Kapitel 2 Sonntag, 09.12.2012  „Schätzchen, Sie können zuschlagen oder es bleiben lassen. Aber das ist mein einziges Angebot.“ Fünfzehntausend Dollar – das war geradezu lächerlich. Der fast nagelneue Mini war das Doppelte wert. Emily warf dem Autohändler  einen finsteren Blick zu. Der Mann war groß, etwas untersetzt und hatte schütteres Haar. Sie sah auf die Visitenkarte, die er ihr  überreicht hatte. Der Slogan darauf lautete Der schnelle Larry. Sie hätte lauthals lachen können. Das Einzige, wobei dieser Typ  wahrscheinlich schnell war, war, unbescholtene Mitbürger über den Tisch zu ziehen. Und dafür war sie so früh aus dem Haus  gegangen und hergefahren?   Als sie das Geschäft betreten hatte, hatte er ausgiebig die blauen Flecken in ihrem Gesicht gemustert. Anscheinend dachte er, dass  sie Ärger am Hals hatte und deswegen dringend alles zu Geld machen musste. Damit lag er nicht allzu falsch, doch das gab ihm noch  lange nicht das Recht, sie jetzt auszubeuten. „Also, was ist? Wollen Sie das Auto nun verkaufen? Ich habe nicht ewig Zeit.“   In Emilys Innerem begann es zu brodeln. Sie ermahnte sich selbst, ruhig zu bleiben. Der Verkaufspreis würde nicht steigen, wenn sie  ihm an den Hals sprang. Sie verzog den Mund. „Einverstanden.“   Dieses einzelne Wort entlockte dem Autoverkäufer ein süffisantes Lächeln. „Wunderbar. Dann kommen Sie bitte rein. Ich mache die  Papiere fertig und stelle Ihnen den Scheck aus.“   „Nein, kein Scheck. Ich brauche das Geld bar.“   Das Grinsen des schnellen Larry wurde eine Spur breiter. „Das tut mir leid. So viel Bargeld bewahre ich nicht auf. Dann kann ich  Ihnen nur dreizehntausend geben.“   „Auf keinen Fall!“  Dieser miese Kerl. Wenn er so weitermachte, konnte sie sich gerade noch ein Taxi zum Flughafen leisten.   Der Verkäufer zuckte lässig mit den Achseln. „Tja, dann eben nicht. Für den Fall, dass Sie es sich anders überlegen, haben Sie ja  meine Nummer.“   Emily war sich durchaus bewusst, dass er sie betrog, aber dreizehntausend Dollar würden für ihren Aufenthalt in Mexiko ausreichen.  „Dann nehme ich eben das Geld. Machen Sie den Vertrag fertig.“   Eine halbe Stunde später lief Emily wehmütig, aber um dreizehntausend Dollar reicher, an ihrem ehemaligen Auto vorbei. War es  wirklich erst zwei Wochen her, dass Gabriel es ihr gegeben hatte? Es war so vieles passiert. Larry verließ ebenfalls das Gebäude und  musterte sie. „Kann ich Sie vielleicht irgendwohin mitnehmen?“   Emily sah ihn unschlüssig an. Eigentlich hatte sie die Taxizentrale anrufen wollen, um sich von ihrem neu erworbenen Reichtum eine  Fahrt zum Flughafen zu gönnen. Andererseits hatte dieser Kerl ihre Not geradezu ausgenutzt.  „Ich muss zum Flughafen.“   Der Verkäufer lächelte sie eine Spur zu persönlich an und deutete auf einen alten, verbeulten Cadillac. „Kein Problem. Steigen Sie  ein.“ Sie waren schon eine Weile gefahren, als Larry ihr einen Seitenblick zuwarf.   „Und wo soll es hingehen?“   „Mexiko.“ „Aha. Die liefern nicht aus, oder?“   Verständnislos sah Emily ihn an. „Die Polizei sucht dich wohl.“ Entrüstet über so viel Unverschämtheit, schüttelte Emily den Kopf. Ohne auf die Bemerkung einzugehen, wandte sie ihren Blick ab  und sah stur aus dem Seitenfenster. Warum hatte sie sich nicht einfach ein Taxi gerufen?  Als sie am Flughafengelände ankamen, atmete Emily er-leichtert auf. Der Autoverkäufer brachte sein Auto in der hintersten Reihe  eines nahegelegenen Parkplatzes zum Stehen.   Warum hatte er nicht einfach vor dem Gebäude geparkt? Er musste sowieso nicht aussteigen. Als Emily in das grinsende Gesicht  des Autoverkäufers blickte, kroch ein mulmiges Gefühl in ihr hoch. Entschlossen löste sie ihren Sicherheitsgurt. Der Drang, aus dem  Auto zu kom-men, stieg plötzlich ins Unermessliche. „Vielen Dank fürs Mitnehmen.“ Im Stillen fügte sie noch ein auf  Nimmerwiedersehen hinzu. Sie wollte gerade den Türmechanismus betätigen, als die Hand des Verkäufers sie zurückzog. „Sag mal, Schätzchen, ist es dir nicht eine Kleinigkeit wert, dass ich dich nicht an die Bullen verpfeife?“   Das ging entschieden zu weit.   „Lassen Sie mich augenblicklich los!“  „Wer wird denn gleich so abweisend sein.“   Angewidert betrachtete Emily die Hand, welche sich immer noch um ihren Arm schloss, und das mulmige Ge-fühl in ihrer  Magengegend verstärkte sich enorm. „Ich sagte, dass Sie mich loslassen sollen!“   Doch Larry dachte gar nicht daran, ihrer Aufforderung nachzukommen. Ein schmieriges Lächeln erschien auf seinem Gesicht.  „Erzähl es dem guten Larry. Verkehrst du im horizontalen Gewerbe?“   Hatte er sie gerade ernsthaft eine Nutte genannt? Emilys Magen drehte sich einmal um sich selbst, und ihr Blut fing an zu kochen. „Du könntest ruhig ein bisschen dankbarer dafür sein, dass ich dich in dieser schwierigen Lage unterstütze.“   Emily nahm seine Worte nur noch gedämpft wahr, da ihr Blut in den Ohren rauschte. Es schien sich in ihren Adern in pures Adrenalin  zu verwandeln. Funken fingen an, in ihrem Inneren zu sprühen, und die Welt um sie he-rum trat immer mehr in den Hintergrund. Nur  noch am Rande spürte sie die Hand des Autoverkäufers, die noch immer auf ihrem Arm lag. Ihr Hals war wie zugeschnürt, und sie  bekam keine Luft mehr. Sie schloss die Augen. Die Funken in ihrem Inneren tanzten immer wilder. Als sie meinte, ersticken zu müssen, löste sich der Knoten um ihren Hals, und ihre Atemwege waren wieder frei. Blinzelnd öffnete sie die Augen und verzog die Lippen zu  einem kalten, emotionslosen Lächeln.   „Du willst Dankbarkeit? Dann sei dankbar, wenn ich dich am Leben lasse.“   Als Emilys Hand sich blitzschnell um den Hals des Autoverkäufers schloss, verschwand das Grinsen aus dessen Gesicht, als wäre es nie dagewesen. Mit einem erschrockenen Grunzlaut versuchte er ihre Hand wegzuziehen, doch Emily hielt seinen Hals eisern  umschlossen. Als sie den Druck verstärkte, glich sein Atmen nur noch einem Röcheln. Gleichgültig nahm sie es zur Kenntnis. „Zeit zu sterben, Larry.“   Als sie ein Flehen in den Augen des Autoverkäufers bemerkte, hielt sie inne. Für einen Augenblick verschwamm sein Gesicht, und sie  musste erneut blinzeln. Das Erste, was Emily sah, war ihre Hand, die um den Hals des Verkäufers lag.   „Ich … Scheiße.“ Bestürzt zog sie ihre Hand zurück, schnappte ihre Tasche von der Rückbank und riss die Beifahrertür auf. Diesmal wurde sie nicht von  Larry zurückgehalten. Panisch sprang sie aus dem Auto. Erst, als sie vor dem Flughafengebäude stand, erlaubte sie sich anzuhalten. Vor ihrem geistigen Auge sah sie wie-der ihre Hand, die  sich um den Hals des Autoverkäufers krallte. Wie hatte es nur dazu kommen können, dass sie sich so leicht in die Wynne Shane  verwandelt hatte? Und hatte sie wirklich versucht, ihn … Sie wollte diesen Gedanken lieber nicht zu Ende führen und holte tief Luft,   bevor sie mit der Tasche in der Hand das Gebäude betrat. In einem kleinen Bistro nahm Emily Platz. Sie hatte immer noch eine Stunde Zeit bis zum Check-in. „Urlaub?“   Beim Klang der Stimme lief es ihr eiskalt den Rücken hinunter. Mit einem spöttischen Blick setzte sich Nat ihr gegenüber. „Wieder eine Flucht? Bist du es nicht irgendwann leid, dass andere für dich ihr Leben lassen müssen, während du dich verdrückst?“   Unbändige Wut kochte in ihr hoch, doch Nat lächelte sie nur kalt an. „Ich würde mich schnell wieder unter Kontrolle bringen. Wir  wollen doch kein unnötiges Aufsehen erregen. Nicht, dass aus Versehen noch jemand zu Schaden kommt. Oder meinst du, ich würde  nur eine Sekunde zögern, einen der hier Anwesenden zu töten?“   Nein, daran hatte Emily keine Zweifel. Sie durfte nicht das Leben Unschuldiger riskieren. Mit eiserner Konzen-tration versuchte sie  ihre aufgewühlten Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Doch allein Nats bloße Anwesenheit entfachte unbändige Wut in ihr. „Wo  ist er?“ Sie brachte es nicht über sich, Gabriels Namen zu nennen.   „Oh, Em … es hätte alles so einfach sein können.“ „Ich habe dich gefragt, wo er ist!“   Ihr wütender Aufschrei blieb nicht unbemerkt. Einige Besucher des Bistros drehten sich entrüstet zu ihr um.  „Du wirkst so erregt, meine Liebe.“ Gelassen zuckte Nat mit den Schultern. „Wie du dir sicher denken kannst, war ich über dein  plötzliches Verschwinden nicht gerade erfreut. Und Gabriel …“ Nat lächelte süffisant. „Er hätte sich mir nicht in den Weg stellen sollen.  Wirklich bedauerlich, aber unumgänglich. Aber er war mein Bruder, auch wenn er sich am Schluss für die falsche Seite entschieden hat.  Hinterher aufzuräumen war das Mindeste. Außerdem hätte es im Falle einer Obduktion zu viele Fragen gegeben.“  Emilys Magen zog sich unter diesen Worten zusammen, und in Gedanken hörte sie wieder den markerschütternden Schrei. Aber sie  würde nicht weinen. Nicht jetzt, nicht vor ihm. „Und Becs Leiche wirft keine Fragen auf?“  „So viel Neugier? Wie sagt man so schön: Die Neugier ist der Katze Tod. Aber ich sehe viele Fragen in deinen Augen. Spuck schon  aus, was in deinem Kopf vorgeht.“  „Warum Katrina?“  „Katrina konnte ihren Mund nicht halten.“  Emily sah ihn fassungslos an. „Sie hat mir doch gar nichts erzählt.“ „Ich hatte an diesem Tag ganz andere Pläne für uns, und ich mag es nicht, wenn meine Pläne gestört werden. Aber du musstest ja  unbedingt in die Mall gehen. Wer weiß, vielleicht könnte sie heute noch leben, wärst du nicht so versessen auf dieses Gespräch mit ihr  gewesen. Ich wusste nicht, was sie dir damals erzählt hatte, aber ich wollte kein unnötiges Risiko eingehen. Diese Frau war wie ein  spitzer Stein im Schuh – bevor er einen verletzen kann, entledigt man sich seiner.“  „Warum Pesh? Sie hatte mit alldem nichts zu tun.“ „Das ist wohl wahr, aber du warst auf einmal komplett von der Bildfläche verschwunden. Und du hast nicht auf meine Anrufe reagiert,  was mich wirklich sehr getroffen hat. Irgendetwas musste passieren, damit du wieder in Erscheinung trittst. Wobei ich gestehen muss,  dass deine kleine Indianerfreundin nicht meine Idee war. Eigentlich war ich am Anfang von diesem Vorschlag noch nicht einmal  begeistert, aber Bec hatte manchmal wirklich überzeugende Argumente. Wenn sie etwas wollte, ließ sie kein Mittel der  Überredungskunst ungenutzt. Wenn du verstehst, was ich meine?“ Nat beugte sich verschwörerisch über den Tisch. „Wusstest du, dass  ich nicht der Einzige war, der in den Genuss dieser Überredungskünste kam? Keine Ahnung, wie viele Unterredungen unser lieber  Gabriel mit ihr hatte.“  „Ich hasse dich!“ Emily spie ihm die Worte regelrecht entgegen.  „Oh, bitte! Meinst du wirklich, dieses Geständnis raubt mir nachts den Schlaf?“   „Du hast ihn eiskalt getötet. Du bist ein elender Mörder.“ Nats blaue Augen blitzten gefährlich auf. „Willkommen im Club.“   „Nein, ich bin nicht wie du.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Du bist ein Monster.“   Sein Lächeln wurde breiter und kälter zugleich. „Ja, das mag ich in deinen Augen sein, aber Gabriel war mit Sicherheit nicht so  unschuldig, wie du glaubst.“   „Wag es nicht, so über ihn zu reden. Du hast keine Ahnung, wie er wirklich war.“   „Nein, Mädchen, du hast keine Ahnung. Außerdem stellt man sich nicht gegen seinesgleichen. Es gibt klare Regeln, und die hat er  gebrochen. Die Strafe dafür kannte er. Was hast du erwartet? Ich frage mich, ob du tatsächlich so naiv bist.“ Nats Augen verengten  sich. „Dein Naturell ist noch schwerer zu ertragen als das dieser gewöhnlichen Menschen.“  Abfällig erwiderte Emily seinen Blick. „Das hat dich aber nicht davon abgehalten, mich ins Bett zerren zu wollen.“  „Zerren? Verdrehst du nicht die Tatsachen? Du bist freiwillig mitgegangen. Wenn ich mich richtig erinnere, konntest du es kaum  abwarten.“  „Gott, ist das traurig. Wie erbärmlich muss dein Leben sein, wenn du Frauen manipulieren musst, damit sie mit dir mitgehen …“  „Will mir gerade eine Jungfrau Tipps in Sachen Sex geben? Sag mir, wer von uns zwei nun erbärmlich ist. Ich für meinen Teil kann  mich nicht beklagen. Auch wenn du es nicht glauben kannst, bin ich bisher immer auf meine Kosten gekommen. Auch ohne, wie  nanntest du es so schön – Manipulation. Und wer weiß, jetzt wo Gabriel nicht mehr ist, vielleicht möchtest du dich doch auf mich  einlassen? Ohne Manipulation, sondern aus freiem Willen?“  „Das Einzige, was ich möchte, ist, dich umzubringen.“ Nats stahlblaue Augen fixierten sie. „Du willst mich also umbringen? Ich glaube kaum, dass du das schaffst. Aber ich freue mich  schon heute darauf, dein Ende zu besiegeln.“   Trotz ihrer Angst und der Kälte, die Nat ausstrahlte, straffte Emily ihre Schultern und sah ihn herausfordernd an. „Warum bringen wir  es nicht gleich hinter uns? Ohne Unschuldige mit in diese Sache zu ziehen. Oder hast du Angst?“   Mit einem selbstgefälligen Lächeln erwiderte Nat ihren Blick. „Angst?“ Er schien sich das Wort regelrecht auf der Zunge zergehen zu  lassen, so als ob er sich dessen Bedeutung bewusst werden müsste. „Wohl kaum. Vielleicht bist du mir einfach noch nicht …  vollkommen genug. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, wird mich nichts aufhalten.“ Seine Augen blitzten belustigt auf. „Die  Gespräche mit dir waren wesentlich angenehmer, als du noch nicht meinen Tod wolltest. Damals hattest du noch diese Unschuld in  deinen Augen. Anscheinend ist alles vergänglich.“   „Genauso vergänglich wie dein Dasein.“   „Ist das nicht eher die Wynne Shane, die aus dir spricht?“  „Nein, das ist mein eigenes Ich.“   Nat lachte laut auf. „Sobald du dein eigenes Ich kennst, wird es mir eine Freude bereiten, dieses Gespräch weiterzuführen. Wieg  dich nicht zu sehr in Sicherheit. So oder so wird es mit deinem Tod enden.“  „Die letzte Person, die meinen Tod wollte, weilt nicht mehr unter uns.“   Nats Blick traf sie mit tödlicher Kälte. „Bec war einfach zu emotional und zu verspielt.“   Sie hatte an dieser Frau nichts Verspieltes erkennen können. Bec war, auch im Nachhinein betrachtet, eiskalt und wahnsinnig  gewesen. Gespielt gelassen zuckte Emily mit den Schultern. „In erster Linie ist sie jetzt tot. Und du Schwein wirst ebenfalls für alles  bezahlen.“  Nats Augen verengten sich. „Ich finde, du legst ein sehr respektloses Verhalten an den Tag. Willst du mich tatsächlich  herausfordern?“ Sein Lächeln zeigte perfekt weiße Zähne. „Du hast immer noch keine Ahnung, mit wem du es eigentlich zu tun hast.  Aber da ich ein netter Kerl bin, werde ich dir die Chance geben, deine Worte nochmals zu überdenken. Pass auf, ich zeige dir eine  Kleinigkeit … dann sagst du mir, ob du bereit bist, die Verantwortung für deine Respektlosigkeit mir gegenüber zu übernehmen.“   Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Emily, wie Nat eine junge Kellnerin an ihren Tisch winkte. Die junge Frau war Anfang  zwanzig, und ihre roten Locken umrahmten das herzförmige Gesicht.   „Hallo. Was kann ich euch bringen?“   Obwohl sie in der Mehrzahl sprach, hatte sie nur Augen für Nat. Mit einem strahlenden Lächeln, das Emily nur zu gut kannte, wandte  er sich dem Mädchen zu. „Lass mich mal überlegen …“ Seine Stimme hatte ein dunkles Timbre angenommen und klang wie flüssiges  Öl. Er sah auf das Namensschild der Kellnerin, bevor er ihren Blick mit seinen blauen Augen gefangen hielt. „Kannst du mir etwas  Besonderes empfehlen, Shelly?“   Die Nennung ihres Namens klang wie eine erotische Einladung, und das Mädchen errötete. „Nun ja. Vielleicht einen Milchshake?“   Nats Lippen wurden von einem leichten Lächeln umspielt. „Und wenn mir der Sinn nach etwas anderem steht? Nach etwas ganz  anderem?“   Die Wangen des Mädchens färbten sich in ein dunkles Rot. „Ich habe um achtzehn Uhr Feierabend.“   Emilys Fassungslosigkeit ließ Nats amüsiertes Lächeln eine Spur breiter werden. „Warum warten? Ist es hier nicht schrecklich heiß?“  Sein intensiver Blick hielt den der Kellnerin weiterhin gefangen. „Oder? Ist dir nicht auch heiß, Shelly?“   Emily betrachtete entsetzt, wie das Mädchen leicht nickte. Ihre Hände wanderten zum Dekolleté ihrer Bluse, und mit zitternden  Fingern fing sie an, den ersten Knopf zu öffnen.   Endlich erwachte Emily aus ihrer Starre und zischte Nat über den Tisch hinweg an. „Hör sofort damit auf! Lass sie in Ruhe!“   Nat sprach, ohne den Blick von dem Mädchen abzuwenden, das bereits bei dem nächsten Knopf angekommen war. „Wo bleibt denn  da der Spaß? Meinst du, sie möchte überhaupt damit aufhören?“   Emily starrte panisch auf den zweiten geöffneten Knopf der Bluse. Sie wusste nur zu gut, wozu Nat fähig war. Es war noch nicht allzu  lange her, da hatte sie sich ihm ebenso bereitwillig angeboten. „Lass sie in Ruhe. Ich habe es verstanden.“   Unmerklich schüttelte er den Kopf. „Ich glaube nicht, dass du es verstanden hast.“ Ein teuflisches Funkeln war in seinen Augen zu  erkennen. „Shelly, warum holst du uns nicht ein Messer?“   Emily wurde kreidebleich. Am liebsten hätte sie geschrien, aber ihr Körper war starr vor Angst. „Ich habe es kapiert. Bitte hör auf.“  Ihre Worte waren kaum lauter als ein Flüstern, schienen jedoch Nats Zufriedenheit geweckt zu haben.   „Shelly, wir brauchen nichts weiter. Aber vielen Dank für deine Unterstützung. Vielleicht werde ich zu einem späteren Zeitpunkt  nochmals auf dein Angebot zurückkommen.“   Nat wandte sich wieder Emily zu. Das amüsierte Lächeln hatte er gegen eine eiskalte Variante eingetauscht. Emily sah aus den  Augenwinkeln, wie die junge Kellnerin blinzelnd an sich hinuntersah und mit einem erschrockenen Ausruf die geöffneten Knöpfe ihrer  Bluse registrierte. Mit schnellen Schritten suchte sie die Sicherheit des Waschraums auf. Emily sah ihr hinterher. Sie bezweifelte, dass  es bezüglich Nat so etwas wie Sicherheit gab. Gelassen sah dieser sie an. „Nur eine kleine Demons-tration. Überlege dir in Zukunft, wie du mit mir sprichst.“   „Was willst du von mir?“   „Du warst es, die nach mir gesucht hat. Oder warum warst du sonst in meiner ehemaligen Wohnung?“ Nats Lächeln wurde eine Spur  breiter, als Emily ihn verblüfft ansah. „Was denn, bist du etwa überrascht? Ich bin wie ein Schatten. Nicht greifbar, aber immer hinter  dir. Und da du sowieso zu mir wolltest, dachte ich, ich leiste dir ein bisschen Gesellschaft, bevor du wegfliegst. Du warst vor-gestern  Nacht so schnell verschwunden, und ich wollte mich davon überzeugen, dass es dir auch gut geht. Aber ich muss gestehen, du siehst  erbärmlich aus.“   Emily war zu keinem Wort fähig. Der Hass auf ihn, aber auch die Verzweiflung darüber, so machtlos zu sein, kämpften in ihrem  Inneren einen erbitterten Kampf.   Immer noch gelassen, betrachtete Nat ihr angespanntes Gesicht. Mit einer geschmeidigen Bewegung stand er auf. „War wie immer  schön, dich zu treffen, Em. Mach dir nicht die Mühe, erneut nach mir zu suchen. Zum richtigen Zeitpunkt werde ich dich finden … egal,  wo du dich versteckst.“   Emily sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Wollte er tatsächlich einfach wieder verschwinden?   „Ach, Em …“ Als Nat sich zu ihr herunterbeugte, spannte sich ihr Körper an. Seine kalte Hand streichelte ihr vertraulich über die Wange, und sie  musste gegen die Übelkeit, die diese Berührung verursachte, ankämpfen.   „Es war wirklich eine herzzerreißende Zeremonie gestern.“ Mit diesen Worten verließ er das Bistro.   Das Blut in Emilys Adern gefror. Was hatte Nats Auftritt zu bedeuten? Sollte das tatsächlich nur eine Demons-tration seiner  Überlegenheit gewesen sein? Oder hatte er zeigen wollen, dass er ihr immer einen Schritt voraus war? Am wahrscheinlichsten war  wohl, dass er ihr hatte mitteilen wollen, wer bei dem Kampf als Sieger hervorgegangen war.   Egal, was tatsächlich die Intension gewesen war – sie hatte die Warnung verstanden.   * * * Trotz der späten Stunde schlug Emily beim Verlassen des Flughafengebäudes in Tuxtla Gutiérrez ein warmer Wind entgegen, und  Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Ihre Winterjacke war definitiv nicht das passende Kleidungsstück für diese Gefilde.   „Buenas tardes, Señora.“   Emily wandte sich der freundlichen Stimme zu. Diese gehörte einem Mexikaner, der in etwa ihre Größe hatte, was für einen Mann  nicht sonderlich groß war. Fragend blickte Emily in das braungebrannte Gesicht des Fremden. Unter seinem Schnauzer bildete sich  ein zahnloses Lächeln.  „Taxi?“ Sie erwiderte sein Lächeln. „Si.“ Wer sagte denn, dass ihre Spanischkenntnisse nicht völlig ausreichend waren?  Der kleine Mexikaner deutete auf ein Taxi, das am Straßenrand geparkt war. Der Anblick verschlug Emily den Atem. Das Wort Taxi   erschien ihr sehr überzogen, aber an den vier Reifen konnte man zumindest erkennen, dass es sich bei dem verbeulten Gefährt  tatsächlich um ein Auto handelte. Dankend nahm sie auf der Rückbank Platz und zeigte dem Fahrer das Prospekt des Hotels. Der  Mann studierte die Broschüre und nickte energisch.   Als er das Auto startete, sprang es wider Erwarten auf Anhieb an. Mit einem letzten Blick in den Rückspiegel fädelte sich der  Taxifahrer in den Verkehr ein und ließ den Flughafen hinter sich.   Der Fahrstil war doch sehr gewöhnungsbedürftig. Die Bremse war für den Verkehr nicht wirklich erforderlich, solange die Hupe und das  Gaspedal funktionierten. Emily spannte sich an und hoffte inständig, dass der Fahrer wusste, was er tat. Als er an einer roten Ampel  anhielt, atmete sie erleichtert auf. Auch wenn die Bremse bisher nur als Dekoraktion fungiert hatte, funktionierte sie.   Emilys Blick fiel auf einen Pulk von Menschen auf der anderen Straßenseite. Durch eine Lücke konnte sie jemanden auf dem Boden  liegen sehen. Unsicher beobachtete sie die Szene. Keiner dachte daran, dem Mann am Boden wieder aufzuhelfen. Fragend erwiderte  Emily den Blick des Fahrers im Rückspiegel. Seine Lippen zeigten nicht länger ein Lächeln, und er schüttelte unmerklich den Kopf.  „¡Dios mio! ¡Guerillas! Non, Señora, nichts machen.“   Verunsichert sah Emily noch einmal zu der Szene auf der Straße, bevor das Taxi wieder losfuhr.   „Immer schlimmer. Guerillas früher nur Versteck, jetzt Kriege auf Straße.“   Sie musste schlucken. Seine Grammatik wies zwar einige Lücken auf, aber der Inhalt war sehr wohl bei ihr angekommen. Die  steigende Kriminalitätsrate schien auch vor Mexiko nicht Halt zu machen. Schweigend lehnte Emily sich in ihrem Sitz zurück. Ohne weitere Zwischenfälle und zu ihrer Erleichterung auch ohne Unfall, erreichten sie das Hotel in San Cristóbal. Mit einem  erleichterten Lächeln reichte Emily dem Fahrer das Geld für die Fahrt und stieg aus dem Taxi. Sie ging die Stufen zu dem Hotel hoch  und machte sich auf den Weg zur Rezeption.   „Hallo. Emily Silver. Ich habe ein Zimmer reserviert.“   Der Angestellte nahm den Hotelvoucher und ihren Führerschein entgegen und gab die Daten in seinen Computer ein. „Si, Señora.“ Er  läutete ein kleines Glöckchen, welches am Tresen angebracht war. „Pedro wird Ihr Gepäck in das Zimmer bringen.“   „Das ist nicht nötig. Ich werde mein Gepäck selbst tragen.“   Der Portier sah sie erstaunt an, äußerte sich aber nicht und reichte ihr den Zimmerschlüssel.   „Entschuldigen Sie, ich hätte noch eine Frage. Können Sie mir sagen, wie ich auf dem schnellsten Weg nach Chia-pas komme und  ob ich dort in Kontakt mit Einwohnern lacandonischer Herkunft treten kann?“ Sie bezweifelte, dass diese Ausdrucksweise  grammatikalisch korrekt war. In ihren Ohren hörte es sich eher wie eine Krankheit an.   Der Angestellte lächelte sie an. „Chiapas liegt ungefähr einhundertfünfzig Kilometer südöstlich von hier, mit dem Auto dauert die Fahrt  knapp drei Stunden. Manchmal kommen verschiedene Händler der Lacandonen dorthin, um die von ihnen hergestellten Waren zu  verkaufen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen für morgen früh ein Taxi ordern.“   Emily nickte und machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Hoffentlich hatte sie Glück, in Chiapas einen lacandonischen Händler zu  treffen.