Kapitel 1 Montag, 28.03.1729  Julie sah sich im Wirtshaus um. Die meisten Kerzen wa-ren bereits erloschen, und die paar verbliebenen Stumpen verströmten nur  noch wenig Licht. Alle Gäste waren ge-gangen, lediglich der alte Josef saß halb eingeschlafen an dem Tisch in der Ecke und hustete.  Nicht einmal im Halbschlaf ließ ihn das Kratzen in seinem Hals in Ruhe. Seufzend strich Julie sich eine Strähne ihres honigblon-den Haares hinter das Ohr. Sie musste noch drei Tische abwischen - dann  hatte sie es geschafft. Ausgerechnet heute hatten die Dorfbewohner lange gebraucht, ihre Gläser zu leeren. Heute war ihr der Dienst  in der Schänke besonders schwer gefallen - sie war müde. Letzte Nacht hatte sie schon wieder diesen grauenhaften Albtraum gehabt.  Mehrere Personen, in schwarze Kutten gehüllt, hatten sie verfolgt. Wie ein wildes Tier hatten sie sie er-barmungslos gejagt, bis sie  schreiend aufgewacht war. Mit dem Tuch, das sie in der Hand hielt, wischte sie über den nächsten Holztisch.   Als die Eingangstür aufgerissen wurde und mit einem lauten Knall gegen die Wand krachte, fegte ein Windstoß durch das leere  Gasthaus und brachte weitere Kerzen zum Erlöschen. Schlagartig wurde es dunkler. Julies Blick wandte sich zur Tür, in deren Rahmen  eine in einen lan-gen, schwarzen Mantel gekleidete Person stand. Julie er-starrte, und ein mulmiges Gefühl überkam sie. Der Um-hang  erinnerte sie an die Personen aus ihrem Traum.   "He! Was soll das? Wir haben geschlossen." Der Wirt, der hinter dem Schanktisch stand, kniff die Augen zu-sammen und starrte die  Person an, die langsam in den Raum hineinschritt. Unter dem langen Gewand konnte man Hosen und festes Schuhwerk erkennen,  das Gesicht blieb unter einer Kapuze verborgen. Julie nahm ängstlich das leere Tablett vom Tisch und drückte es wie einen  Schutzschild an ihre Brust. Die Person antwortete dem Wirt nicht und blickte sich stattdessen um. Langsam zog sie die Kapuze vom Kopf, und das Gesicht einer  Frau kam zum Vorschein. Sie zog lasziv ihre langen, schwarzen Haare, die unter dem Mantel verborgen waren, hervor. Wie ein  Wasserfall ergossen sie sich über ihren Rücken.   Julie hatte noch nie eine Frau in Hosen gesehen und starrte die Fremde an. Eiseskälte ging von ihr aus. In ih-rem Gesicht war nicht  ein Hauch von verletzbarer Weib-lichkeit zu erkennen.   "He! Ich habe gesagt, wir haben geschlossen!"   Die Fremde sagte noch immer nichts und ließ den Blick durch den Raum schweifen, bis er an Julie hängenblieb. "Du bist es  tatsächlich." Ihre Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln.   "Verlassen Sie sofort meine Wirtschaft!" Der Blick der Frau heftete sich nun auf den Wirt, der hinter seinem Schanktisch hervortrat. Er stellte sich genau vor die Unbekannte.   "Ich sage es zum letzten Mal: Verlassen Sie meine Wirt-schaft." "Ich will nur sie." Die Stimme der Frau war genauso kalt wie ihr Blick, der sich wieder auf Julie richtete.   Überrascht sah der Wirt ebenfalls in Julies Richtung. "Sie?"   "Ja, nur sie." Mit dem Zeigefinger deutete die Fremde auf Julie und warf lachend ihr langes, schwarzes Haar zurück. In ihren Augen  blitzte etwas Böses auf ...