Kapitel 3 Sonntag, 11.11.2012 Schweißgebadet wachte Emily auf. Ihr Nachthemd klebte regelrecht an ihr. Sie hätte schwören können, dass sie nur ein paar Minuten  die Augen geschlossen hatte, doch der Wecker zeigte, dass es mehrere Stunden gewesen waren. Es war bereits Mittag. Die  Bettdecke lag neben ihrem Bett auf dem Boden. Kein Wunder war ihr so kalt, sie musste die Decke in der Nacht weggestrampelt  haben. Ein Albtraum? Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern.  Ihr Vater hatte ihr doch gestern diese Telefonnummer zugesteckt. Für einen kurzen Moment zog sie es in Erwägung, tatsächlich bei  Bob Stevens anzurufen, schob den Gedanken jedoch rasch beiseite. Erstens war Sonntag, und zweitens wusste sie nicht, was sie  sagen sollte, ohne sich total bescheuert vorzukommen.  Nein, ein Psychologe war keine gute Idee, Sport war bestimmt die bessere Alternative. Ein paar Runden über das Campusgelände  würden ihr zu einem guten Schlaf verhelfen und nebenbei noch Figur und Kondition auf Trab bringen.  Nach einer heißen Dusche betrachtete Emily sich im Badezimmerspiegel. Heute würde nicht einmal mehr Make-up zu einem  positiven Erscheinungsbild beitragen. Eigentlich hatte Pesh recht. Sie hätte sich an einem Sonntag auch etwas Schöneres vorstellen  können als Aufgaben für Mr. Roberts zu erledigen. Aber da sie in der letzten Stunde bei ihm in Ungnade gefallen war, konnte eine  gute schulische Leistung bestimmt nicht schaden. Und die Zusammenarbeit mit Pesh war natürlich perfekt. Emily kannte wenig  Menschen, die sich so gut in der amerikanischen Kulturgeschichte auskannten und daran auch noch Spaß hatten. Leider schaffte es  Pesh nur bei ihrer Großmutter, pünktlich zu erscheinen, und so kam sie, wie erwartet, erst eine Stunde später.  „Ich weiß, ich weiß, ich bin zu spät, aber diese Neuigkeit war so spannend.“  Emily sah Pesh verständnislos an. „Hast du es etwa noch nicht gehört? Wow. An dir zieht die Welt tatsächlich einfach so vorbei. Jetzt passiert hier endlich mal etwas  direkt vor unserer Haustür, und du bekommst nichts mit. Es gab einen Unfall.“  „Was für einen Unfall?“ Emily riss die Augen auf. „Oh Gott. Geht es dir gut?“  „Dummchen, doch nicht ich hatte einen Unfall. Nein, Mr. Roberts liegt im Krankenhaus. Er wurde heute früh von einer Nachbarin  vor seinem Haus gefunden.“  „Das ist ein Witz, oder? Der Mr. Roberts? Unser Lehrer?“  „Also ich kenne nur diesen einen, und genau den meine ich.“  „Aber was ist denn passiert? Weiß man etwas Genaues? Und was hat die Schulleitung vor? Wer wird ihn bis zu seiner Genesung  vertreten?“  Pesh verdrehte die Augen. „Mensch, Emily. Du denkst schon wieder nur an die Gefährdung des Unterrichts. Allein wegen dir und  deiner Panik, etwas zu verpassen, werden sie keine Kosten und Mühen scheuen, eine angemessene Vertretung zu finden. Viel  spannender sind die Gerüchte, die sich bereits über den ganzen Campus wie ein Lauffeuer verbreiten.“  Bei diesem Satz verzog Emily das Gesicht. Sie hatte nicht viel für Gerüchte übrig.   „Seine Nachbarin fand ihn heute Morgen, als sie die Zeitung ins Haus bringen wollte. Sie scheint eine von der Sorte zu sein, die,  wenn sie draußen sind, noch einen Blick zur Nachbarschaft werfen, ob es etwas Spannendes zu beobachten gibt. Aber egal. Die  Nachbarin wollte auf jeden Fall die Zeitung holen, als sie Mr. Roberts in seinem Vorgarten liegen sah. Als sie bemerkte, dass seine  Kleidung blutdurchtränkt war, rief sie den Notdienst.“  Emily riss die Augen auf. „Blutdurchtränkt? Oh mein Gott.“ „Tja, und jetzt kommt der Punkt, an dem die Geschichte mit zu vielen Gerüchten überlagert wird. Die einen sagen, es war ein  Raubüberfall, die anderen, er wurde von einem Tier angegriffen. Auf jeden Fall liegt er im Krankenhaus.“  Ein Tier? Vor ihrem geistigen Auge sah Emily zwei leuchtende Augen, die von ihrem Scheinwerferlicht erfasst wurden. Doch so  schnell wie das Bild aufgeblitzt war, war es auch wieder verschwunden. Emilys Gedanken wanderten zu dem Mädchen, das von  einem Raubtier angegriffen worden war. Der Lake Hudson lag einige Kilometer außerhalb der Stadt. Nein, es gab keinen Grund,  zwischen den verschiedenen Vorfällen eine Verbindung herzustellen. Und keinen Grund, Pesh von ihrem Beinah-Unfall zu erzählen,  da diese nur wieder eine große Sache daraus machte. Schließlich war nichts passiert, und sie wollte keine Quelle für weitere  Gerüchte sein. „Tja, und was jetzt? Sollen wir die Aufgaben trotzdem machen?“  Pesh verdrehte erneut die Augen. „Emily, was für eine Frage. Natürlich nicht.“  Ein freier Sonntag klang natürlich verlockend. Oje! Erst schwänzen, dann die Hausaufgaben nicht machen. Langsam schlug sie  eine bedenkliche Laufbahn ein.  Es stellte sich schnell heraus, dass Mr. Roberts das Hauptthema auf dem ganzen Campus war. Pesh hatte recht, man konnte dem  nicht ausweichen. Bis zum Abend hatte Emily Dutzend Varianten gehört, wie sich der Unfall zugetragen hatte.