Kapitel 1 Samstag, 08.12.2012  „Es tut mir leid. Es tut mir so unendlich leid.“ Emily wusste nicht, ob sie die Worte dachte oder ob sie diese laut sagte. Immer nur diese Worte – immer und immer wieder. Zeit war  relativ geworden. Sie befand sich nach wie vor auf demselben Fleck in Gabriels Hausflur, auf dem sie sich den Abend zuvor  niedergelassen hatte. Ihre Augen brannten von den Tränen, die irgendwann versiegt waren.   Die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen, kündeten zwar das Ende der Nacht an, konnten die Dunkelheit in ihrem Inneren  jedoch nicht vertreiben. Bis zuletzt hatte sie gehofft, dass Gabriel noch kommen würde. Doch mit Anbruch des neuen Tages war die  Hoffnung wie eine Seifenblase zerplatzt. Wie viel Trauer konnte ein Mensch eigentlich ertragen, und ab welchem Zeitpunkt starb er  selbst mit? Warum hatte sie gestern das Telefon nicht klingeln lassen? Es hätte nie zu diesem Ende kommen müssen. Es war allein ihre Schuld. In Gedanken sah sie zwei dunkle Augen, die Ruhe, Kraft und Erfahrung ausstrahlten.   „Sieh dir die Unterlagen im Arbeitszimmer an. Du wirst wissen, was du zu tun hast“  Langsam streckte sie die Beine durch und stand auf. Jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte. Sie wusste nicht, ob es von der  unbequemen Haltung oder von ihrem gestrigen Kampf mit Bec kam, aber es machte keinen Unterschied.   Fast schon mechanisch ging sie ins Arbeitszimmer und steuerte auf den Schreibtisch zu, auf dem einige Blätter lagen. Sie nahm das  Blatt, das obenauf lag, zur Hand und besah die Notiz darauf.   UA1177 / 10:00 / Sonntag, 09.12.2012  Abholung der Tickets Samstag 15:00 Uhr Darunter hatte Gabriel den Namen und die Adresse eines Reisebüros notiert.   Unschlüssig betrachtete Emily die restlichen Blätter, die auf dem Schreibtisch lagen, und nahm sie ebenfalls an sich. Ohne ihrer  Umgebung einen weiteren Blick zu schenken, verließ sie das Haus.   Ein kalter Wind schlug ihr entgegen, und sie schloss den Reißverschluss ihrer Jacke. Es war Samstag. Sie hatte noch genau zwei  Wochen, um das Ende der Welt aufzuhalten, und keine Ahnung, wie sie es ohne Gabriel bewerkstelligen sollte.   Nachdem sie Maries Auto am Straßenrand geparkt hatte, stieg sie mit zitternden Beinen aus. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer  Magengegend bemerkbar, doch sie musste sich Gewissheit verschaffen. Bei Tageslicht sah das Fabrikgelände noch erbärmlicher aus.  Unsicher machte sie einige Schritte auf das Gelände zu. Eigentlich hatte sie erwartet, dass das Areal verlassen war, doch je näher sie kam, desto mehr Fahrzeuge konnte sie ausmachen.  Sie entdeckte die dazugehörigen Personen im selben Moment, als auch sie gesehen wurde. Ihr Gehirn benötigte einen Moment, um  die Informationen zu verarbeiten. Polizei. Emilys erster Impuls war, sich umzudrehen und wegzulaufen, doch eine Person löste sich  bereits aus der Menge und kam auf sie zu. „Miss Silver?“   Chief Warren von der Mordkommission hatte seinen grauen Trenchcoat an und sah aus wie an dem Tag, als sie ihm zum ersten Mal  begegnet war. Seine grauen Augen betrachteten sie argwöhnisch, was sie zunehmend nervös machte.   „Hallo, Chief.“  Der Polizist blieb direkt vor ihr stehen. „Miss Silver, es überrascht mich, Sie hier anzutreffen. Darf ich fragen, was Sie hier machen?“   Ob er ein Nein als Antwort akzeptierte? Sie befürchtete, dass dem nicht so war. Mit großen Augen sah sie ihn an. „Ich bin zufällig  hier vorbeigekommen.“ Gott, sie klang schon wie Gabriel. Aber was hätte sie dem Polizisten auch sonst sagen sollen? Der Chief musterte sie eingehend. „Zufällig? Interessant.“ Emily zuckte gelassen mit den Schultern. Jedoch fühlte sie sich keineswegs so entspannt, wie sie versuchte darzustellen. „Und Sie,  Chief? Was macht die Polizei hier?“   „Mord.“   „Oh.“  Emily ignorierte den kalten Schauer, der ihr über den Rücken lief. Schweigend betrachtete sie den Polizisten und versuchte, nicht  noch nervöser zu werden, als sie es ohnehin schon war. Sie musste zusehen, dass sie sich dezent wieder zurückzog. Es war eine  außerordentlich dumme Idee gewesen, hierherzufahren.   „Ja, bei dem Opfer handelt es sich um eine junge Frau. Wir ermitteln derzeit noch ihre Personalien.“   Es gab also nur ein Opfer. Oder hatte man bisher nur eine Leiche gefunden?   Der Chief musterte sie erneut von oben bis unten. „Und was ist mit Ihnen passiert?“   „Treppe. Ich bin die Treppe hinuntergefallen. Dummes Missgeschick.“   Der skeptische Blick, mit dem er sie bedachte, ließ Emily erkennen, dass er keines ihrer Worte glaubte. Bestimmt hatte sie bereits in dem Moment, als sie hier aufgekreuzt war, sein Misstrauen geweckt. Sie konnte nur hoffen, dass auf ihrer Stirn nicht das Wort  Mörderin aufleuchtete. Selbstjustiz galt schließlich ebenfalls als Mord. Sie zuckte erneut mit den Schultern. „In der Tat ein dummes  Missgeschick … aber ich möchte Sie nicht bei Ihrer Arbeit stören …“ Emily drehte sich um, doch die Worte des Chiefs ließen sie  innehalten.   „Ach, Miss Silver?“ Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie sich erneut dem Polizisten zuwandte. „Haben Sie in letzter Zeit Ihren Freund gesehen?“  „Gabriel?“  Er nickte. „Nein. Wieso?“ Emily versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Warum dieses Interesse an Gabriel? Ob sie etwas gefunden  hatten?   „War nur eine Frage.“  „Kann ich dann gehen?“   Der Chief lächelte, aber sein Blick blieb weiterhin wachsam. „Natürlich, es sei denn, Sie wollen mir noch etwas sagen.“ Emily schüttelte still den Kopf und drehte sich wieder um. „Wirklich interessanter Zufall.“   Sie wusste nicht, ob er die Worte an sie oder an sich selbst gerichtet hatte. Es war auch egal – sie musste hier weg. Als sie das Auto erreichte, stieg sie mit zitternden Knien ein. Sie konnte nur hoffen, dass diese Exkursion hierher kein Nachspiel  hatte. Obwohl sie nur ein Mal in ihrem Leben hier gewesen war, fand sie das Haus auf Anhieb wieder. Wie lange war das jetzt her? Zwei  Wochen oder doch schon drei? Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber sie konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als Nat  sie hierher mitgenommen hatte. Damals hätte sie um ein Haar ihre Chance verspielt, die Apokalypse aufzuhalten. Wie oft hatte sie an  diesen Tag zurückgedacht. Der arme Nat. Der arme Forscher für bedrohte Tierarten. Sie hatte ihn einfach ohne ein Wort der Erklärung  stehenlassen. Emily verzog grimmig das Gesicht, als sie an ihr schlechtes Gewissen dachte, das sie verfolgt hatte. Mentale Kraft hin oder her, sie  hatte beinahe einen unverzeihlichen Fehler begangen. Aber wie sie gestern bewiesen hatte, war aufgeschoben nicht aufgehoben.   Mit klopfendem Herzen betrachtete sie die Eingangstür. Sie hatte keine Ahnung, was sie dahinter erwartete, aber es war ihre einzige  Chance. Nur Nat wusste, wo Gabriel war und ob …   Warum war sie gestern Nacht nur geflohen?   Bitte, lieber Gott, lass ihn am Leben sein. Mach, dass ihm nichts passiert ist, dann bitte ich dich auch nie wieder um etwas.  Sie straffte ihre Schultern und drückte so lange wahllos auf Klingelknöpfe, bis der Türsummer ertönte. Schnell stieß sie die  Eingangstür nach innen auf. Wieder strömten Bilder ihres letzten Aufenthalts auf sie ein.   Oh Gott, ich schwöre, ich werde ihn umbringen.  Emily rannte fast die Treppenstufen zur ersten Etage hoch. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und sie hatte keine Ahnung, was sie  machen sollte, falls Nat tatsächlich öffnete. Instinktiv griff sie in ihre Gesäßtasche, und ihr Gesicht wurde blass. Das Messer war nicht  mehr da.  Sie ließ den gestrigen Abend Revue passieren. Hatte sie das Messer nach dem Kampf mit Bec nicht mehr an sich genommen? Was  war, wenn die Polizei das Messer gefunden und in Gewahrsam genommen hatte? Emilys Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie.  Das hatte ihr gerade noch gefehlt.   Sie positionierte sich vor der Wohnungstür auf der linken Seite des Hausflurs und betätigte den Klingelknopf. Innerlich zählte sie bis  drei, aber niemand öffnete. Erneut drückte sie auf die Klingel, und dieses Mal ließ sie ihren Finger darauf. Deutlich konnte sie das  schrille Läuten bis ins Treppenhaus hören. „Mach sofort auf! Du weißt ganz genau, was ich will!“ Mit einem energischen Klopfen gegen  die Tür verlieh Emily ihrem Wunsch einzutreten Nachdruck.   Endlich wurde die Tür aufgerissen. „Sind Sie komplett verrückt? Wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden, rufe ich die Polizei.“  Erstaunt sah Emily in das wütende Gesicht einer fremden Frau. Sie musste um die vierzig sein und stand lediglich mit einem  Bademantel bekleidet wutschnaubend im Türrahmen.   „Ich möchte sofort zu Nat.“  Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete die Frau Emilys ramponiertes Äußeres. „Hier gibt es keinen Nat, und jetzt machen Sie,  dass Sie von hier verschwinden.“  Kurzerhand schob sich Emily an der Frau vorbei und betrat die Wohnung. „Nathan, ich weiß, dass du da bist. Komm sofort raus.“  Die Frau wirbelte herum. „Raus aus meiner Wohnung, und zwar sofort! Ich schwöre Ihnen, ich rufe die Polizei, wenn Sie nicht  augenblicklich gehen.“  „Nathan, du Feigling!“ Emily wandte sich wütend an die Frau im Bademantel. „Wo ist er?“  „Ich sagte Ihnen bereits, hier gibt es niemanden mit diesem Namen. Ich wohne allein.“  „Das kann nicht sein! Wieso lügen Sie mich an? Wo ist er?“ Von dem Radau alarmiert, wurde eine weitere Wohnungstür auf der anderen Seite des Treppenhauses geöffnet. Ein älterer Mann betrat mit wütendem Blick das Treppenhaus. „Was ist denn hier los?“ „Diese Irre ist einfach in meine Wohnung gestürmt. Würden Sie bitte die Polizei rufen?“  Der Mann bedachte Emily mit einem strengen Blick. „Ist das nötig? Müssen wir die Polizei verständigen?“  „Ich will lediglich wissen, wo Nathan O’Leary ist.“ Emily hielt inne. Sie wusste nicht einmal, ob O’Leary überhaupt Nats Nachname  war. Wieder einmal wurde ihr bewusst, wie naiv sie gewesen war.  „Meinen Sie einen jungen Mann, Anfang dreißig, dunkle Haare?“   Emily nickte bekräftigend und sah den Mann an, der sich nachdenklich am Kinn kratzte.   „Tja, der ist bereits vor einer Woche ausgezogen.“  „Ausgezogen?“  Unsanft zog die Frau Emily vor die Tür. „So nennt man das, wenn Leute die Wohnung wechseln. So etwas soll vorkommen. So wie  ich es auch vor einer Woche getan habe. Und jetzt verschwinden Sie!“  Ehe Emily etwas erwidern konnte, wurde ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ihre einzige Chance zu erfahren, was mit Gabriel  geschehen war, hatte sich soeben in Luft aufgelöst.  Der Mann aus der anderen Wohnung lächelte sie aufmunternd an. „Er wird schon wieder auftauchen.“  Dann wurde auch die zweite Tür geschlossen, und sie stand mutterseelenallein im Treppenhaus.  Ihre Verzweiflung hatte noch immer nicht nachgelassen, als sie einige Zeit später vor ihrer eigenen Wohnungstür stand. Das  Türschloss war aufgebrochen, und sie erinnerte sich, dass Gabriel so etwas erwähnt hatte.   Entschlossen setzte sie einen Schritt über die Türschwelle und machte sich daran, sämtliche Räume zu überprüfen. Jedoch konnte sie nichts Ungewöhnliches feststellen. Als sie wieder im Gang stand, fiel ihr Blick auf die Kommode. Dort, wo sich normalerweise eine  kleine Tür befand, war nur ein klaffendes Loch zu erkennen. Bei genauerer Betrachtung stellte Emily fest, dass das Türchen sehr wohl  noch da war, sich jetzt jedoch im Inneren der Kommode befand. Eine Reparatur war wohl ausgeschlossen.  Auf dem kaputten Möbelstück lagen immer noch die Abschiedsbriefe an ihre Eltern und Nana, nur der Brief an Gabriel war  verschwunden. Emily sah auf dem Fußboden und hinter der Kommode nach, doch nirgends war der Brief zu sehen. Gabriel musste  ihn mitgenommen haben. Ihr Herz verkrampfte sich.   Warum lässt du mich hier allein zurück? Warum? Gott, warum tust du mir das an?  Doch sie wusste, dass Gott damit nichts zu tun hatte. Sie allein hatte am vergangenen Abend die Entscheidung gefällt, sich mit Bec  zu treffen. Warum hatte sie sich nur auf diesen Deal eingelassen?   Die Vibration ihres Handys ließ in Emily ein neues Gefühl aufkeimen – Hoffnung.  „Gabriel?“   „Nein, Kleines. Ich bin es. Nana.“   Der Hoffnungsschimmer starb, bevor er überhaupt die Chance bekommen hatte zu gedeihen.   „Emily, alles in Ordnung?“ Emily schloss die Augen. Natürlich. Es ist alles bestens. Ich habe lediglich den Mann, den ich liebe, wegen meiner eigenen  Dummheit verloren. Sie schluckte die Worte hinunter. „Ja, es ist alles in Ordnung. Nana … ich habe das Versprechen, das ich Pesh bei  der Trauerfeier gegeben habe, eingehalten und ihren Tod gerächt.“   Einen Moment herrschte Stille. „Lass uns darüber nicht am Telefon reden. Ich wollte dir etwas anderes mitteilen. Die Polizei hat  heute Morgen Peshewas Leiche freigegeben. Die Beerdigung wird heute Mittag um zwölf Uhr stattfinden. Wirst du kommen?“   Bei dem Wort Beerdigung krümmte sich Emilys Magen zusammen, und sie schloss die Augen. Schwärzer konnte ein Tag nicht  werden. „Ich werde da sein. Nichts auf der Welt könnte mich davon abhalten. Pesh war meine beste Freundin.“   „Danke, Kleines.“   Emily lehnte den Kopf gegen die Wand. Ausgerechnet heute war Peshs Beerdigung, aber sie war es ihrer Freundin schuldig  hinzugehen.   Sie nahm die verbliebenen Briefe und schnappte sich den Koffer, der immer noch im Gang stand. Sie wollte hier keine unnötige Zeit  verschwenden. Die ganze Wohnung war beladen mit Erinnerungen, die ihr Herz in tausend Stücke rissen. Sie betrachtete die defekte  Eingangstür. Wohl oder übel musste sie die Verwaltung verständigen, dann konnte sie nebenbei auch gleich ihren Mietvertrag kündigen.   Warum sollte sie damit warten? Sie würde die Kündigungsfrist sowieso nicht überleben.   Mit dem Koffer in der Hand ging sie zu ihrem eigenen Auto. Es war an der Zeit, ins Reservat zu fahren.   Schweigend nahmen Emily und Nana sich in die Arme. Worte waren angesichts ihrer gemeinsam verbrachten Zeit und den  bevorstehenden Stunden nicht notwendig. Als sie sich nach einer endlosen Zeit voneinander lösten, sah Nana Emily prüfend an und  legte ihr behutsam einen Arm um die Schultern. „Komm erst mal mit rein. Möchtest du etwas essen?“ Obwohl das Mittagessen am Vortag ihre letzte Mahlzeit gewesen war, verspürte Emily keinerlei Hunger. In Gedanken sah sie wieder  Gabriels Lächeln, und ein Kloß setzte sich in ihrem Hals fest und drohte ihr die Luft zum Atmen zu nehmen. Für einen kurzen Moment  schloss sie die Augen. „Nein, keinen Hunger. Aber eine Dusche wäre großartig. Und ich wäre dir sehr dankbar, wenn ich hier übernachten könnte.“ Erschrocken betrachtete Emily ihr Spiegelbild. Hatte sie sich wirklich so der Öffentlichkeit präsentiert? Kein Wunder hatte Chief Warren  sie so kritisch beäugt. Ihre linke Gesichtshälfte war mit Striemen übersät, und das Augenlid hatte eine lila Schattierung angenommen.  Ihr Körper wurde durchgehend von Blutergüssen geziert, und ihr wurde klar, warum jeder einzelne Knochen so wehtat. Aber sie war am  Leben. Sie drängte die Tränen zurück, die ver-suchten, in ihr aufzusteigen.   Ja, sie lebte, aber das hatte sie nicht sich selbst zu verdanken. Und nun war keiner mehr da, der sie retten konnte. Jetzt war sie auf  sich allein gestellt. Der Ausgang der Geschichte lag ganz allein in ihrer Hand. Wer auch immer sie zur Wynne Shane ernannt hatte,  hatte damit einen unverzeihlichen Fehler begangen.   Die Zeremonie auf dem kleinen Friedhof des Reservats war herzergreifend. Obwohl die Bewohner bereits bei der Trauerfeier Abschied  genommen hatten, war es nochmals ein bewegender Moment, als der dunkle Sarg in den Boden gelassen wurde. Entfernt hörte Emily  Nanas Worte. „… und es wird nur ein kleiner Sprung zwischen Zeit und Ewigkeit sein …“   Emily war zu keiner Träne mehr fähig. Sie hatte bereits so viele Tränen vergossen. Für Katrina, für Pesh und zuletzt auch für  Gabriel. Sie fühlte sich nur noch leer und ausgebrannt.  Sie betrachtete die Anwesenden. Nicht nur die Bewohner aus dem Reservat, sondern auch viele ihrer Kommilitonen waren  gekommen. Sie war erstaunt, wie viele die Möglichkeit nutzten, von Pesh Abschied zu nehmen und ihr damit die letzte Ehre zu  erweisen.  Jeder der eingefundenen Trauergäste warf eine einzelne Rose oder eine Schaufel voll Erde in die Öffnung, die von nun an das neue  Zuhause von Peshs Körper werden sollte. Im Vorbeigehen konnte Emily sogar Dekan Franklin sehen, der misstrauisch die Spuren auf  ihrem Gesicht betrachtete. Vermutlich schrieb er nun doch ihren Schulverweis.   Sollte er ruhig.  Im Anschluss an die Beerdigung fand eine kleine Trauerfeier bei Nana zu Hause statt. Da das kleine Holzhaus nicht dafür ausgelegt  war, so viele Menschen auf einmal zu beherbergen, platzte es fast aus allen Nähten.   Unter den vielen Anwesenden konnte Emily Marie erkennen und ging erstaunt auf ihre Kommilitonin zu. Es war die perfekte  Gelegenheit, ihr den Autoschlüssel zurückzugeben.   Marie wirke überrascht, als Emily ihr den Schlüssel vor die Nase hielt, und nahm ihn argwöhnisch entgegen. „Wie kommst du an  meinen Autoschlüssel? Wo ist mein Auto?“ Emily runzelte die Stirn. Was sollte diese Frage? „Lass die Spielchen, Marie. Ich habe weder die Zeit noch die Lust, mich mit deinen  Kindereien zu beschäftigen. Der Wagen steht auf dem Campus-Parkplatz.“ Mit diesen Worten ging sie weiter und ließ ihre Kommilitonin  stehen. Wenn sie noch ins Reisebüro wollte, musste sie jetzt wirklich los. Sie hatte ein schlechtes Gewissen, Nana mit all diesen Menschen  allein zu lassen, aber ohne Ticket konnte sie das Flugzeug nach Mexiko nur von außen bestaunen.   * * * Zwei Stunden später saß Emily an einem kleinen Tisch in einem Café und betrachtete die Reiseunterlagen. Ihr Herz krampfte sich  schmerzhaft zusammen, als sie die zwei Flugtickets in der Hand hielt. Morgen um zehn Uhr würde sie im Flugzeug sitzen.   Sie legte die Tickets vor sich auf den Tisch und nahm die Broschüre des Hotels aus dem Umschlag. Eine kleine Ferienanlage war  darauf in allen Perspektiven abgelichtet, und der beiliegende Hotelvoucher war für eine Übernachtung ausgestellt. Stirnrunzelnd las  Emily die Reisedaten durch. Das Rückflugticket war erst auf übernächste Woche, Mittwoch, ausgestellt. Was war Gabriels Plan  gewesen? Wo hatte er die restlichen Nächte verbringen wollen?   Sie zog die Notizen, die sie von Gabriels Schreibtisch mitgenommen hatte, aus ihrer Handtasche und besah sich das erste Blatt. Mexiko / Tuxtla Gutiérrez San Cristóbal de las Casas Selva Lacandona  Christliche Mission  Lacantún  Sie nahm sich das nächste Blatt zur Hand.   Taschenlampe / Batterien   Erste-Hilfe-Set    Isomatte   Schlafsack   Zelt Stopp! Zelt? Was hatte Gabriel vorgehabt? Mitten in Mexiko sein Zelt aufzuschlagen? Wozu gab es Hotels? In Gedanken schickte  Emily ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte lass es da Hotels geben. Allein der Gedanke, mitten in der Pampa, irgendwo im Nirgendwo  allein in einem Zelt zu campieren, behagte ihr überhaupt nicht. Sie würde es noch nicht einmal schaffen, das Zelt aufzuschlagen.  Seufzend las sie das letzte Blatt. Lacandonen (wahre oder echte Menschen) – Chiapas  Chorti-Maya / 1692 – 1712  Amisha – ohne Täuschung, rein  Conquista (Konquistador)  Emily runzelte die Stirn, das brachte sie nicht weiter. Gabriel und ihr Unterbewusstsein hätten sich sensationell verstanden. Sie hatten  beide die Art, ihr Nachrichten zukommen zu lassen, die sie einfach nicht verstand. „Miss Silver?“  Überrascht blickte sie auf. „Mr. Roberts, was für eine Überraschung.“   „Darf ich mich vielleicht zu Ihnen setzen?“  Emily sah sich um. In dem kleinen Café gab es fast keinen freien Platz mehr. Kurzerhand deutete sie auf den freien Stuhl an ihrem  Tisch. Mr. Roberts nahm dankend Platz und stellte eine Tasse Kaffee auf den Tisch. „Was ist denn mit Ihnen passiert?“  „Ich bin die Treppe hinuntergefallen.“   Einen peinlichen Moment lang starrte jeder auf seine Tasse, ehe Emily das Schweigen brach. „Wie geht es Ihnen? Sind Sie schon  lange wieder aus dem Krankenhaus?“  „Ein paar Tage. Allerdings bin ich noch ein wenig gehandicapt.“   „Das tut mir leid.“ „Sie können ja nichts dafür. So etwas hätte überhaupt nicht passieren dürfen. Ich kann nur hoffen, dass sich die Bundesbehörde  darum gekümmert hat.“   Erstaunt hob Emily die Augenbrauen. „Die Bundesbehörde? Warum nicht die hiesige Polizei?“   „Ich glaube nicht, dass freilaufende Wildkatzen in den Zuständigkeitsbereich der Polizei fallen.“   Emily lief es eiskalt den Rücken hinunter. Ihre Stimme war einen Tick zu hoch. „Eine Wildkatze? Was für eine Wildkatze?“ „Ich kenne mich nicht sonderlich gut mit Raubtieren aus. Es ging alles sehr schnell, und es war bereits dunkel …“ Er hielt kurz inne.  „… aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das Fell sich nicht von der Dunkelheit abgehoben hat. Letztendlich ist es egal, was für eine  Raubkatze das war. Fakt ist, dass sich da draußen ein wildes Tier herumgetrieben hat.“   Oder herumtreibt, fügte Emily in Gedanken hinzu.   Mit einem Nicken deutete Mr. Roberts auf ihre Flugtickets, die auf dem Tisch lagen. „Und wo möchten Sie hin?“  „Mexiko.“ „Das Land der Maya. Wirklich eine hervorragende Wahl.“ Emilys Lehrer sah sie entzückt an. „Ich weiß, Sie haben kein großes  Interesse an Geschichte, aber vergessen Sie bitte nicht, dass Mexiko einiges mehr zu bieten hat als Strand und Meer.“   Emilys Augen weiteten sich. „Darf ich Ihnen vielleicht etwas zeigen?“ Als seinerseits keine Widerworte kamen, reichte sie ihm  Gabriels Notizen. Mit dem Lehrerblick, den sie bereits aus seinem Unterricht kannte, las er die Zeilen schweigend durch. Sie  unterdrückte den Impuls, rhythmisch mit den Fingern auf den Tisch zu klopfen.   „Sind das Ihre Notizen?“   Emily schüttelte den Kopf. „Äh, nein. Es ist eine Art Hausaufgabe in Geschichte.“ Mr. Roberts betrachtete erneut die Blätter. „Gabriel O’Leary. Ja, ich hörte bereits, dass er den Unterricht mit viel Erfolg übernommen  hat.“ Emily musste sich ein Grinsen verkneifen. Sogar der Hausmeister hätte eine Steigerung zu Mr. Roberts’ Unterricht zustande  gebracht. „Das hat Ihnen wohl Rektor Franklin mitgeteilt?“  „Rektor Franklin? Nein. Mr. O’Leary selbst hat mich im Krankenhaus besucht.“ Ohne ihre Verwunderung zur Kenntnis zu nehmen,  deutete Mr. Roberts auf die Notizen. „Der Mann scheint ein guter Lehrer zu sein, wenn er sogar Ihnen Geschichte nahebringen kann.“   Emily entschied sich, nichts zu erwidern. Doch sie wusste, dass Mr. Roberts recht hatte. Gabriel hatte die besondere Gabe  besessen, den Unterricht für jeden interessant zu gestalten. Sie dachte an den Museumsaufenthalt und die Stadtbesichtigung in New  York. Seine Begeisterung für Geschichte war geradezu ansteckend gewesen. Emily ermahnte sich selbst, diesen Gedanken nicht  weiterzuverfolgen. „Können Sie mit diesen Notizen etwas anfangen?“   Mr. Roberts nippte an seinem Kaffee und schaute erneut auf die Blätter. „Teilweise. Die Lacandonen sind ein Volk, das direkt von  den Maya abstammt. Um genau zu sein, von den Chorti-Maya. Es gibt ungefähr noch sechshundert Lacandonen – die letzten ihrer Art.  Ihr Volk wurde im sechzehnten Jahrhundert bei der Conquista, das ist die Eroberung Mexikos durch die Spanier, dezimiert. Die letzten  Verbliebenen flüchteten in die Selva Lacandona, nahe dem Lacantún.“ Als Emilys Lehrer ihr verunsichertes Gesicht sah, lächelte er.  „Selva Lacandona ist ein Urwald, der am Fluss Lacantún liegt.“  „Oh, okay. Und was ist dieses Chiapas?“ „Chiapas ist eine Ortschaft in der Nähe der Selva Lacandona. Wenn ich diese Notizen richtig deute, scheint es eine Verbindung  zwischen den Lacandonen und Chiapas zu geben.“ Mr. Roberts warf einen weiteren Blick auf das Blatt Papier in seinen Händen.  Amisha jedoch sagt mir nichts. Es scheint ein Name von einer Person oder einem Gebiet zu sein. Ich bin mir nicht sicher.“ Er gab  Emily die Blätter zurück und nahm einen letzten Schluck Kaffee, bevor er sich erhob. „Miss Silver, es war nett, Sie getroffen zu haben.  Aber ich muss jetzt los. Viel Glück bei Ihren Recherchen.“ * * * Es dämmerte bereits, als Emily gemeinsam mit Nana in deren kleiner Küche am Tisch saß. Vor ihnen standen zwei Tassen mit heißem Tee, dessen aromatischer Geruch sich in dem ganzen Raum verteilte.  „Nana, versprich mir, vorsichtig zu sein. Jemand sehr Böses treibt hier sein Unwesen.“   Nana schien wenig überrascht. „Mach dir um mich keine Gedanken. Ich habe schon einiges überlebt und gedenke auch in den  nächsten Tagen nicht abzutreten. Und falls dem doch so sein sollte, dann war es einfach an der Zeit.“   Emily konnte es nicht fassen. Sie wünschte sich eine ebenso unbekümmerte Einstellung zum Tod. „Bitte pass trotzdem auf. Du hast  keine Ahnung, wie gefährlich er sein kann. Er ist kein Mensch, er …“   „Er ist ein Morphix, ich weiß. Emily, mein Volk hat in den letzten Jahrhunderten genügend Erfahrungen mit dieser Spezies  gesammelt.“ Emily konnte nur hoffen, dass diese Erfahrungen von Vorteil waren. „Ich werde morgen nach Mexiko fliegen.“   „Mexiko? Was willst du in Mexiko?“ „Um ehrlich zu sein, ich habe keine Ahnung. Gabriel war der Meinung …“ Sie musste schlucken. Allein seinen Namen zu erwähnen,  brach ihr das Herz.   Nana tätschelte ihre Hand. „Was ist los, Kleines?“ „Er ist weg. Es ist alles meine Schuld. Er hatte mich gewarnt, dass ich mich selbst verlieren würde, und jetzt habe ich ihn verloren  …“ Ihre Worte waren ein heilloses Durcheinander, und Nana legte ihr den Arm um die Schultern. „Schon gut, Kleines. Erzähl es mir.“   Emily schüttelte den Kopf. „Nichts ist gut! Er ist tot. Tot! Verstehst du?“ Erschrocken legte sie die Hand auf den Mund. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht anschreien.“   Die alte Schamanin lächelte sie nachsichtig an. „Ich weiß, dass es nicht deine Absicht war.“ Emily versuchte, das Lächeln zu erwidern, aber es gelang ihr nur halbherzig. „Würdest du mich bitte entschuldigen? Ich möchte mich  hinlegen – es war ein langer Tag.“   „Natürlich. Geh nur.“   Emily ging in das Gästezimmer und verteilte Gabriels Notizen auf dem Bett. Schlafsack, Zelt und Taschenlampe konnte sie sicher  vor Ort organisieren, aber das würde einen schönen Batzen Geld kosten. Sie war schon froh gewesen, dass die Tickets bereits bezahlt  gewesen waren. Wie sollte sie innerhalb ein paar Stunden so viel Geld be-schaffen? Wenn es hoch kam, lümmelten vielleicht noch  hundert Dollar auf ihrem Konto herum. Definitiv nicht genug, um sich fast zwei Wochen in Mexiko über Wasser halten zu können. Ihre  Eltern konnte sie nicht fragen, da sie sich immer noch auf einem Kreuzfahrtschiff mitten in der Karibik aufhielten.   Sie konnte das Auto verkaufen.   Die Idee wurde zeitgleich mit einem schlechten Gewissen geliefert. Auch wenn auf den Fahrzeugpapieren ihr Name stand, hatte es  sich lediglich um eine Leihgabe gehandelt. Emily schob das schlechte Gewissen beiseite. Wem sollte sie das Auto schon  zurückgeben? Außerdem war es von allen Dingen, die sie besaß, der einzige Gegenstand, der sich schnell zu Geld machen ließ.   Sie wählte die Nummer der Auskunft und ließ sich mit dem erstbesten Gebrauchtwagenhändler in Columbus verbinden. Die tiefe  Stimme am Telefon war zwar nicht die Ausgeburt an Höflichkeit, aber der Mann war bereit, sich morgen früh mit ihr zu treffen. Sie  befürchtete, dass ein Treffen an einem Sonntag sich bestimmt nicht positiv auf den Verkaufspreis auswirkte.   Emily stand auf und leerte eine der Reisetaschen, die sie mitgebracht hatte. Wahllos packte sie Kleider, Schuhe und Kosmetikartikel  in diese. Die Notizen und Reisedokumente verstaute sie in der Handtasche.   Dann legte sie sich auf das Bett und schloss die Augen. Nun konnte sie nichts mehr tun, außer den nächsten Morgen abzuwarten. In  Mexiko würde sie sich nach Chia-pas begeben, dort einen von diesen Lacandonen schnappen und ihm diese Notizen zeigen. Was für  ein genialer und überaus dämlicher Plan.  Emilys Gedanken wirbelten umher. Sie befand sich wieder auf dem einsamen Fabrikgelände und hielt das blutige Messer in der Hand.  Vor Schreck ließ sie es fallen. Aus der Dunkelheit tauchte Nat neben ihr auf und grinste sie höhnisch an. „Vielleicht möchtest du Becs Platz einnehmen?“ Emily starrte ihn an und schüttelte vehement den Kopf. Sie musste ihre Augen schließen; keine Sekunde länger konnte sie seinen  Anblick ertragen. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war sie allein. Aus dem Dunkeln hörte sie Schritte. Chief Warren kam auf sie zu und lächelte sie  kalt an. „Miss Silver. Was für eine interessante Überraschung, Sie hier zu sehen. Möchten Sie mir vielleicht etwas sagen?“   Emilys Hals war wie zugeschnürt, und sie brachte kein Wort heraus. Der Polizist hielt ihr das Messer vor die Nase.   „Sind Sie sicher, dass Sie nichts zu sagen haben?“ Die Gestalt von Chief Warren verblasste, und Emily konnte eine melodische Stimme hören – diese schien aus allen Richtungen  zugleich zu kommen. „Dagaz steht für den Übergang von Nacht zu Tag, von Dunkelheit zu Helligkeit, aber alles hat auch eine Kehrseite. Der Weg kann  auch ins Dunkle führen.“ Katrina! Wo kam die Stimme her? Emily drehte sich im Kreis und hielt nach Katrina Ausschau. Als eine Hand ihre Schulter berührte, hielt sie  erschrocken inne. Gabriel stand neben ihr und sah sie mit traurigen Augen an. Er zog sie an sich und küsste ihre Schläfe. Seine  Stimme streichelte ihr Ohr. „Du verlierst dich, Em.“ Langsam ließ er sie los und machte einen Schritt zurück. Emily wollte ihn festhalten, doch seine Gestalt verschwamm mit der  Dunkelheit. „Gabriel!“   Erschrocken fuhr Emily hoch und benötigte einen Moment, bis sie wusste, wo sie sich befand. Schwer atmend ließ sie sich wieder  zurück in die Kissen sinken. Was für ein überaus lebendiger Traum. Sie war sich nicht sicher, ob in ihm eine tiefere Bedeutung zu  erkennen war oder ob ihr Unterbewusstsein versuchte, die Dinge, die sie er-lebt hatte, zu verarbeiten.   Hatte Gabriel ihr nicht geraten, wieder Tagebuch zu führen? Vielleicht konnte es tatsächlich nicht schaden, das Schreiben wieder  aufzunehmen. Sie sollte gleich damit beginnen.   Sorgsam schrieb sie ihre Erinnerungen so detailgetreu wie möglich in ein Notizbuch. Den Rest der Nacht verbrachte sie damit, die  dunklen Schatten an der Decke anzustarren.