Kapitel 2 Samstag, 10.11 2012 Als Emily aufwachte, war sie komplett in ihre Bettdecke eingewickelt. Es war wieder eine unruhige Nacht gewesen, anscheinend hatte  sie sich im Schlaf mehrmals gedreht und umher geworfen. Sie fühlte sich erschöpft, aber wie immer konnte sie sich an nichts erinnern.  Der Traumfänger hatte gänzlich versagt. Schade, doch nur eine schöne Dekoration.  Ein Blick auf den Wecker zeigte, dass es bereits zehn Uhr war. Zum Glück war Samstag, und sie hatte heute keine Vorlesungen. Die  Versuchung, liegen zu bleiben und den ganzen Tag im Bett zu verbringen, war groß, bis sich Emilys Magen meldete. Anscheinend war  er anderer Meinung. Emily wickelte sich aus ihrer Bettdecke und stand auf.  Ein Blick in den Spiegel zeigte die deutlichen Spuren ihrer unruhigen Nacht, aber nach einer langen Dusche fühlte Emily sich besser  und bereit, dem Tag gegenüberzutreten. Sie aß gerade eines der beiden Croissants, die sie in ihrem Schrank gefunden hatte, und  trank eine Tasse Kaffee, als es energisch an ihre Tür klopfte. Dieses Klopfen kannte sie. Nur eine Person war imstande, sich auf eine  so nervende Art bemerkbar zu machen. Emily öffnete die Tür.  „Hallo Pesh. Ich wünsche dir auch einen guten Morgen.“  Pesh schlenderte gelassen in die Wohnung und betrachtete neugierig das einsame Croissant auf dem Tisch. „Möchtest du das noch  essen?“ Da sie das Croissant jedoch bereits in der Hand hatte, war die Frage rein rhetorisch.  „Nein, natürlich hatte ich das nicht vor. Ich dekoriere meine Wohnung oft mit Lebensmitteln.“ Emily war es bereits gewohnt, dass ihre  Freundin auf der Suche nach etwas Essbarem bei ihr hereinschneite.  Als Pesh das Croissant restlos verputzt hatte, lehnte sie sich genüsslich in ihrem Stuhl zurück. „Ich wusste doch, dass es eine gute  Idee war, bei dir vorbeizuschauen. Was hast du heute vor?“  „Ich will meine Eltern besuchen. Dieser Termin steht schon seit Wochen fest.“ Emily zuckte mit den Schultern. Obwohl das  Universitätsgelände nur sechzig Kilometer von ihrem Elternhaus in Newark entfernt lag, fand sie nur sehr selten den Weg dahin.  Normalerweise nutzte sie die Wochenenden, um zu lernen.  „Grüß sie von mir.“ Pesh streckte sich auf ihrem Stuhl. „Ich mache mich jetzt auf die Socken und fahre ins Reservat. Du weißt ja, wie  sehr Nana Unpünktlichkeit hasst. Wir müssen noch einiges für ihre Feier nächstes Wochenende vorbereiten. Du kommst auch, oder?“  „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Eigentlich hätte ich das Wochenende gerne genutzt, um mir die neue Buchhandlung  anzusehen, und auch, um ein bisschen zu lernen.“ Emily sah Peshs entgeisterten Blick. „Das sind deine Pläne für das nächste Wochenende? Willst du zwischendurch nicht noch an Langeweile sterben? Komm schon, Em.  Du bist fünfundzwanzig und solltest ein bisschen mehr leben.“  Emily wusste aus Erfahrung, dass diese Diskussion zu keinem Ergebnis führte, und versuchte einzulenken. „Wie alt wird Nana  eigentlich?“  In den zehn Jahren, in denen Emily und Pesh sich kannten, hatte Pesh sie mehrmals mit ins Reservat genommen, wo sie Nana  kennengelernt hatte. Nana war eine beeindruckende Persönlichkeit und musste mindestens achtzig Jahre alt sein. Sie lebte immer  noch im Shawnee Reservat in Ohio und weigerte sich standhaft, dieses zu verlassen. Einem Leben in der hektischen und  materialistischen Welt wollte sie sich nicht unterwerfen. Als Schamanin ihres Volkes zollte man ihr großen Respekt und stellte ihre  Entscheidungen nie in Frage.  „Ich glaube, ihr Alter weiß keiner so genau. Ich habe sie einmal danach gefragt. Sie wollte nur wissen, ob ich von diesem Leben rede  oder ob ich die anderen dazuzähle. Tja, das wusste ich dann auch nicht.“ Pesh stand auf. „Sehen wir uns morgen?“  „Natürlich. Wir wollten doch gemeinsam den Bericht für Mr. Roberts schreiben. Hast du das vergessen?“  Pesh verzog gequält das Gesicht. „Das würde ich gerne, aber du erinnerst mich permanent daran. Okay, ich bin morgen gegen  fünfzehn Uhr bei dir.“ Mit diesen Worten verschwand sie durch die Tür.  Emily warf einen Blick aus dem Fenster. Das Wetter entsprach einem klassischen Novembertag. Graue Wolken hingen am Himmel  und verdeckten jede Hoffnung auf einen Sonnenstrahl. Die Vorstellung, bei Regen fahren zu müssen, erbaute Emily nicht besonders,  aber absagen wollte sie auch nicht. Mit ihrer Regenjacke unter dem Arm verließ sie die Wohnung, um zu ihren Eltern zu fahren.  Emily wurde bereits sehnlichst von ihrer Mutter erwartet. Es war tatsächlich eine kleine Ewigkeit her, dass sie ihre Eltern besucht hatte.  Glücklich begrüßte sie ihre Mutter und begleitete sie ins Esszimmer, wo der Tisch bereits gedeckt war. Ihr Vater saß an seinem  gewohnten Platz und las Zeitung.  „Hey Dad, gibt es etwas Interessantes?“  Ihr Vater sah auf. „Oh, hallo, mein Schatz. Entschuldige, ich habe dich gar nicht kommen hören. Interessant würde ich nicht sagen,  eher beängstigend. Sieh dir das an.“ Er blätterte die Zeitung durch und deutete auf verschiedene Artikel. „Hier ist ein Überfall, hier  wurde jemand zusammengeschlagen, und hier wurde jemand umgebracht. Und alles hier in Newark. Jeden Tag häufen sich die  negativen Schlagzeilen. Die Kriminalitätsrate steigt kontinuierlich an, aber keiner macht etwas dagegen. Wozu bezahlen wir eigentlich  einen Haufen Steuern?“  Emily wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. „Und gestern wurde am Lake Hudson, in Granville, ein Mädchen von einer Raubkatze angefallen. Zum Glück hat das Mädchen  schwer verletzt überlebt, aber das Tier haben sie nicht gefunden.“  „Lake Hudson? Da bin ich doch gerade vorbeigefahren.“  Ihr Vater sah sie nachsichtig an. „Ach Emily. Und genau deswegen sollte man immer darüber informiert sein, was in der Welt  passiert. Vor allem, wenn es in der Nähe geschieht.“ Er faltete die Zeitung zusammen. „Aber lassen wir das Thema... deine Mutter hat  sich heute beim Kochen wieder selbst übertroffen.“  Nach dem Essen setzten Emily und ihr Vater sich auf die alte Holzbank auf der Veranda. Seit Emily denken konnte, stand die von  ihrem Vater gebaute Bank vor dem Haus, trotzdem war sie heute noch genauso stabil wie vor fünfundzwanzig Jahren. Emily sah sich  um. Wie friedlich es hier war. Kein Stadtlärm und keine störenden Nachbarn weit und breit.  Interessiert hörte sie zu, wie ihr Vater von seiner Arbeit als Geologe erzählte. Er war ganz in seinem Element, als er über die  Untersuchungen einer Gesteinsformation berichtete, die bei ihrer neuesten Ausgrabung entdeckt worden war. Als er sich eine Pfeife  ansteckte, sog sie genüsslich die Luft ein. Sie liebte diesen Geruch. „Also, Emily. Erzähl mal, was bei dir so los ist.“ „Ach, eigentlich nichts Besonderes. Ich pendle meistens zwischen Hörsaal, Bücherei und Wohnheim hin und her und versuche,  einen guten Abschluss hinzulegen.“  „Mein Kind, wir kennen uns jetzt schon eine Weile. Und ich würde behaupten, ich kenne dich gut. Du kannst vielleicht deiner Mutter  etwas vormachen, aber doch nicht deinem alten Herrn. Und wenn du dir noch so viel von dieser Farbe auf dein Gesicht schmierst,  sieht man doch ganz deutlich sehr viele Sorgenfalten. Milde ausgedrückt würde ich sagen, du siehst furchtbar aus.“  Ihren Vater hatte sie noch nie täuschen können. Während ihre Mutter immer alles durch eine rosarote Brille betrachtete, entging ihm  nie eine Kleinigkeit.  „Ach weißt du, es ist eigentlich nichts. Ich schlafe im Moment nicht so besonders, wahrscheinlich liegt es an den vielen Klausuren,  die mir bevorstehen. Bald haben wir Ferien. Du wirst sehen, dann löst sich alles in Wohlgefallen auf und ich schlafe wieder wie ein  Engel.“ Zur Bekräftigung ihrer Aussage setzte sie ein siegessicheres Lächeln auf.  „Versprich mir, dass es nichts mit Partys und Drogen zu tun hat.“ Emily runzelte die Stirn. „Dad, das denkst du doch nicht wirklich! Du kennst mich, und du weißt, wie es an der Uni zugeht.“ „Ja, ich weiß es.“ Ihr Vater lächelte. Er schien in alten Erinnerungen an seine Studentenzeit zu schwelgen. „Ja, ich weiß, wie es  zugeht. Und gerade deshalb möchte ich dich bitten, aufzupassen. Oder meinst du etwa, deine Mutter und ich haben auf der Uni nur  gebüffelt?“  „Ähm, Dad, ich glaube nicht, dass ich das wissen möchte.“ Ihr Vater sah sie lange und ruhig an. „Emily, ich habe doch diesen Freund Bob Stevens...“  „Du meinst den Nervenheini?“  „Psychologe. Er ist Psychologe. Ist ja auch egal. Ich gebe dir später seine Telefonnummer, für den Fall, dass das mit dem Schlafen  nicht besser wird. Er kann dir bestimmt ein paar Tipps geben, wie du besser mit dem Stress umgehen kannst.“  „Okay, Dad. Aber du wirst sehen, bei meinem nächsten Besuch werde ich wieder aussehen wie das blühende Leben. Und jetzt lass  uns reingehen, bevor Mum eine Suchmannschaft losschickt.“  Es fing bereits an zu dämmern, als Emily sich auf den Rückweg nach Columbus machte. Ihre Eltern hatten sie erst gehen lassen,  nachdem sie hoch und heilig versprochen hatte, mit dem nächsten Treffen nicht so lange zu warten. Ihr Vater hatte ihr noch die  Telefonnummer seines Bekannten zugesteckt, welche sie unbemerkt in ihrem Geldbeutel hatte verschwinden lassen.  Sie war gerade losgefahren, als es zu regnen begann. Der Nieselregen verwandelte sich schnell in einen starken Regenguss, der ihr  die Sicht nahm, und sie kam nur noch langsam voran. Als die Straße durch den Wald führte, konnte Emily fast nichts mehr erkennen.  Der Scheibenwischer lief auf Hochtouren, trotzdem war die Sichtweite auf ein paar Meter begrenzt.  Plötzlich erfassten die Scheinwerfer mitten auf der Straße zwei gelbe Punkte. In der Sekunde, als das Licht von diesen reflektiert  wurde, begriff Emily, dass es sich um ein Paar Augen handelte. Vor ihr stand ein Tier auf der Straße. Reflexartig trat sie mit voller  Wucht auf die Bremse, sodass ihr Auto auf der regennassen Straße ins Schlingern geriet. Als ihr Auto endlich zum Stehen kam,  benötigte sie einige Sekunden, bis sie die Augen öffnen konnte. Sie zitterte am ganzen Körper, und pures Adrenalin floss durch ihre  Adern. Zum Glück war der befürchtete Aufprall ausgeblieben.  Das Auto stand quer auf der Straße und leuchtete mit seinen Scheinwerfern in den Wald, aber außer Bäumen und Gestrüpp war  nichts zu sehen. Emily löste den Gurt und suchte im Dunkeln den Türgriff. Sie fand ihn erst nach endlosem Tasten.  Mit wackeligen Beinen stieg Emily aus dem Auto und war binnen kürzester Zeit komplett durchnässt. Sie sah hinter sich auf die  Straße, ob ein verletztes oder totes Tier darauf lag, aber durch den starken Regen und die mittlerweile eingesetzte Dunkelheit konnte  sie keine zwei Meter weit sehen. Warum hatte sie eigentlich keine Taschenlampe im Auto? Ohne zu überlegen, ging sie einige Schritte  die Straße entlang, doch ihre Augen konnten nichts auf der Straße erkennen. Vielleicht hatte sie Glück gehabt, und das Tier hatte  rechtzeitig die Straße überqueren können. Emily drehte sich langsam um und machte sich wieder auf den Weg zu ihrem Auto.   Was machte sie hier eigentlich? Sie war mitten im Wald aus ihrem Auto ausgestiegen und ging im strömenden Regen und im  Dunkeln mutterseelenallein die Straße entlang. Ihre Kleidung klebte wie eine zweite Haut an ihr, und sie fror. Sie sollte zusehen, dass  sie zu ihrem Auto kam und schnellstmöglich den Nachhauseweg antreten.  Kurz bevor Emily ihr Auto erreicht hatte, hörte sie plötzlich leise ein Knacken, das von links aus dem Wald kam. Erschrocken blieb  sie stehen und wurde kreidebleich. Ihr Vater hatte ihr doch von einer Raubkatze erzählt, die hier umherstreifte. Der Lake Hudson war  ganz in der Nähe. Emilys Nackenhaare stellten sich auf, und Emily vergaß sogar die Kälte, die ihren Körper eingenommen hatte. Sie  sah in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war, aber sie konnte nichts erkennen. Ihr Auto stand nur noch zehn Meter  entfernt, sie durfte jetzt nicht in Panik geraten. Mit schnellen Schritten ging sie weiter. Als sie wieder ein Geräusch auf der linken Seite  der Straße hörte, blieb sie erneut stehen. Ihr Herz schlug bis zum Hals.  Emily sah sich nach allen Seiten um, aber selbst in dem Bereich, wo die Scheinwerfer ihres Autos den Wald beleuchteten, war nichts  zu erkennen. Der Regen nahm jegliche Sicht. Schnell brachte sie die letzten Meter hinter sich. Als ihre linke Hand die Autotür berührte,  ließ Emily ihrer Panik freien Lauf. Mit einem Satz sprang sie ins Auto und zog gleichzeitig die Tür zu. Während ihre Hand panisch die  Türverriegelung suchte, konnte sie nicht aufhören, in den Wald zu starren. Ihre Hand tastete blind umher und suchte erfolglos den  kleinen Knopf, sodass Emily sich zwingen musste, den Kopf zu drehen. Da war er. Endlich hörte sie das Klicken der  Zentralverriegelung, welche die Türen schloss.  Sicherheit. Emily atmete auf. Alles, was sie wollte, war das Auto zu starten und nach Hause zu fahren. Aber als sie ihren Blick wieder nach  vorne richtete, sah sie sie. Direkt am Waldrand, erfasst von ihrem Scheinwerfer, stand eine Raubkatze. Emily traute ihren Augen nicht.  Das Tier stand bewegungslos da und starrte das Auto an. Nein, Emily hatte das Gefühl, die Katze starrte ihr direkt in die Augen. Wie  gebannt blickte Emily in die leuchtenden Augen des Tiers. Konnte das die Wildkatze vom Lake Hudson sein?  Plötzlich hörte Emily ein Hupen. Ihre Trance verschwand, und sie musste blinzeln. Als sie wieder in den Wald blickte, war das Tier  verschwunden. Die Scheinwerfer ihres Autos erfassten nichts als den Wald. Wo war es hin? Es hupte erneut, und Emily erinnerte sich,  dass sie quer auf der Straße stand. Neben ihr kam ein Auto zum Stehen, und der Fahrer kurbelte die Fensterscheibe herunter. „Ist  alles in Ordnung mit Ihnen?“  Ein letzter Blick in den Wald zeigte, dass keine Raubkatze zu sehen war. Mit dem Daumen nach oben signalisierte Emily dem  Autofahrer, dass alles in Ordnung war. Sie startete ihr Auto, korrigierte es, bis es wieder in Fahrtrichtung auf der Straße stand, und  machte sich auf den Heimweg.  Je mehr Kilometer sie zurücklegte, desto mehr zweifelte sie daran, dass sie tatsächlich eine Raubkatze gesehen hatte. Schließlich  hatte ihr Vater ihr erst heute Abend von dem Tier erzählt, und die Dunkelheit, der Regen und die Angst hatten ihre Einbildungskraft  bestimmt immens gesteigert. Als Emily eine halbe Stunde später auf dem Universitätsgelände ankam, war sie davon überzeugt, dass  sie sich die Raubkatze nur eingebildet hatte.