© 2015 Mystery Art, Nicole Zagar und Melanie Fenrich GbR
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Kapitel 4 Montag, 12.11.2012  Emily saß müde im Hörsaal der Universität. Augenringe lagen wie Schatten unter ihren Augen. Es fanden noch immer die  gleichen Diskussionen wie am Vortag statt, doch sie hatte wenig Lust, sich daran zu beteiligen. Ihre Schläfen pochten heftig. Die  Stunde hatte schon lange begonnen, und noch immer hatte sich kein Lehrer eingefunden. Als Dekan Franklin den Saal betrat,  brach das Stimmengewirr abrupt ab. Emily konnte bei vielen die Angst in den Augen sehen, dass der Dekan selbst die Vertretung  für Mr. Roberts übernehmen könnte.  Dekan Franklin begrüßte alle Anwesenden. Eigentlich wollte er über die jüngsten Ereignisse berichten, aber er musste  feststellen, dass alle Bescheid wussten. »Die Frage, die Sie neben Mr. Roberts’ Gesundheitszustand bestimmt am meisten interessiert, ist wahrscheinlich, wer die  Vertretung übernimmt.« Die Tür zum Hörsaal ging erneut auf. »Ach, da kommt er ja. Hier hat uns das Schicksal einen Trumpf in  die Hände gespielt. Wir haben vor kurzem eine Bewerbung von einem irischen Kollegen erhalten, der ein Jahr Auslandserfahrung  sammeln möchte. Darf ich Ihnen Mr. O’Leary vorstellen? Er kommt von der Universität in Dublin.«  Alle Augen richteten sich auf den Neuankömmling. Ein Raunen ging durch die Menge, als er mit stolzer Haltung zu Dekan  Franklin ging und sich neben ihn stellte. Emily betrachtete den neuen Lehrer. Irgendwie kam er ihr bekannt vor, aber sie konnte  ihn nicht einordnen.  Als bei ihr der Groschen fiel, hatte sie das Gefühl, jeder im Saal musste es gehört haben. Sie sah sich um, aber ihre  Kommilitonen starrten noch immer den neuen Lehrer an. Sie tat es ihnen gleich. Er war es tatsächlich.  Der Mann sah anders aus, vor allem sah er angezogen aus. Gehüllt in einen dunkelgrauen Anzug und ein blütenweißes Hemd  stand der Typ aus der Umkleidekabine neben Dekan Franklin. Der Macho entpuppte sich gerade als ihr neuer Lehrer. Emily  wurde in ihrem Stuhl immer kleiner. Die einzige Hoffnung, die sie hatte, war, dass er sich nicht mehr an sie erinnern konnte.  Dekan Franklin verabschiedete sich und überließ dem neuen Kollegen das Feld.  Mr. O’Leary setzte ein charmantes Lächeln auf und ließ seinen Blick über alle Studenten schweifen. Für den Bruchteil einer  Sekunde verharrten seine dunklen Augen auf Emily, und sie wich seinem Blick aus. Ob er sie wiedererkannt hatte, konnte sie  nicht sagen, da sein Blick bereits weitergezogen war, als sie wieder nach vorne sah.  »Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen.«  Das war sie, die Stimme. Tief, dunkel, und doch samtig und süß wie Honig. Brav erwiderte die Klasse die Begrüßung.  »Ich möchte mich kurz vorstellen: Mein Name ist Gabriel O’Leary, und ich habe bis vor einer Woche noch Geschichte in Dublin  unterrichtet. Während ich Mr. Roberts vertrete, werden Sie viel über Abstammungen und Urvölker erfahren. Wir werden die Frage  Wo kommen wir her? beantworten.«  Die ganze Klasse betrachtete den neuen Lehrer interessiert, aber Gabriel O’Leary ließ sich von den Blicken, die auf ihm ruhten,  nicht einschüchtern und sprach weiter. »Nehmen wir doch einmal Sie …« Damit richtete er sich an einen Jungen aus der zweiten  Reihe. »… wo kommen Sie her?«  Der Junge schien mit der Frage überfordert. »Von zu Hause.«  Die Antwort wurde mit einem Lachen seiner Kommilitonen quittiert, auch Gabriel O’Leary schmunzelte. »Eine gute Antwort.  Aber gehen wir doch ein bisschen weiter zurück, und damit meine ich nicht, wo Sie gestern waren. Kennen Sie Ihre Wurzeln?«  Damit war der Junge nun völlig überfordert.  »Okay, wir versuchen es anders. Nehmen wir zum Beispiel mich. Mein Name Gabriel stammt in erster Linie von meinen Eltern,  die mich so genannt haben. Aber interessant ist doch die Frage, wo er ursprünglich herkommt. Gabriel zum Beispiel kommt vom  hebräischen Wort geber, das bedeutet der starke Mann. Und die Endung el kommt von der Mächtige oder auch Gott  Emily verzog das Gesicht. Selbstbewusstsein schien kein Defizit ihres neuen Lehrers zu sein, aber bei den Frauen im Hörsaal  machte er damit großen Eindruck. Sie klebten geradezu an seinen Lippen und schienen ihn mit Blicken auszuziehen.  Das war bestimmt das erste Mal, dass sie ihren weiblichen Kommilitonen etwas voraus hatte. Dank der Eskapade in der  Umkleidekabine musste sie ihn sich nicht mehr nackt vorstellen. Sie hatte Einblick gehabt. »Wer möchte noch etwas von seiner Namensherkunft erfahren?« Sofort gingen einige Hände nach oben, und der neue Lehrer  wandte sich an Marie, eine gutaussehende Kommilitonin von Emily. »Und wie ist Ihr Name?«  Marie hauchte ihren Namen und versuchte, pure Sinnlichkeit in ihre Stimme zu legen. Emily verdrehte die Augen.  »So, Marie also.« Gabriel O’Leary dachte kurz nach. »Marie leitet sich von Mirjam ab, welches so viel bedeutet wie die  Ungezähmte oder auch, wie die Ägypter es deuteten, die Geliebte  Ein Gejohle ging durch die Reihen, und Marie setzte ein zufriedenes Lächeln auf. Emily war klar, dass ihre Kommilitonin sich  ihrer Namensherkunft sehr wohl bewusst gewesen war.  Aber Gabriel O’Leary war mit seiner Ausführung noch nicht fertig. Mit einem Lächeln sprach er weiter. »Na ja, die Hebräer  sahen das allerdings ein bisschen anders. Für sie stand der Name für Verbitterung. In kleineren Regionen war es ein Synonym  für wohlbeleibt  Das hatte gesessen. Maries Lächeln erstarb genauso wie ihre Selbstzufriedenheit, und Emily musste lachen. Leider kam es ihr  lauter als beabsichtigt über die Lippen, sodass alle Blicke sich zu ihr wandten.  Der Lehrer machte einen Schritt in ihre Richtung. »So, da haben wir also noch eine Freiwillige. Und wie ist Ihr Name?«  Sie versuchte, sich zusammenzureißen. »Emily, Emily Silver. Und was fällt Ihnen dazu ein?« Sie war auf das Schlimmste  gefasst. »Emily, meine Damen und Herren, kommt aus einer ganz anderen Richtung. Dieser Name stammt aus dem Lateinischen und  war ursprünglich ein römischer Familienname. Er leitet sich von aemulus ab und steht für nacheifern oder auch nachahmen. Das  wirkt im ersten Moment noch recht einfach und unspektakulär, aber das Interessante ist die Symbiose mit dem Nachnamen.  Silber ist die Farbe des sich ständig ändernden Mondes. Die Kombination aus Vor- und Nachname steht für das Streben nach  Änderung oder auch Wandlung …« Gabriel O’Leary sah ihr direkt in die Augen. »… aber das ist nur meine Interpretation.«  Es läutete zum Ende der Stunde. Eines musste man dem Mann lassen – noch nie war eine Stunde in diesem Fach so schnell  vergangen.  »Meine Herrschaften, ich möchte Ihnen noch eine Aufgabe mit auf den Weg geben. Fragen Sie sich einmal, woher Sie  kommen, und recherchieren Sie ein bisschen. Sprechen Sie mit Menschen aus Ihrer Familie, und erfahren Sie etwas über Ihre  Vorfahren. Rekonstruieren Sie Ihren Stammbaum. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.«  Mit diesen Worten war er verschwunden. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, ging eine neue Diskussion los,  allerdings war diesmal nicht Mr. Roberts das Thema. Neben einem Gabriel O’Leary erschien die Situation von Mr. Roberts  geradezu uninteressant, und Emily schnappte Wortfetzen wie heißer Typ und attraktiv auf. Auch Pesh war von dem neuen Lehrer  gefesselt. »Pesh, können wir los? Die nächste Stunde beginnt gleich, und ich möchte nicht zu spät kommen, nur weil hier gerade die  weiblichen Hormone durchdrehen.«  Ihre Freundin sah verständnislos auf. »Warum bist du denn so gereizt? Das Verhalten ist doch völlig normal, wenn so ein  Exemplar von einem Mann hier auftaucht.«  »So toll ist der auch nicht. Er ist eingebildet und arrogant.« Ihre Stimme klang einen Tick zu hoch, und Emily fand selbst, dass  sie unglaubwürdig klang. Sie konnte selbst nicht glauben, dass sie enttäuscht war, dass er sie nicht wiedererkannt hatte. »Also in  erster Linie ist er unser Lehrer. Außerdem ist er bestimmt Mitte dreißig, wenn nicht sogar älter. Und ich kann mir kaum vorstellen,  dass wir in seinem Unterricht mit guten Noten belohnt werden, nur weil wir seinen Körperbau loben.« Sie überlegte. Obwohl sie  sich das bei jemand, der seine Herkunft von starker Mann ableitete, sogar sehr gut vorstellen konnte.  Nun mischte sich ausgerechnet Marie in das Gespräch ein. »Ach Emily! Wie konnten sich deine Namensgeber nur so bei dir  irren. Streben nach Wandlung? Ich glaube, deine einzigen Gedanken beruhen darauf, wie du eine Zwei in eine Eins verwandeln  kannst. Sehen wir doch die Sache mal realistisch. Ich glaube nicht, dass du in der Liga von Gabriel spielst.«  Emily war sprachlos. Was bildete sich diese Möchtegernblondine eigentlich ein? Auch wenn Emily keinen Freund und noch nie  mit einem Mann geschlafen hatte, mangelte es nicht an Angeboten. Man musste schließlich nicht mit jedem ins Bett gehen. »Ach, denkst du das, Marie? Täusche dich mal besser nicht. Ich würde ja gerne darauf eingehen, aber ich muss leider weiter.«  Emily machte zwei Schritte Richtung Tür, blieb stehen und drehte sich noch einmal zu Marie um. »Ach und Marie, bei deinen  Giftspritzen würde ich auf der Suche nach deinen Wurzeln den Stammbaum durchgehen, ob darunter nicht ein paar Nattern  waren.« Damit war das Gespräch für sie beendet, und sie verließ den Hörsaal. Zu ihrer Erleichterung folgte ihr Pesh nach  draußen.  »Emily, was ist denn los? Meinst du nicht, dass du gerade ein bisschen überreagierst hast?« »Ich? Überreagiert? Was bildet sich diese Tussi eigentlich ein? Die ist doch nur neidisch.« Emily war stinkwütend.  »So aufgebracht habe ich dich noch nie gesehen. Du bist doch sonst die Ausgeglichenheit in Person.« Pesh zog eine  Augenbraue nach oben. »Wenn du mich fragst, macht sich dein Schlafmangel bemerkbar. Hier draußen im Licht siehst du noch  übler aus als im Hörsaal.«  »Vielen Dank.« Emily schnaubte durch die Nase.  »Emily, ich bitte dich. Was hat Marie denn schon gesagt? Dass du nicht in das Beuteschema unseres neuen Lehrers passt.  Aber seit wann interessiert dich denn so etwas?«  »Es interessiert mich überhaupt nicht.«  »Das klingt wirklich sehr überzeugend. Wenn ich dich nicht besser kennen würde, hätte ich den Eindruck, unser Mr. O’Leary  sagt dir sogar sehr zu.«  Was hieß denn: Wenn ich dich nicht besser kennen würde? Fiel ihre Freundin ihr jetzt auch noch in den Rücken? Auch wenn  Emily ihr Studium ernst nahm, war sie nicht frigide. Sie wusste, dass sie einen Ruf als Streberin hatte, und es hatte sie nie  gestört, aber genau jetzt störte es sie ziemlich. Vor allem, wenn es von Marie kam. Es war an der Zeit, das Thema zu wechseln.  »Pesh, wegen Nanas Geburtstag … die Buchhandlung und das Lernen laufen mir nicht davon, ich würde dich gerne begleiten.  Meinst du, das ist in Ordnung?«  Peshs Gesicht begann zu strahlen. »Natürlich ist es das. Mehr sogar, Nana wird sich freuen. Je mehr Leute kommen, desto  lustiger wird es. Und du weißt ja, wie diese Feiern sind. Erst werden wir extrem viel essen und trinken, dann wird Nana uralte  Geschichten ausgraben und zum Besten geben. Und wer weiß? Vielleicht kann ich nebenbei noch meine Wurzeln für Mr. O’Leary  finden.«  Schon wieder dieser Name. Emily hatte die Aufgabe schon wieder vergessen. Das bedeutete, dass sie ihre Eltern noch einmal  besuchen musste. Vielleicht hatten die ein paar interessante Familiengeschichten auf Lager.   * * * Trotz ihrer Lustlosigkeit hatte Emily sich dem Wetter entsprechend warme Sportkleidung und passende Schuhe angezogen. Sie  wollte ihren guten Vorsatz, eine Runde über den Campus zu joggen, in die Tat umsetzen. Ihre Sportkleidung entsprach zwar nicht  dem neuesten Schrei, aber Sportkleidung musste in erster Linie nur praktisch sein. Um diese abendliche Zeit war der Campus  sowieso leer, da viele fleißig über ihren Büchern hingen oder dem Partyleben nachgingen.   In Gedanken ging Emily ihre Route durch. Die Runde war ungefähr fünf Kilometer lang, das sollte für ihre derzeitige Kondition  die optimale Länge sein.  Mit langsamem Tempo fing sie an zu laufen und hatte nach einer kurzen Einlaufphase keine Mühe, das Tempo zu steigern. Ihre  Motivationslosigkeit schwand mit jedem Meter, regelrecht euphorisch steigerte sie immer mehr das Tempo. In der zunehmenden  Dämmerung nahm sie den Weg kaum noch wahr und übersah den Stein, der mitten auf dem Weg lag. Sie stieß mit ihrem linken  Fuß dagegen und kam ins Straucheln.  Beängstigend schnell kam der Boden auf sie zu, als wie aus dem Nichts zwei Arme erschienen und sie im letzten Moment  auffingen. »Hoppla«, hörte Emily eine tiefe männliche Stimme. Die zwei Arme hoben sie hoch und stellten sie auf ihre Füße, aber  hielten sie immer noch fest. In der Dunkelheit konnte sie nur Umrisse des Gesichts sehen, das zu der Stimme gehörte.  »Danke. Sie können loslassen, ich glaube, ich kann wieder stehen.«  »Schade.«  Die Stimme hörte sich recht jung an. Als Emily ihren linken Fuß belastete, geriet sie kurz ins Schwanken. Ein stechender Schmerz zog sich durch ihren Fuß.  Anscheinend war die Kollision mit dem Stein nicht ohne Folgen geblieben – hoffentlich hatte sie sich nicht den Zeh gebrochen.  »Alles in Ordnung?«, fragte die Stimme.  »Ich denke schon. So wie es aussieht, ist heute einfach nicht mein Tag. Vielleicht sollte ich mich einen Moment setzen.« Emily  sah sich um, aber in der näheren Umgebung gab es keine Sitzgelegenheit. Ehe sie sich versah, wurde sie von zwei starken  Armen hochgehoben.  »Nichts Leichteres, als einer holden Maid aus einer Notlage zu helfen.« Mit diesen Worten trug der Unbekannte sie zur  nächsten Bank, die ein paar Meter weiter unter einer Laterne stand.  Je näher sie der Bank kamen, desto mehr konnte Emily von ihrem Retter erkennen. Dunkles Haar fiel ihm in die Stirn. Seltsam  – einen kurzen Moment hatte sie erwartet, Gabriel O’Leary vor sich zu sehen, aber als sie direkt unter der Laterne standen, sah  sie in zwei tiefblaue Augen. Das offene, nette Lächeln, bei dem sich auf den Wangen Grübchen bildeten, hatte überhaupt keine  Ähnlichkeit mit der Arroganz, die von ihrem Lehrer ausging. Langsam wurde sie auf die Bank gesetzt.  »Besser so?« Sie musste sich zusammenreißen, den jungen Mann nicht anzustarren, als er sich wieder zur vollen Größe aufrichtete. Mit einer  Körpergröße von bestimmt einem Meter und fünfundachtzig Zentimetern war er nicht klein, und man konnte seine durchtrainierte  Figur durch die Kleidung erahnen. Mit der schwarzen Jacke und der schwarzen Jeans sah er verdammt gut aus, nur sein Alter  konnte Emily überhaupt nicht einschätzen. Er wirkte etwas älter und hatte ein attraktives, fast geheimnisvolles Gesicht. Fragend  sah der Unbekannte sie an.  Sie nickte schnell. »Ja, viel besser. Ich glaube, wir kennen uns gar nicht. Mein Name ist Emily, Emily Silver. Und wem habe ich  zu danken?«  »Nathan, aber meine Freunde nennen mich einfach nur Nat.«  Interessiert musterte Nat sie. Sie war normalerweise nicht auf den Mund gefallen, aber es kam selten vor, dass sie einem so  gutaussehenden jungen Mann direkt in die Arme lief. Sie spürte, wie sie unter seinem Blick errötete, und konnte nur hoffen, dass  ihr Gesicht trotz der Laterne ein wenig überschattet wurde. Sie hatte diesen Nat noch nie hier gesehen, denn sie war sich  ziemlich sicher, dass sie sich daran erinnern könnte. »Und was führt dich hierher, nur Nat?«  Er setzte sich neben sie und lachte. Es war ein schönes Lachen – Emily war hin und weg. »Ich würde gerne sagen, dass ich  hier auch Student bin, aber die Wahrheit ist, dass ich mir die Dreistigkeit erlaube, eure Bücherei auf dem Campus zu benutzen.  Eure ist wirklich gut, und deshalb komme ich von Zeit zu Zeit her, um mir einige alte Werke, die man nicht mehr im Handel  bekommt, auszuleihen.« Plötzlich hielt er inne. »Oh, tut mir leid. Ich langweile dich sicher, und dein Fuß muss schrecklich  wehtun.«  An ihren Fuß hatte Emily überhaupt nicht mehr gedacht, gebannt hing sie an Nats Lippen. Sie wollte nur seinen Worten weiter  lauschen, die einen fast melodischen Klang hatten. Jemand, der Bücher genauso liebte wie sie – anscheinend würde dieser Tag  doch noch angenehm ausklingen. »Oh nein, du langweilst mich nicht, und meinem Fuß geht es auch schon wieder besser.« Sie  bewegte die Zehen in ihrem Turnschuh und musste leider feststellen, dass der bloße Kontakt zwischen Zeh und Schuh ihr immer  noch Schmerzen bereitete. Allerdings wollte sie dieses angenehme Gespräch nicht aufgrund ihrer Wehwehchen zerstören. »Ich  kann dir nur zustimmen, unsere Bibliothek ist wirklich sehr gut sortiert. Meine Freundin macht sich immer über mich lustig, weil  ich mich dort so gerne aufhalte.«  Plötzlich schweifte Nats Blick an ihr vorbei. Irgendetwas schien seine Aufmerksamkeit erregt zu haben. Sie sah ebenfalls in die  Richtung, konnte aber in der Dunkelheit nichts Außergewöhnliches erkennen. »Entschuldige Emily, ich muss weiter.« Enttäuschung machte sich in ihr breit. Hatte sie etwas Falsches gesagt? So schnell hatte sie noch keinen Mann verjagt.  Nat blickte ihr direkt in die Augen. »Es hat mich wirklich gefreut, dich kennenzulernen. Vielleicht können wir mal gemeinsam die  alten Schmöker durchstöbern?«  Hatte er sie gerade um ein Date gebeten? Ehe sie antworten konnte, war er aufgestanden und in der Dunkelheit  verschwunden. Emily sah ihm verblüfft hinterher. Siedend heiß fiel ihr ein, dass sie ihn nicht einmal nach seinem Nachnamen  gefragt hatte. Das hatte sie ja fabelhaft hinbekommen.  Ein Geräusch riss Emily aus ihren Gedanken und ließ sie zusammenzucken. Als sie den Kopf drehte, sah sie eine Gestalt auf  sich zukommen. »Ms. Silver, ist es nicht ein bisschen spät, um hier alleine zu sitzen?« Sie erkannte die Stimme sofort. In Gabriel O’Learys Worten schwang ein ironischer Unterton mit, und sie wusste nicht, was sie  antworten sollte. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob er überhaupt eine Antwort erwartete.  Ihr neuer Lehrer baute sich direkt vor ihr auf. Durch ihre sitzende Position kam sie sich unterlegen vor, aber selbst wenn sie  aufgestanden wäre, hätte er sie um fast einen Kopf überragt. Also blieb sie sitzen und sah hoch in sein fragendes Gesicht. Er  erwartete tatsächlich eine Antwort.  »Entschuldigen Sie, Mr. O’Leary. Ich hatte keine Ahnung, dass man sich seit neuestem nach Einbruch der Dunkelheit nicht  mehr draußen aufhalten darf.«  »Sie wissen ja – wenn es dunkel wird, kommt der Schwarze Mann  Emily lief es eiskalt den Rücken hinunter. Fand er das etwa witzig, oder wollte er ihr sogar Angst einjagen? Eisern fochten sie  mit ihren Augen einen stillschweigenden Kampf aus, den er gewann, als sie nach unten blickte.  »Ich würde sagen, Sie gehen besser wieder zurück.«  Sie hatte es noch nie leiden können, wenn man ihr Vorschriften, getarnt als gut gemeinte Ratschläge, machte. Trotzig erhob sie  das Kinn. »Ich wusste nicht, dass ich um Erlaubnis fragen muss, wenn ich mich auf dem Gelände aufhalte, aber natürlich werde  ich dies zukünftig beachten. Und vielen Dank für die Fürsorge.«  Sonderlich erwachsen kam sie sich nicht gerade vor, aber sie wollte sich auch nicht wie ein kleines Kind aufs Zimmer schicken  lassen. Sie stand von der Bank auf und sah ihrem Lehrer direkt in die Augen. »Gute Nacht.« Hoch erhobenen Hauptes humpelte  sie davon. 
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