lag. Ihre halbe Kehle war  aufgerissen worden, und eine Lache von Blut bildete sich um ihren Körper. Ihre Augen starrten ausdruckslos ins Leere. Die Frau  war unverkennbar tot. Und das Monster, das sie angegriffen und getötet hatte, stand nun knurrend auf und stellte sich auf zwei  Beine. Es überragte Alyssa um fast einen Meter. Oh mein Gott! Mit klopfendem Herzen blickte sie auf und konnte sehen, wie  Speichelfäden an der großen hervorstehenden Schnauze des Monsters herabliefen, während gelbe Augen sie bis ins Innerste zu  durchdringen schienen. Ein Geruch, der an einen nassen Hund erinnerte, streifte über sie hinweg.  Langsam, um das Vieh nicht aufzuschrecken, machte sie einen Schritt zurück. Das Tier rührte sich nicht und beobachtete jede  ihrer Bewegungen genauestens. Ihr klopfte das Herz bis zum Hals, als sie einen weiteren Schritt zurückmachte.  Gemächlich machte das Vieh einen Schritt auf sie zu. Sie wusste nicht, wie intelligent das Tier war, aber es hatte wohl begriffen,  dass sie dabei war, das Weite zu suchen. Alyssa machte noch einen Schritt rückwärts und sah sich um, aber sie war allein. Warum  war noch niemand hier, um nach dem Rechten zu sehen?   Sie musste zu ihrem Auto gelangen, doch das Vieh versperrte ihr den Weg. Ihre einzige Chance war, die Kneipe zu erreichen. Die  muskelbepackten Gäste konnten das Vieh bestimmt überwältigen. Sie drehte sich schnell um und rannte davon, in Richtung der  Lokalität. Hinter sich konnte sie lautes Knurren hören, als sie plötzlich an den Schultern gepackt und zurückgerissen wurde. Sie fiel und  schlitterte über den Asphalt. Die Wolfsgestalt kam auf zwei Beinen langsam auf sie zu, als wäre sie sich ihrer Sache sicher, und  Alyssa stand schnell auf. Ihr Herz meinte zerspringen zu müssen. Als ihr Blick auf den Deckel einer Mülltonne fiel, der neben ihr auf  dem Boden lag, bückte sie sich und hob ihn auf, ohne das Tier aus den Augen zu lassen.  Als das Monstrum nur noch einen Meter entfernt vor ihr stand, riss es die Arme nach oben und stieß einen markerschütternden  Schrei aus. Alyssa nutzte den Moment und stürzte sich auf den Angreifer. Sie schlug den Deckel fest auf die hervorstehende  Schnauze des Monsters und rannte, so schnell wie sie konnte, in Richtung Kneipe. »Hilfe!«, rief sie laut. »Hilfe! Warum hilft mir  denn niemand?«  Keine fünf Sekunden später wurde sie erneut an den Schultern gepackt und diesmal durch die Luft gewirbelt. Hart kam sie auf  dem Boden auf. Das Vieh beugte sich über sie und riss weit sein Maul auf, und Speichelfäden tropften auf sie herunter.   Alyssa sah sich hastig um, doch sie erblickte nichts, was sie zum Schutz ergreifen konnte. Nichts, was sie aus dieser Situation  befreien konnte.  
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