© 2015 Mystery Art, Nicole Zagar und Melanie Fenrich GbR
Leseprobe
Kapitel 1 »Em! Emily, hörst du mich?« Wie durch Nebel drang die Stimme zu ihr, aber Emily wollte nicht antworten, genauso wenig wie sie etwas hören wollte. Warum  schwieg die Stimme nicht einfach?  »Ms. Silver, langweile ich Sie etwa?«  Die Stimme hatte sich geändert, das verhieß nichts Gutes. Langsam öffnete Emily die Augen. Ein Paar stahlblaue Augen  fixierten sie gnadenlos aus einem Meter Entfernung. Emily überlegte, ob sie ihre nicht einfach wieder schließen sollte, aber sie  bezweifelte, dass sich ihr Gegenüber davon abwimmeln ließ. Die Hoffnung auf ein schwarzes Loch, das sich auftat und sie  verschluckte, erstarb leider schnell. Schade. Es wäre so einfach, aber doch effektiv gewesen. Ihr blieb nichts anderes übrig, als die  Augen geöffnet zu halten und sich mit der Realität abzufinden.  Sie befand sich auf ihrem Platz im Hörsaal der Kennedy University, einer kleinen privaten Universität in Columbus, und war  anscheinend gleich zu Beginn der Vorlesung eingeschlafen. Ein kurzer Blick auf ihre Kommilitonen verriet, dass es nicht  unbemerkt geblieben war. Jeder starrte sie an.  »Ms. Silver, wollen Sie meine Frage nicht beantworten?«  Welche Frage meinte er? Ob er sie langweilte? Natürlich tat er das. Amerikanische Kulturgeschichte war mit Abstand das  langweiligste Fach ihres Studiums, aber diese Antwort konnte sie ihrem Lehrer kaum geben. »Doch. Doch, natürlich möchte ich  antworten. Ich versuche gerade, meine Gedanken in Worte zu fassen.«  Mr. Roberts, ihr Lehrer, verzog die Lippen zu einem Lächeln. »Ich bin mir sicher, Sie versuchen das. Wenn Sie Erfolg haben,  können Sie uns alle daran teilhaben lassen.«  Nur ein schwarzes Loch.  Wie durch ein Wunder läutete es, und der Unterricht war zu Ende. Jemand hatte tatsächlich Erbarmen mit ihr gehabt.  »So, meine Damen und Herren, das war es für heute. Ich möchte Sie bitten, noch einmal Kapitel fünf durchzulesen und mir in  einem zweiseitigen Bericht Ihre Meinung dazu mitzuteilen. Ach, und Ms. Silver …«  Verflucht, doch kein Erbarmen.  »Es würde mich außerordentlich freuen, wenn Sie Ihre Schlafgewohnheiten außerhalb meines Unterrichts vollziehen würden.«  Ohne ein weiteres Wort drehte sich Mr. Roberts um und ging aus dem Hörsaal.  »Oh Em, das tut mir leid. Ich wollte dich noch warnen …« Pesh, ihre langjährige Freundin, sah sie mit ihren braunen Augen  mitfühlend an.  »Oh Kleine, es war doch nicht deine Schuld.«  Dass Emily ihre Freundin Kleine nannte, war seit langer Zeit ein Jux zwischen ihnen, da Pesh sie mit ihren ein Meter und achtzig  um fast zwanzig Zentimeter überragte. Emily hatte das Gefühl, Pesh hörte nicht auf zu wachsen. Sie bewunderte ihre Freundin  dafür, dass diese gern ihre hochgewachsene Gestalt betonte, indem sie zusätzlich hohe Absätze trug, während Emily selbst  dankbar war, durch ihre kleine und zierliche Gestalt immer ein bisschen in der Menge unterzugehen. Nicht auffallen, das war die  Devise. Deswegen war ihr die ungeteilte Aufmerksamkeit, die man ihr in den letzten Minuten geschenkt hatte, äußerst peinlich. Sie  stand von ihrem Platz auf. Mit ihrem Rucksack in der linken und ihrer Freundin an der rechten Hand verließ sie den Hörsaal.  »Emily, ist auch tatsächlich alles in Ordnung? Erst kannst du vor lauter Müdigkeit nicht die Augen offen halten, und dann zerrst  du mich in einem Tempo durch die Universität, als gäbe es bei Benetton Ausverkauf. Ich mache mir ernsthaft Sorgen. Steckt  vielleicht ein Typ dahinter? Sag schon! Kenne ich ihn?«  Emily musste schmunzeln. Ein Mann – Pesh hatte zu viel Fantasie. Nicht, dass es ihr an Angeboten mangelte, aber sie hatte  den Entschluss gefasst, zuerst ein gutes Studium hinzulegen. Danach hatte sie immer noch Zeit, Mr. Right zu finden. Ganz anders  als Pesh, die das Leben als große Party ansah und, wenn nötig, jeden Tag einen Grund zum Feiern fand.  »Nein, Pesh, es hat nichts mit einem Mann zu tun. Ich möchte nur hier raus. Ich bin heute Nacht wieder aufgewacht und konnte  wie immer nicht mehr einschlafen. Ich fühle mich wie gerädert.«  »Schon wieder? Kannst du dich wenigstens heute an deinen Traum erinnern?«  Emily zuckte mit den Schultern. »Leider nein.« Wie die Nächte zuvor hatte sie nicht den kleinsten Hauch einer Erinnerung an  einen Traum, aber sie wusste, dass sie etwas geträumt haben musste. Wenn sie nachts hochschreckte, verspürte sie ein  unruhiges Gefühl, wie man es nur nach einem Albtraum kannte.  Pesh sah sie mitfühlend an. »Emily, das erzählst du mir jetzt schon seit Tagen. Weißt du, was du brauchst? Wir lassen die letzte Stunde sausen und machen stattdessen einen ausgedehnten Einkaufsbummel.«  Emily überlegte. Warum eigentlich nicht? Es konnte bestimmt nicht schaden, etwas anderes als den Hörsaal, die Bibliothek oder  ihre eigenen vier Wände zu sehen. »Pesh, das ist eine super Idee.«  Als es zur nächsten Stunde läutete und alle Studenten sich eilig zu ihrer nächsten Vorlesung begaben, rannten die zwei  Freundinnen auf den Parkplatz der Privatschule. Sie stiegen in Emilys Mini und fuhren schnell Richtung Innenstadt davon.  Da die meisten Leute sich um diese Zeit bei der Arbeit befanden, erreichten die beiden bereits nach wenigen Minuten ihr Ziel. Ein  freier Parkplatz direkt am Eingang der Mall war gleich gefunden. Als Emily das große Kaufhaus betrat, fühlte sie sich so  unbeschwert wie lange nicht mehr.  »Also Emily, wo sollen wir anfangen?«  Emily überlegte kurz. »Ich würde gern in die neue Buchhandlung gehen.«  »Buchhandlung? Das ist doch nicht dein Ernst. Wir wollten Spaß haben und keinen bedruckten Zellstoff ansehen. Nein! Wir  fangen bei den Boutiquen an und arbeiten uns zu den Schuhläden durch.«  Emily musste lachen. Dagegen wäre die letzte Stunde, die sie hatten ausfallen lassen, die reinste Erholung gewesen, aber sie  gab sich geschlagen. Die Buchhandlung konnte warten. Widerspruchslos ließ sie sich von ihrer Freundin in die nächste Boutique  ziehen. »Wow. Die haben ja heiße Teile hier.« Während Emily noch dabei war, sich einen Überblick zu verschaffen, hatte Pesh schon den Arm voller Kleider. Ihre Freundin  streckte ihr ein Kleid entgegen. »Emily, sieh dir dieses Kleid an. Es passt perfekt zu deinen Augen.« So sehr sich Emily auch bemühte, sie konnte keine Gemeinsamkeit zwischen dem Kleid und ihren Augen erkennen. Während  die Farbe des Kleides die eines funkelnden Smaragdes hatte, glich die ihrer Augen eher einem Waldtümpel.  »Dieses Kleid musst du einfach anprobieren.«  »Pesh, ich glaube nicht, dass mir dieses Kleid steht.« »Nein, keine Widerrede! Überzeug dich selbst und probiere es an! Danken kannst du mir später.«  Emily wurde von ihrer Freundin in die einzig freie Umkleidekabine geschoben. Da die Kabinen sehr klein waren, war es  unmöglich, sich zu zweit in eine zu quetschen. Emily sah Pesh resigniert an. »Okay, ich probiere es an, aber ich werde nicht aus  der Kabine herauskommen.«  »Mach dich doch nicht verrückt. Ich nehme die Kabine neben dir, sobald sie frei ist. Wenn du das Kleid an hast, schlüpfst du  einfach zu mir rüber. Es wird dich schon keiner sehen, und die Paparazzi werden dir auch nicht auflauern.«  Emily streckte ihrer Freundin die Zunge heraus, zog den Vorhang zu und begutachtete das Kleid. »Perfekt zu meinen Augen?  Ich werde aussehen wie ein Laubfrosch in einer zu kleinen Ausgehuniform.«  »Das habe ich gehört.«  Emily konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie schlüpfte aus ihrer bequemen Kleidung, die aus Jeans, Wollpullover und  Turnschuhen bestand, und ließ vorsichtig das grüne Kleid über ihren Kopf gleiten.  Das Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper und endete ein ganzes Stück über ihren Knien. Ihre kleinen,  festen Brüste zeichneten sich gut erkennbar unter dem Stoff ab, der sich unglaublich leicht anfühlte. Emily blickte in den Spiegel,  der in der Kabine angebracht war. Mit der rechten Hand strich sie sich eine Strähne ihres schulterlangen, hellblonden Haares aus  der Stirn. Ihre Augen kamen durch das Grün des Kleides tatsächlich viel besser zur Geltung, wenn sie auch sehr groß in dem  schmalen, blassen Gesicht wirkten. Durch den Vorhangspalt sah sie auf den Gang. Niemand war zu sehen. »Alles klar, Pesh. Ich habe es an und komme rüber.  Dann kannst du dir ein eigenes Bild machen.« Schnell schlüpfte sie in die Kabine nebenan. »Und was meinst du? Gehst du in  diesem heißen Outfit mit mir weg?«  »Und wo wollen wir zwei hingehen?«  Erschrocken starrte Emily den Mann an, der sich in der Kabine befand. Seine Augen waren so dunkel, dass man sich in ihnen  verlieren konnte, und versprühten einen Hauch von Arroganz.  »Was machen Sie in dieser Kabine? Sie sind nicht Pesh.« Sie begann zu stocken. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, und ihr Herz  schlug ihr bis zum Hals. In der Kabine war es viel zu eng. Wenn sie nur einen Schritt rückwärts machte, stünde sie wieder auf dem  Gang vor den Umkleidekabinen, doch ihre Füße bewegten sich keinen Millimeter.  »Was ich hier mache? Nun, genau genommen befinden Sie sich in meiner Umkleidekabine.«  Emily fiel der Akzent auf, der zwar schwach, aber trotzdem deutlich zu erkennen war. Ihr Blick wanderte zu den Lippen des  Unbekannten, die sich zu einem spöttischen Lächeln verzogen hatten. Durch den dunklen Drei-Tage-Bart wirkte es noch  verwegener.  »Und was haben Sie jetzt vor? Wollen Sie mich weiter anstarren oder mir beim Anziehen helfen?«  Sie bemerkte erst jetzt, dass der Mann oberkörperfrei vor ihr stand. Seine Haut, die teilweise durch dunkles Brusthaar bedeckt  wurde, schimmerte in einem goldenen Braunton, und sein durchtrainierter Körper nahm den Raum komplett für sich ein. Sie traute  sich nicht, weiter nach unten zu blicken. Eine gefährliche Anziehungskraft, die einem Spiel mit dem Feuer glich, ging von dem Unbekannten aus. Nichts an ihm wirkte wie  der nette Kerl von nebenan. Er verkörperte vielmehr die Art von Mann, vor der man sich in acht nehmen musste und die einen  nachts in den Träumen heimsuchte. Emily erkannte ein gefährliches Glitzern in den Augen des Mannes. Ihr Mund wurde trocken.  »Ich, ich … es tut mir leid. War wohl die falsche Kabine … wie gesagt, entschuldigen Sie … es handelt sich um eine  Verwechslung.«  »Tja, schade.« Der Unbekannte lächelte sie immer noch an und begutachtete sie von oben bis unten. »Und ja, das Kleid ist  heiß.« Sie verspürte ein leichtes Kribbeln auf der Haut, aber seine Worte ließen sie endlich aus ihrer Starre erwachen. Gefolgt von dem  Lachen des Unbekannten stürzte sie in ihre Umkleidekabine.   Ein Blick in den Spiegel zeigte, dass ihre Wangen rot angelaufen waren. Am liebsten hätte sie die Kabine nie wieder verlassen,  aber sie konnte schlecht ihr restliches Dasein hier fristen. Schnell zog sie ihre eigenen Kleider an und verließ fluchtartig die  Kabine. Das grüne Kleid ließ sie zurück. Sollte es kaufen wer wollte, sie wollte es bestimmt nicht. Ein kurzer Seitenblick auf die Umkleidekabine nebenan zeigte, dass auch diese sich geleert hatte. Ein Moment des Bedauerns  überkam Emily, und im Stillen tadelte sie sich selbst. Was war denn mit ihr los? Mit etwas Glück konnte sie die Boutique verlassen  und diese peinliche Szene für immer aus ihrem Gedächtnis verbannen. Sie steuerte direkt auf den Ausgang zu und hatte diesen  fast erreicht, als sie hinter sich Peshs Stimme hörte. »Emily, warte doch!« Ihre Freundin hatte sie schnell eingeholt. »Wo willst du denn hin?«  »Wo bist du gewesen?«, fuhr Emily ihre Freundin aufgebracht an.  Pesh zuckte mit den Schultern und sah sie verständnislos an. »Ich verstehe die Frage nicht. Ich war in der Kabine gegenüber,  diese wurde als erste frei.«  »Ich mag ja manchmal schwer von Begriff sein, aber die Kabine nebenan ist direkt daneben. Nicht zwei oder drei weiter. Auch  nicht gegenüber. Deswegen nennt man es nebenan  »Emily, beruhige dich erst einmal. Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hat, in welcher Kabine ich war.  Und wie ich sehe, hast du nicht vor, das grüne Kleid zu kaufen. Ich scheine nichts verpasst zu haben. Wo ist das Problem?«  Emily überlegte kurz, beschloss jedoch, das Thema auf sich beruhen zu lassen. »Nein, Pesh, du hast nichts verpasst. Das Kleid  war nicht das Richtige für mich. Lass uns einfach weitergehen, vielleicht finden wir im nächsten Laden etwas Passendes.«  »Das hört sich schon eher nach meiner Freundin an. Ich möchte nur noch diese Sachen bezahlen.«  Erst jetzt bemerkte Emily, dass Pesh immer noch den Arm voller Kleider hatte. »Willst du die etwa alle nehmen?« »Natürlich. Vielleicht sollten wir auch noch nach einem weiteren Kleiderschrank für mich suchen.« Lachend ging Pesh zur Kasse  und bezahlte, dann verließen sie die Boutique.  Nach ein paar Schritten kamen die beiden Freundinnen an einem kleinen unscheinbaren Geschäft vorbei. Die Auslage im  Schaufenster zeigte eine bunte Mischung aus Amuletten, Kristallen und Kerzen. Mystery Art – Das Unergründliche stand in  geschnörkelten schwarzen Lettern über der Eingangstür.  Emily verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, aber als Tochter eines Naturwissenschaftlers war ihr Skepsis gegenüber  dem Übersinnlichen geradezu in die Wiege gelegt worden. Ein Blick zu Pesh genügte allerdings, um zu sehen, dass ihre Freundin  bereits Feuer und Flamme war. Aufgrund ihrer indianischen Wurzeln war Pesh sehr naturverbunden und offen für alle Mythen,  Legenden und Traditionen.  »Das ist perfekt. Ich brauche noch ein Geschenk für Nanas Geburtstag.«  Bei Nana handelte es sich um Peshs Großmutter, welche von allen nur liebevoll Nana gerufen wurde. Als Peshs Eltern vor  fünfzehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte sie Pesh zu sich genommen.  »Komm, lass uns hineingehen. Hier werde ich das passende Geschenk für sie finden.«  Ehe Emily antworten konnte, hatte Pesh bereits die Türklinke in der Hand und drückte die Tür nach innen auf. Ein kleines  Glöckchen verkündete ihren Besuch. Emily nahm den Geruch von Räucherstäbchen wahr, welcher den spirituellen Eindruck des  Geschäftes anscheinend unterstreichen sollte.  Im Inneren des Geschäfts spiegelte sich ein ähnliches Bild wie im Schaufenster wider. Überall standen mit dunkelblauem Samt  bezogene Ablagen, Regale und Vitrinen mit verschiedenen Utensilien. Manche Gegenstände konnte Emily einem bestimmten  Zweck zuordnen, bei anderen hatte sie nicht die leiseste Ahnung, wozu diese dienten.  Hinter der Ladentheke stand eine Frau mittleren Alters, deren Kleider mehr als bunte Gewänder zu bezeichnen waren und deren  Gesicht durch zu viel Schminke verdeckt wurde. Lange Ohrringe mit bunten Glassteinen baumelten von ihren Ohren herab. Auf  eine theatralische Weise wirkte sie sehr interessant. »Kann ich euch vielleicht helfen?«  Die Frau lächelte den beiden aufmunternd zu. Emily wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber die Stimme der Frau klang sehr  beruhigend und melodisch. Vielleicht war es auch der betörende Duft der Räucherstäbchen, der sie langsam einlullte.  Als Pesh mit einem kurzen »vielen Dank, ich möchte mich nur umsehen« abwinkte, wandte sich die Verkäuferin Emily zu. »Und  du? Bist du auf der Suche nach etwas Bestimmtem?«  Emily konnte sich nicht vorstellen, hier etwas für sich zu finden, wollte jedoch nicht unhöflich sein. Sie lächelte die Verkäuferin  an. »Nein. Ich suche nichts.« »Wenn ihr Hilfe benötigt, meldet euch einfach. Mein Name ist Katrina.« Mit einem Lächeln verschwand die Verkäuferin durch  einen Vorhang, welcher hinter der Kasse angebracht war.  »Meinst du, sie beobachtet uns jetzt durch eine Glaskugel? Oder sie fliegt eine Runde mit ihrem Besen herum?«  Pesh sah Emily tadelnd an. »Mach dich darüber nicht lustig, lass uns lieber ein bisschen herumstöbern. Hast du diese tollen  Kristalle gesehen? Ich könnte Nana einen von denen schenken. Oder was hältst du von diesen hölzernen Gefäßen? Was man  darin wohl aufbewahrt? Oh Em, sieh mal. Wäre das nichts für dich?« Pesh deutete auf einen Ständer, an dem verschiedene  Gegenstände hingen. Emily sah erst den Ständer, dann Pesh verständnislos an.  »Das sind Traumfänger. Diese sind dazu da, böse Träume abzuwehren, sodass du wieder in Ruhe schlafen kannst. Wenn du  dann doch noch einmal bei Mr. Roberts einschläfst, liegt es einfach nur an seinem Unterricht.«  Traumfänger? Emily überlegte und versuchte, den naturwissenschaftlichen Aspekt dabei außer Acht zu lassen. Warum eigentlich  nicht? Es war einen Versuch wert. Sie suchte sich ein hübsches Exemplar aus, das mit Federn und bunten Holzkugeln  geschmückt war. Und wenn der Traumfänger ihr bei ihrem Schlafproblem nicht helfen konnte, machte er sich wenigstens sehr  dekorativ in ihrer Wohnung, falls man die zwei Zimmer im Studentenwohnheim so nennen konnte.  »Ich werde Nana diese Kiste schenken. Wie findest du sie?«  Emily warf einen Blick auf die mit mystischen Zeichen verzierte Holzkiste in Peshs Händen. »Perfekt. Jetzt benötigen wir nur  noch einen Zauberspruch, der Katrina heraufbeschwört, damit wir zahlen können.« Doch als sie zur Kasse blickte, sah sie, dass  ein Spruch nicht mehr nötig war. Katrina hatte bereits ihren Platz hinter der Kasse eingenommen. Emily hatte sie gar nicht wieder  hereinkommen hören, aber das gehörte bestimmt zur Verkaufsstrategie. Katrina musste sie die ganze Zeit beobachtet haben, um  im richtigen Moment lächelnd an ihrem Platz zu erscheinen.  »Ihr habt euch also entschieden.«  Die Freundinnen nickten und gingen zur Kasse. Emily wartete, bis Pesh die Schatulle bezahlt hatte, dann legte sie ihren  Traumfänger auf die Ladentheke.  »Böse Träume, wie? Aber wenn du auf der Suche nach etwas wirklich Hilfreichem bist, kann ich dir andere Sachen anbieten.«  Da Emily nicht vorhatte, mit einer wildfremden Frau über ihre Schlafprobleme zu sprechen, schüttelte sie den Kopf. »Nein. Es  dient mehr zur Dekoration.« Da sie allerdings eine schlechte Lügnerin war, hielt sie ihren Blick gesenkt.  »Nichts ist, wie es zu sein scheint.« Verwirrt blickte Emily auf. »Entschuldigung? Was haben Sie gesagt?« »Ich habe lediglich gefragt, ob du bar oder mit Karte zahlen möchtest.« Katrina setzte wieder ihr strahlendes Lächeln auf.  Zwischen den blutroten Lippen zeigte sich eine Reihe perlweißer Zähne.  Emily war sich sicher, dass Katrina etwas anderes gesagt hatte, aber vielleicht machte sich ihr Schlafdefizit langsam bemerkbar  und sie hatte Halluzinationen. Mit etwas Glück half der Traumfänger. Von daher sagte sie schlicht »bar« und legte einen Zehn-  Dollar-Schein auf die Ladentheke. »Stimmt so.«  Gemeinsam mit Pesh verließ sie Mystery Art. 
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