© 2015 Mystery Art, Nicole Zagar und Melanie Fenrich GbR
Leseprobe
Kapitel 1 Montag, 24.12.2012  „Miss Silver, ich danke Ihnen, dass Sie so kurzfristig die Zeit gefunden haben, auf das Polizeirevier zu kommen.“  Emily sah Officer Sparkles erstaunt an. Er dankte ihr? Seit der Nacht des Einundzwanzigsten hatte sie jede Minute mit Bangen  darauf gewartet, dass die Polizei auftauchte und sie festnahm. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Leiche des Chiefs bei der  Ausgrabungsstätte entdeckt wurde. Wenn die Polizei den toten Polizisten fand, gab es einen weiteren Mordfall, der mit ihr in  Verbindung gebracht werden konnte. Doch Emily fühlte nicht die Furcht, die sie angesichts dessen verspüren sollte. Sie fühlte …  Sie fühlte rein gar nichts. Seit der Nacht des Einundzwanzigsten war sie jedes Gefühls beraubt worden.   Unentwegt musste sie an das kleine Mädchen im Brunnen denken. Emilia Sinclair. Jede Kleinigkeit dieses zierlichen Wesens  hatte sich für immer in ihre Seele gebrannt. Die schwarzen Locken, die sich feucht um das kleine Gesicht kringelten … die Lippen  blau vor Kälte … die stillen Tränen … Emily hatte die Angst und die Verzweiflung des Kindes gespürt. Aber es waren nicht nur die  Gefühle dieses Mädchens gewesen, sondern auch ihre eigenen. In einem früheren Leben war sie selbst dieses Mädchen gewesen.  Und nun wusste sie, wer ihr dieses Leid zugefügt hatte … Emilys Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.   Seit der Nacht des Einundzwanzigsten hatte sie Gabriel nicht mehr gesehen. Er war alles für sie gewesen. Doch in dieser Nacht  war ihre heile Welt zusammengebrochen – in einer Art und Weise, die sie niemals für möglich gehalten hätte.   Nichts und niemand hatte sie auf die Schatten der Vergangenheit vorbereitet. Das Wissen um Emilias Schicksal hatte ihre Liebe  vernichtet und gegen ein anderes Gefühl ausgetauscht. Eines, das mindestens genauso stark war. Als hätte man ihr das Herz aus  dem Leib gerissen. Liebe und Hass lagen so dicht beieinander, wahrscheinlich konnte das eine ohne das andere Gefühl nicht  existieren. Tief in ihrem Inneren konnte sie den flammenden Hass spüren. In jede Zelle ihres Körpers hatte er sich eingenistet. Wie  ein lauerndes Tier, das in der Dunkelheit wartete – jederzeit bereit anzugreifen.   Wenn sie eines in den letzten Wochen gelernt hatte, war es das, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen musste, um  sein Schicksal und die Zukunft zu verändern. Emilia hatte das nicht geschafft, aber sie würde es schaffen – sie musste es schaffen,  um das Unrecht der Vergangenheit zu vergelten. Das war sie Emilia schuldig – das war sie sich selbst schuldig. Sie wusste, dass  sie sich früher oder später der Konfrontation mit Gabriel stellen musste.  Doch im Moment war sie weder körperlich noch seelisch dazu in der Lage. Trotz der hohen Dosis an Medikamenten, die ihr der  Arzt verordnet hatte, schmerzten ihre Prellungen und ihr geschienter Arm bei jeder Bewegung. Ins Polizeipräsidium war sie von  ihrem Vater gebracht worden, da sie nicht einmal in der Lage war, ein Fahrzeug zu führen. Gerührt dachte sie an die Anteilnahme  ihrer Eltern, als diese von ihrem Autounfall erfahren hatten. Wie Glucken waren sie um sie herumgelaufen und hatten ihr jeden noch  so kleinen Wunsch von den Augen abgelesen. Emily liebte ihre Eltern, aber was sie im Moment brauchte, war Zeit für sich – Zeit, in  der sie sich Gedanken machen konnte. Noch nicht einmal das anstehende Weihnachtsfest und das unerwartete Glück, daran  teilnehmen zu können, konnten sie aus ihrem Tief holen.   Emily schüttelte die zermürbenden Gedanken ab. Sie musste sich ins Gedächtnis rufen, dass sie sich immer noch im  Polizeipräsidium befand. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah sie Officer Sparkles an. Das letzte Mal, als sie diesen Mann  getroffen hatte, hatte er sie vom Flughafen abgeführt und ihr ihre Rechte verlesen. Sie räusperte sich. „Warum haben Sie mich ins  Polizeipräsidium bestellt?“   „Ich wollte mich im Namen der Polizei von Columbus bei Ihnen entschuldigen.“  Emily schnappte überrascht nach Luft. Er wollte sich entschuldigen? Der Polizist schien sich nicht sonderlich wohl in seiner Haut  zu fühlen und begegnete unsicher ihrem Blick.   „Nun ja, wie soll ich sagen. Es hat sich um einen Irrtum gehandelt, als wir Sie wegen Mordverdachts an Rebecca Matthews  festgenommen haben.“  „Einen Irrtum?“ Sie blickte dem Polizisten, der auf der anderen Seite des Schreibtisches saß, tief in die Augen.  „Vielleicht ist Irrtum, in Anbetracht dessen, dass alle Indizien gegen Sie sprachen, das falsche Wort. Der richtige Täter jedoch  konnte jetzt einwandfrei ermittelt werden, und somit wurden sämtliche Anklagepunkte gegen Sie fallen gelassen.“  „Was heißt, der richtige Täter konnte ermittelt werden? Wen meinen Sie? Gabriel?“  Schnell schüttelte Officer Sparkles den Kopf. „Nein. Selbstverständlich wurde die Anklage gegen Mr. O’Leary ebenfalls fallen  gelassen. Der Täter ist ein alter Bekannter von uns, der bereits des Öfteren in Untersuchungshaft saß. Leider konnten wir ihm seine  Taten bisher nie nachweisen.“  „Officer, ich verstehe nicht.“   „Er kam zu uns und hat den Mord an Rebecca Matthews gestanden.“  „Gestanden?“  „Ja. Er hat die Tat bis ins kleinste Detail geschildert. Seine Angaben stimmen mit dem von uns rekonstruierten Tathergang  überein.“   Sprachlos schüttelte Emily den Kopf. „Miss Silver, ich dachte, Sie würden sich über diese Neuigkeit freuen.“  „Ja, nein.“ Nervös fuhr sie sich durch die Haare. „Ich bin nur ein wenig überrumpelt. Aber Sie können doch nicht einfach davon  ausgehen, dass dieser Mann die Wahrheit sagt.“  „Miss Silver, dieser Mann hat nicht nur den Mord an Rebecca Matthews gestanden, sondern auch den an Chief Warren.“  „Chief Warren?“  „Ja. Er galt seit Samstag als vermisst. Der Täter brachte uns heute Morgen zu der Leiche, nachdem er den Mord an ihm  gestanden hatte.“  Emily wusste nicht, was sie zu dieser Enthüllung sagen sollte. Warum ging jemand auf eine Polizeistation und gestand gleich zwei  Morde, die er nicht begangen hatte? Sie hatte schon von solchen Verrückten gehört, die sich mit fremden Federn schmückten, aber  Mord war kein Kavaliersdelikt. Und woher wusste dieser sogenannte Täter von Chief Warrens Tod, geschweige denn, wo er dessen  Leiche finden würde?   Nur drei Personen kannten diese Details – Gabriel, Nat und sie selbst. Sie selbst hatte diese Informationen niemandem gegeben.  Und Nat … Das letzte Mal, als sie Nathan gesehen hatte, war er von den Fluten des Licking River in den Tod gerissen worden.  Blieb nur noch Gabriel übrig. Damit hatte sie auch ihre Antwort, warum sich jemand freiwillig eines Mordes bekannte, den er nicht  begangen hatte. Gabriels Fähigkeit, Menschen geistig zu beeinflussen, war ihr durchaus bekannt. Die Tragweite solcher Übergriffe  auf den Geist hatte sie am eigenen Leib erfahren. Wie konnte man nur so manipulativ sein? Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter.  „Miss Silver?“   Emily schüttelte ihre Gedanken ab und sah Officer Sparkles an.   Der Polizist erhob sich aus seinem Stuhl. „Wir bedauern die Unannehmlichkeiten, die wir Ihnen bereitet haben.“  Unannehmlichkeiten? Alles in ihr schrie auf, dass sie einen dieser Morde begangen hatte. Was war sie für ein Mensch, wenn sie  zuließ, dass jemand anderer an ihrer Stelle bestraft wurde? Aber die Alternative war, den Mord an Bec zuzugeben und selbst ins  Gefängnis zu wandern. „Kann ich dann gehen?“ Nach einem Nicken des Polizisten stand sie auf und verließ den Raum.  Sie hatte kaum das Büro verlassen, stand schon ihr Vater mit besorgter Miene neben ihr. „Was wollte die Polizei?“  „Officer Sparkles sagte, dass sämtliche Anschuldigungen gegen mich fallen gelassen wurden.“  Freudestrahlend nahm ihr Vater sie in die Arme. „Das ist ja wunderbar. Warum so plötzlich?“  „Er meinte, sie hätten den wahren Täter geschnappt, und der Polizei täte dieses Missverständnis sehr leid.“  „Leid?“ Die Miene ihres Vaters verhärtete sich bei diesem Wort. „Es tut ihnen leid? Die Polizei von Columbus wird noch die  Bedeutung dieses Wortes kennenlernen. Das ist ja nicht zu fassen!“  „Dad, bitte …“  „Nein, das ist unverzeihlich. Wenn ich jemanden anremple, weil ich ihn nicht gesehen habe, dann tut es mir leid. Aber das …“  „Dad! Es ist wirklich okay.“ „Einfach so?“  Emily zog ihren Vater am Arm Richtung Ausgang. „Ja, einfach so. Bitte lass uns von hier verschwinden. Weihnachten steht vor der  Tür, und ich möchte das Fest nicht im Polizeipräsidium verbringen.“  „Du hast recht. Lass uns gleich deiner Mutter die gute Neuigkeit überbringen. Ich wusste doch, dass sich letztendlich alles zum  Guten wendet. Jetzt wird es doch noch ein schönes Fest.“  Verblüfft sah sie zu ihrem Vater auf. Für ihn schien das Thema tatsächlich erledigt zu sein. Kam es ihm denn nicht seltsam vor,  dass sie vor ein paar Tagen noch gesagt hatte, sie könnte ihm seine Fragen nach Becs Tod nicht beantworten? Doch sein Gesicht  spiegelte nur Ruhe und Zufriedenheit wider. Vielleicht war Verdrängung für ihn das Einfachste, um mit den letzten Tagen Frieden zu  schließen. Er hatte wieder das, was er am meisten wollte – seine kleine, glückliche Familie. Gedankenverloren stieg Emily auf der Beifahrerseite ein. Aber sie selbst war nicht zufrieden. Die Schatten, die die Nacht des  Einundzwanzigsten auf ihre Seele gelegt hatte, brannten wie ein Feuer in ihr. Zum wiederholten Mal befand sie sich gedanklich vor  der kleinen Holzhütte und blickte durch einen Spalt ins Innere. Der kleine Ian lag leblos am Boden, während die drei  dunkelgekleideten Personen bedrohlich um ihn herumstanden.   Emily traten Tränen in die Augen – nein, sie war noch lange nicht zufrieden. Erst wenn die Sünden der Vergangenheit gerächt  waren, würde auch sie ihren Seelenfrieden wiederfinden. Zumindest hoffte sie das. Wie viel Trauer hatten die Gestaltenwandler  über sie gebracht – sie hatten ihre ganze Familie ausgelöscht. Nachdenklich sah Emily zu ihrem Vater, der gut gelaunt hinter dem  Steuer saß. Eigentlich hatten die Morphix Emilias ganze Familie auf dem Gewissen. Emily runzelte die Stirn. Aber sie war Emilia. Daran gab es keinen Zweifel. Sie war dieses Mädchen gewesen – sie hatte deren  Angst gespürt, sie hatte die Verzweiflung in den Augen ihres Bruders gesehen, sie hatte die Kälte und die Barmherzlosigkeit der  Fremden gefühlt. Sie war dieses Mädchen gewesen. Vielleicht war es Jahrhunderte her, aber das machte die Grausamkeit dieser  Tat nicht geringer. Kein Kind konnte so etwas erleben und jemals ein normales Leben führen. Die Seele wäre für immer  gebrandmarkt und in kleine Stücke zerrissen.   Emily betrachtete die vorbeifliegende Landschaft. Was war aus diesem kleinen Mädchen geworden? Was war passiert, nachdem  sie sich in den Brunnenschacht geflüchtet hatte? Emily sah jede Einzelheit so klar vor Augen, und sie spürte erneut die Panik, die  Angst und die Verzweiflung. Doch es fehlten so viele Erinnerungen. Sie hatte so sehr gehofft, die Antworten in ihren Träumen finden  zu können. Aber sie träumte nicht. Es war, als ob nach dem Einundzwanzigsten in ihrem Inneren ein Schalter umgelegt worden wäre und das  Tor zu ihren Träumen sich endgültig geschlossen hätte. Vielleicht lag es auch an den Medikamenten – bestimmt waren diese mit  ausreichend Psychopharmaka angereichert. Zum ersten Mal wünschte Emily sich, sie würde träumen. Sie wollte tiefer in ihre  Vergangenheit eintauchen und das zu Tage fördern, was tief in ihr begraben sein musste. Noch vor einer Woche war es ihr größter  Wunsch gewesen, endlich eine Nacht ruhig und friedlich schlafen zu können. So konnten Wünsche sich ändern.  „Emily?“ Erschrocken drehte sie sich zu ihrem Vater um, der sie nachsichtig anlächelte. „Du bist so weit weg.“  „Entschuldige, Dad.“  „Ich hatte vergangenen Abend ein langes Gespräch mit deiner Mutter.“   Fragend blickte Emily ihn an. „Nun ja, sie macht sich große Sorgen, und sie hat mir ordentlich die Leviten gelesen.“  „Das muss sie nicht. Wenn wir zu Hause sind, rede ich mit ihr.“ „Nein.“ Abwehrend hob ihr Vater die rechte Hand. „Sie hatte recht, als sie meinte, ich müsse dich deine eigenen Entscheidungen  treffen lassen. Ihr Vater war damals, als deine Mutter und ich uns begegneten, auch nicht begeistert von mir. Ich war ihm nicht gut  genug für seine einzige Tochter. Und trotzdem war sie nicht bereit, sich seinem Willen zu beugen und mit mir Schluss zu machen.  Dafür bin ich ihr heute noch sehr dankbar. Also, welches Recht habe ich dann, von dir zu verlangen, dich meinem Willen zu  beugen?“  „Dad …“  „Nein, warte. Was ich dir nur sagen möchte: Du musst deine eigenen Erfahrungen machen. Vielleicht findest du nur eine  Enttäuschung, aber vielleicht auch die große Liebe. Was es auch immer ist – es ist dein Leben, und es sind deine Entscheidungen.“  „Dad …“  „Lade ihn doch über die Weihnachtsfeiertage ein.“  „Wir haben uns getrennt.“   Überrascht wandte ihr Vater den Blick von der Straße ab und sah sie an.   „Wir haben uns bereits am Freitag getrennt. Ich musste feststellen, dass er nicht der Mann war, für den ich ihn hielt.“ Emilys  Magen zog sich krampfhaft zusammen. Diese Umschreibung war wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Sie dachte an die  vergangenen Wochen – an die Zeit, die sie mit Gabriel verbracht hatte. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können?  „Emily, du hörst mir ja schon wieder nicht zu.“ Emily blinzelte und stellte überrascht fest, dass sie bereits vor dem Haus ihrer Eltern standen. Entschuldigend blickte sie ihren  Vater an. „Sorry, Dad. Was hast du gesagt?“ „Ich habe gesagt, dass deine Mutter und ich unsere Kreuzfahrt so genossen haben, dass ich im Reisebüro einen Gutschein für  die nächste gekauft habe. Was schenkst du deiner Mutter zu Weihnachten?“  „Verflucht! Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Ich werde nachher nochmals kurz in die Stadt gehen, um etwas für sie zu  besorgen.“ Als sie das beunruhigte Gesicht ihres Vaters sah, schenkte sie ihm ein Lächeln. „Selbstverständlich nehme ich den Bus  oder ein Taxi. Mach dir also bitte keine Sorgen.“  „Ich kann dich fahren.“  „Dad, es gibt wirklich keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Mir tut es auch mal gut, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen.“  „Ich möchte dich mit deinem geschienten Arm ungern in einem Bus sehen. Es macht mir wirklich nichts aus, dich zu fahren.“ Nachsichtig sah sie ihren Vater an. Sich aus den Fängen der elterlichen Obhut zu befreien, glich geradezu einem Kampf gegen  die Elemente. „Dad, das ist wirklich lieb. Aber es wäre auch schön, ein wenig Zeit für mich zu haben. Außerdem fehlt mir nicht nur  Mums Geschenk.“ „Dann bezahle ich dir zumindest das Taxi.“  * * * Zufrieden verließ Emily das Tabakwarengeschäft der Einkaufsmall. Die Pfeife, die sie erstanden hatte, war zwar nicht billig  gewesen, aber ihr Vater würde sich freuen. Mit einem Lächeln verstaute sie das Geschenk in der Tüte, in der sich bereits der  Seidenschal für ihre Mutter befand. Er gefiel ihr sicher. Die bunten Farben versprühten pure Lebensfreude, und man konnte ihn um  die Schulter oder auch um den Kopf tragen. Wenn ihre Eltern tatsächlich erneut eine Kreuzfahrt antreten wollten, war er das  perfekte Accessoire. Als sie an den ehemaligen Räumlichkeiten von Mystery Art vorbeikam, blieb sie erstaunt stehen. Das Schild mit der Aufschrift Zu  vermieten war nicht länger an der Eingangstür angebracht. Neugierig betrachtete sie das neue Logo, das in grellen Farben oberhalb  der Tür hing. LCT - Lucys Crazy Tattoos. Ehe Emily sich versah, hatte sie bereits die Klinke in der Hand und drückte die Tür nach  innen auf.   „Willkommen im LCT. Ich bin Lucy, und was möchtest du? Eine Tätowierung oder ein Piercing?“  Nachdenklich sah Emily die Frau an. Sie musste Ende dreißig sein. Ihr Gesicht wurde gleich an mehreren Stellen von Piercings in  verschiedenen Formen und Größen geziert. Emily bezweifelte stark, dass diese die einzigen Piercings waren. Die Verkäuferin trug  ein schwarzes T-Shirt mit einem Totenkopf darauf, und Emily konnte sehen, dass sowohl die Unter- als auch die Oberarme  durchgehend mit Tätowierungen bedeckt waren. Eine bunte Ansammlung von Bildern, die nahtlos ineinander übergingen. „Ähm, ich  bin nicht sicher.“ Die Verkäuferin grinste sie gutgelaunt an. „Lass mich raten – du möchtest bestimmt einen Bauchnabelpiercing.“  Nervös schüttelte Emily den Kopf. Was machte sie nur in diesem Geschäft? „Nein. Wenn überhaupt, möchte ich ein Tattoo.“  „Oh, okay. Möchtest du etwas Bestimmtes? Vielleicht eine rote Rose oder einen Schmetterling?“ Emily holte tief Luft und ging auf die Frau hinter dem Verkaufstresen zu. „Nein, ich hätte gerne eine Rune. Nur schwarz. Würdest  du mir bitte einen Zettel und einen Stift geben? Dann male ich sie auf.“ Als sie mit ihrer Zeichnung fertig war, gab sie den Notizblock  Lucy zurück. „Genau diese Tätowierung möchte ich haben.   Neugierig betrachtete die Tätowiererin die zwei Dreiecke. „Das ist alles? Was soll das sein?“  „Eine alte germanische Rune.“  Lucy warf einen erneuten Blick auf die Zeichnung. „Cool. Hat sie auch eine Bedeutung?“  „Das ist eine Schutzrune. Sie heißt Dagaz. Sie bietet Erleuchtung und Klarsicht. Außerdem hindert sie mich am Vergessen.“ „Aha, und wohin möchtest du deine Erleuchtung tätowiert haben?“  Emily zog die Stirn in Falten. Ihre Gedanken wanderten zu Tito. Die Rune Gebo hatte sein Handgelenk geziert. Ob das eine  willkürliche Stelle gewesen war?  „Innen auf das Handgelenk.“  Lächelnd nahm Lucy Emilys rechten Arm in ihre Hände und drehte die Innenseite nach oben. Mit leichten Fingern strich sie über  das Handgelenk. „Kein Problem. Es dauert ungefähr eine Stunde. Willst du es gleich, oder sollen wir einen Termin machen?“  „Gleich, und bitte auf dem linken Arm.“  „Aber der Verband …“  „Kann ich abnehmen. Der Arm ist nur verstaucht, nicht gebrochen.“  „Das ist deine erste Tätowierung, oder? Dir ist schon bewusst, dass ein Tattoo stechen zu lassen nicht angenehm ist? Bei einem  zusätzlich verstauchten Arm bedeutet das wirkliche Schmerzen.“  „Das ist mir egal. Schmerzen und diese Rune passen wunderbar zusammen.“   Verblüfft sah Lucy sie an. „Nun gut, das ist deine Entscheidung.“  Die Tätowiererin hatte mit ihrer Androhung recht behalten. Nach knapp einer Stunde war Emily glücklich, als sie endlich das  erlösende Wort fertig hörte.   Neugierig betrachtete Emily ihr Handgelenk. Die Haut um die Tätowierung war zwar noch ein wenig rot und geschwollen, aber  das Ergebnis gefiel ihr. Die zwei spitz zulaufenden Dreiecke der Rune Dagaz waren gut erkennbar. „Vielen Dank. Genau so habe  ich es mir vorgestellt.“ Langsam wickelte Emily wieder den Verband um ihren Arm.  „Okay, das macht dann hundertfünfzig Dollar.“  Emily zückte ihre Kreditkarte und gab sie an die Frau weiter. Ein stolzer Preis. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass es auch eine  sinnvolle Investition war und die Rune sie vor Übergriffen auf ihren Geist schützte. Zumindest würde Dagaz für immer die  Erinnerung an die Vergangenheit aufrechterhalten.  * * * „Biegen Sie hier bitte rechts ab.“  Der Fahrer des Taxis sah sie erstaunt an. „Aber wenn Sie nach Newark möchten, ist das ein Umweg.“  „Ich weiß. Ich möchte vorher einen kleinen Abstecher machen.“  Emily dirigierte den Fahrer quer durch Columbus, bis sie ihr Ziel erreicht hatten. „Würden Sie bitte kurz warten? Ich möchte nur  etwas überprüfen.“  Der Fahrer grinste sie breit an. „Ihre Entscheidung, das Taxameter läuft.“  „Darauf wäre ich nie gekommen.“ Emily erwiderte spöttisch das Lächeln. „Es dauert nicht lange.“  Bevor sie es sich anders überlegen konnte, öffnete sie die Autotür und stieg aus. Unsicher betrachtete sie Gabriels Haus, ehe sie  sich dazu aufraffen konnte, die Straße zu überqueren. Sie blieb unschlüssig vor der Haustür stehen. Was wollte sie nur hier?   „Kann ich Ihnen helfen?“  Emily drehte sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein freundliches Frauengesicht um die vierzig blickte sie  fragend an. In der Hand hielt die Frau einen großen braunen Karton.  „Nein, ich wollte nur etwas nachsehen.“  „Oh, waren Sie etwa auch an dem Haus interessiert? Tja, für so einen Spottpreis, und noch dazu mitten in Columbus, bekommt  man normalerweise eigentlich nichts.“  Fassungslos starrte Emily die Frau an. „Sie haben das Haus gekauft?“  „Ja, wir haben gerade gestern den Kaufvertrag unterschrieben. Wir mussten einfach zugreifen. Das Haus bietet so viel Platz für  eine kleine Familie. Oh, tut mir leid, ich plappere zu viel, das sagt mein Mann auch immer. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“  Immer noch fassungslos, schüttelte Emily den Kopf. „Nein, ich war auf der Suche nach …“ Sie überlegte. „Sie wissen nicht  zufällig, wo sich der ehemalige Eigentümer befindet?“  Bedauernd sah die Frau sie an. „Das tut mir leid. Wir haben das Haus über ein Maklerbüro gekauft. Wenn Sie möchten, gebe ich  Ihnen gerne die Telefonnummer. Vielleicht kann man Ihnen dort weiterhelfen.“  „Ja, vielleicht.“  Emily sah der Frau nach, die mit dem Karton im Haus verschwand. Es war ein seltsamer Anblick. Vor gar nicht allzu langer Zeit  war es für sie selbst noch eine Art Zuhause gewesen. Sie schüttelte den Gedanken ab, und ihre Lippen verzogen sich zu einer  dünnen Linie. Nein, das war es nie gewesen. Zuhause war da, wo das Herz wohnte – ein Ort, an dem man sich sicher und  geborgen fühlte. Aber Geborgenheit war ein Gefühl, das man sich selbst vorgaukelte, um seine kleine heile Welt zu erschaffen. Eine  Welt, die so lange heil blieb, bis jemand kam und sie grausam zerstörte. Emily rang sich ein Lächeln ab, als die Frau wieder aus dem Haus kam. In der Hand hielt sie eine beigefarbene Visitenkarte.  „Hier, bitte schön. Und viel Glück bei Ihrer Suche.“  Dankend nahm Emily die Karte an sich und ging zurück zu dem wartenden Taxi.  * * * Mit einem zufriedenen Seufzen legte Emily ihr Besteck aus der Hand. „Mum, es war köstlich.“  „Da kann ich Emily nur beipflichten, Grace.“  „Danke. Es freut mich, dass es euch geschmeckt hat. Wollt ihr vielleicht noch einen Kaffee?“  Dankend lehnte Emily ab. Es war bereits Abend, und wenn sie so spät noch Koffein zu sich nahm, würde sie kein Auge  zubekommen. Ihre Mutter sah sie besorgt an. „Hast du schon deine Medikamente genommen?“  „Nein, es muss auch ohne gehen.“  „Emily, du hattest vor gerade mal zwei Tagen einen Autounfall.“  „Mum, ich fühle mich so weit gut.“ „Du hast schwere Prellungen und einen verstauchten Arm, das würde ich nicht gerade als gute körperliche Verfassung  bezeichnen.“  Ihre Mutter konnte manchmal sehr beharrlich sein. Doch das Läuten der Türglocke rettete Emily vor einer Diskussion. Wer kam so  spät am Heiligen Abend?  „Ich mach auf.“ Ehe ihre Mutter etwas erwidern konnte, stand Emily schnell auf und ging zur Haustür.   „Hallo, Kleines.“  „Nana!“ Freudestrahlend nahm Emily die alte Indianerin in die Arme. „Woher wusstest du … Aber komm doch erst einmal herein.“  Sie sah neugierig auf den Mann hinter Nana. Auch er hatte das typische indianische Aussehen. „Und dein Begleiter natürlich auch.“  „Das ist Tecumseh. Er war so nett, mich hierher zu fahren, da er sowieso in die Stadt musste. Wir haben deine Sachen dabei, die  du vor deiner Abreise nach Mexiko bei mir deponiert hast.“  „Danke. Es tut mir leid, dass ich mich noch nicht bei dir gemeldet habe, ich … Na los, kommt schon rein. Meine Eltern werden  sich freuen.“   „Wir wollen wirklich nicht stören.“  „Bitte. Mein schlechtes Gewissen ist schon groß genug.“ Emily führte die Besucher zu ihren Eltern in die Küche. „Mum, Dad, wir  haben Besuch. Peshs Großmutter kennt ihr ja … und das ist Tecumseh.“ Ihre Mutter stand auf und schüttelte mit festem Händedruck die Hand der resoluten Indianerin. „Herzliches Beileid zu Ihrem  tragischen Verlust. Setzen Sie sich doch. Darf ich Ihnen vielleicht etwas zum Essen anbieten?“  Nana erwiderte das warmherzige Lächeln. „Aber nein. Wie ich Emily bereits gesagt habe, sind wir nur auf der Durchreise.“  „Oh, möchten Sie wenigstens etwas trinken? Einen Tee vielleicht?“  Emily sah die Schamanin bittend an. „Komm schon, Nana. So viel Zeit werdet ihr doch haben. Schließlich ist Heilig Abend.“  Nun stand auch Emilys Vater auf. „Gegen zwei Silver-Frauen kommt man einfach nicht an.“  „Schon gut. Für eine Tasse Tee habe ich Zeit.“  Emilys Mutter lächelte erfreut. „Das ist schön. Ich hoffe, Sie trinken auch Tee aus Beuteln. Emily hat erwähnt, dass Sie Ihren Tee  normalerweise aus frischen Kräutern zubereiten.“  Einige Minuten später setzten Nana, Emily und ihre Mutter sich ins Wohnzimmer, während die zwei Männer sich ins  Arbeitszimmer zurückgezogen hatten. Angeblich wollte Emilys Vater dem Besucher einige seiner neuesten Projekte zeigen. Emily  ging allerdings eher davon aus, dass ihr Vater die Gunst der Stunde nutzen wollte, um mehr über das Leben eines waschechten  Indianers und dessen Geschichte zu erfahren. Tecumseh tat ihr leid, denn ihr Vater konnte in seiner Euphorie über Geschichte  manchmal alles andere um sich herum vergessen.   „Ist der Tee in Ordnung?“   Nana lächelte Emilys Mutter an. „Machen Sie sich keine Sorgen, Mrs. Silver, er schmeckt wirklich gut.“ „Oh bitte, nennen Sie mich Grace. Sie wissen gar nicht, wie dankbar ich Ihnen bin. Trotz Ihres eigenen tragischen Verlustes  hatten Sie noch die Kraft, meine Tochter bei sich aufzunehmen.“  „Das war wirklich keine Arbeit.“ Nana nahm Emilys Hand und drückte sie leicht. „Emily ist ein ganz außergewöhnliches Mädchen,  und sie ist jederzeit im Reservat willkommen. Bereits vor Peshs Tod hat sie praktisch schon zur Familie gehört.“  „Emily hat uns den Dolch gezeigt, den Sie von Ihnen geschenkt bekommen hat. Ein wirklich wunderschönes Stück.“  „Danke. Es ist ein Erbstück meiner Familie, und ich wusste, dass er in Emilys Händen gut aufgehoben ist.“ Emilys Körper versteifte sich bei diesen Worten. Sie hatte das Messer nicht mehr. Der Verlust war ihr erst aufgefallen, als ihre  Eltern sie vom Notdienst abgeholt und nach Hause gebracht hatten.   „Mum, würdest du vielleicht einmal nach Dad sehen? Nicht, dass er seinen Gast zu sehr in Beschlag nimmt.“  Überrascht hob ihre Mutter die Augenbrauen und sah von Nana zu ihr. „Natürlich. Ich sehe kurz nach ihnen.“ Mit einem letzten  prüfenden Blick auf Emily erhob sie sich und ging Richtung Arbeitszimmer, hinter dessen Tür sich die zwei Männer verschanzt  hatten. Nachdem ihre Mutter außer Hörweite war, sah Emily Nana unsicher an. „Ich muss dir etwas gestehen. Der Dolch …“  „Es ist alles in Ordnung.“ Verzweifelt schüttelte Emily den Kopf. „Nein, du verstehst nicht. Das Messer, das Erbstück deiner Familie …“ „Emily, ich habe ihn.“ Emily meinte sich verhört zu haben, doch die weisen Augen von Peshs Großmutter sahen sie eindringlich an.   „Ich habe den Dolch.“  „Aber … aber woher?“ Emily hielt inne und sortierte ihre Gedanken neu. „Gabriel.“   Es hatte eine Zeit gegeben, da war dieser Name mit Liebe und Sehnsucht über ihre Lippen gekommen, aber jetzt klang er wie  eine ansteckende Krankheit.  „Er war am Samstag sehr früh im Reservat und hat mir den Dolch gebracht. Er meinte, dass du sehr durcheinander wärst, es dir  den Umständen entsprechend aber gutginge.“  „Den Umständen entsprechend gut?“  „Kleines, er wollte mir nur sagen, dass du lebst und ich mir keine Sorgen machen muss. Er meinte, ich sollte dir ein wenig Zeit  lassen.“ „Ich wäre also durcheinander? Was für ein verlogener Mistkerl.“ Emily sprang von dem ledernen Couchsessel auf und stieß mit  ihrem Knie an die Teetasse, die am Tischrand stand. Scheppernd fiel das Porzellan zu Boden, doch sie achtete nicht darauf. „Ich  bin nicht durcheinander, und das weiß er auch. Was hat er noch gesagt? Hat er dir erzählt, was in dieser Nacht vorgefallen ist?“  „Emily, bitte beruhige dich.“ Doch Emily dachte gar nicht daran, sich zu beruhigen. Selbst Nanas erschrockenes Gesicht konnte sie nicht zügeln – der Hass  loderte in ihrem Inneren wie ein Feuer, das sie zu verbrennen drohte. „Hat er dir erzählt, was er mir angetan hat? Was er Emilia  angetan hat?“  „Kleines …“  „Emilia. Ich träumte jede Nacht von ihr – von ihrem Leben. In meinen Träumen war sie eine junge Frau, in etwa so alt wie ich, und  sie war mir wie aus dem Gesicht geschnitten. Sie war mein Ebenbild. Doch dann wurde sie wegen Mordes verurteilt. Wegen eines  Mordes, den sie nicht begangen hatte. Man unterstellte ihr, sie hätte ihren Dienstherren getötet. Sie wurde auf dem Scheiterhaufen  verbrannt. Unschuldig!“ Emily atmete tief durch. Die Worte schienen nur so aus ihr herausströmen zu wollen – sich endlich Gehör  verschaffen zu wollen. „Man unterstellte ihr sogar, als Kind ihre gesamte Familie getötet zu haben. Ihren Vater, ihre Mutter und ihren  Bruder. Doch sie war es nicht. Nein, noch viel schlimmer. Sie hatte mit ansehen müssen, wie die wahren Täter diese Morde  verübten. Emilia war gerade mal fünf Jahre alt, als Gabriels Bruder, seine Ex und er ihre gesamte Familie umgebracht haben. Und  warum? Weil Emilia eine Wynne Shane war. Das war ihr ganzes Vergehen – sie war eine Wynne Shane!“ Erneut atmete Emily tief  durch. „Gabriel hat ihr alles genommen, und dafür wird er bezahlen.“  „Emily!“  Erschrocken sah sie Nana an. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht anschreien.“ Mit einer entschlossenen Bewegung stand Nana auf und nahm sie fest in die Arme. „Das weiß ich.“   Emily legte den Kopf an Nanas Schulter. Für einen Moment sagte keiner etwas.   „Emily, das hätte ich dir schon sagen sollen, als Pesh gestorben ist. Es gibt Dinge, die kann man nicht ungeschehen machen.  Versuchst du es doch, kannst du nur verlieren. Du kannst dich dabei verlieren.“  Emily hob ihren Kopf und sah der alten Indianerin fest in die Augen. „Ich habe mich nicht verloren, sondern wiedergefunden.“  „Emily, Rache kann die Vergangenheit nicht ändern.“  „Aber …“  Das Stimmengewirr aus dem Gang ließ Emily innehalten. Ihre Eltern und Tecumseh betraten das Wohnzimmer.  „Schade, dass Sie schon gehen müssen. Es hätte mich wirklich gefreut, mehr über das Leben im Reservat zu erfahren.“   Die Enttäuschung in der Stimme ihres Vaters war nicht zu überhören. Wahrscheinlich hatte er tatsächlich die letzte halbe Stunde  ausgiebig genutzt und seinen Besucher mit Fragen gelöchert.   Nana machte einen Schritt auf Emilys Eltern zu. „Es war sehr nett, aber wir müssen jetzt wirklich los.“ „Aber Sie müssen uns bei Zeit wieder einmal besuchen. Wir würden uns sehr freuen.“  „Sie können uns auch gerne im Reservat besuchen. Ich denke, das würde Ihnen interessante Einblicke gewähren, und Sie  könnten sich selbst ein Bild von dem Leben dort machen.“  Emilys Mutter schmunzelte. „Ich bringe Sie noch zur Tür.“ Emily folgte ihrer Mutter, Nana und Tecumseh in den Flur. Einzelne Schneeflocken verirrten sich in den Hauseingang, als Nana  die Tür schwungvoll öffnete. In der Abenddämmerung deutlich erkennbar, sah man in der weitläufigen Einfahrt ein Meer aus Weiß.  Selbst der verbeulte Truck, mit dem Nana und ihr Begleiter gekommen waren, war in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts in eine weiße  Decke gehüllt worden. Die alte Indianerin drehte sich im Türrahmen um und lächelte herzlich. „Es hat mich wirklich gefreut. Sie  haben ein entzückendes und so einladendes Haus.“  Emily konnte erkennen, wie ihre Mutter unter diesen Worten wuchs. „Vielen Dank. Ich weiß nicht, ob Emily es erwähnt hat, aber  ich bin Maklerin. Mir liegt das Äußere des Hauses am Herzen. Selbst die Bäume auf dem Anwesen habe ich mit Sorgfalt  ausgewählt, um sie auf das Ambiente abzustimmen.“  „Das ist Ihnen wirklich gelungen. Die Trauerweide vor dem Haus ist aber älter, oder?“  „Ja, sie stand schon. Aber weder Dean noch ich wollten sie fällen. Leider werden wir das aber im Frühjahr machen müssen.  Bereits im Herbst haben ihre Äste nicht mehr sonderlich gesund ausgesehen, und der harte diesjährige Winter wird ihr den Rest  geben. Es ist wirklich kalt geworden. Nana, Ihr Besuch hat mich sehr gefreut. Ich wünsche Ihnen noch ein frohes Weihnachtsfest.“  „Das wünsche ich Ihnen auch, Grace.“ Nana sah zu der Weide, die sich in einiger Entfernung majestätisch vor ihnen aufrichtete.  „Warten Sie mit Ihrer Entscheidung, den Baum zu fällen, bis zum Sommer. Die Äste alleine sagen nichts über den Zustand aus. Der  Baum stirbt an der Wurzel.“ Überrascht sah Emily Nana an. Sie wagte jedoch erst etwas zu sagen, als ihre Mutter mit einem letzten Nicken im Haus  verschwunden war. „Was meintest du damit?“  „Womit?“ „Dass der Baum an der Wurzel stirbt. Warum hast du das gesagt? Pesh hat dies ebenfalls vor gar nicht allzu langer Zeit gesagt.“  Emily schluckte, als sie daran dachte, dass ihr ihre Freundin diese Worte lediglich in einem Traum zugeflüstert hatte. Diese Worte  jetzt aus Nanas Mund zu hören war beängstigend.   „Die Shawnee glauben daran, dass die Kraft aus den Wurzeln kommt. All das Gute sammelt sich in ihnen und zieht sich wie eine  Linie bis hoch in die kleinsten Äste. Selbst wenn ein Ast schwach und vom Leben gezeichnet wirkt, wird er weiterleben, solange ihn  die Wurzel mit ausreichend Energie versorgt. Ist aber die Wurzel verdorben, dann wird sich das Negative durch das ganze Geäst  ziehen und nach und nach all die Äste dem Untergang weihen. Es ist wie im menschlichen Dasein. Auch hier prägen uns unsere  Wurzeln und unser Ursprung. Was tief in uns verankert ist, haben wir von unseren Ahnen erhalten und werden wir an unsere  Nachfahren weitergeben. Jeder von uns – auch du.“ Nana sah sie einen Moment schweigend an. „Ihr habt einen anderen  Ausspruch dafür: Der Apfel gleicht dem Stamm.“  „Du meinst, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm?“  „Ja, das meinte ich.“ Nachdenklich blickte Emily die alte Schamanin an. Erst fing Pesh in ihrem Traum davon an, und jetzt erzählte ihr Nana das  Gleiche. Und sie waren nicht die Einzigen. Ganz entfernt hörte Emily in ihrem Inneren eine wohlbekannte Stimme, auf die sie gerne  verzichtet hätte.  „Fragen Sie sich einmal, woher Sie kommen, und recherchieren Sie ein bisschen. Sprechen Sie mit Menschen aus Ihrer Familie  und erfahren Sie etwas über Ihre Vorfahren. Rekonstruieren Sie Ihren Stammbaum.“  „Alles und jeder hat eine Geschichte und einen Ursprung. Und das kann entscheidend dafür sein, was passieren wird.“  Bäume, Wurzeln, Äste, Vorfahren, Nachkommen? Emily hatte das Gefühl, als würde ihr Umfeld ihr etwas sagen wollen, aber es  einfach nicht bei ihr ankam. Sie musste blinzeln und bemerkte erst jetzt den besorgten Blick, mit dem die Indianerin sie bedachte.   „Willst du mir sagen, dass etwas mit meinen Wurzeln nicht stimmt? Redest du von Wiedergeburt oder von Genen innerhalb der  Familie?“  „Ich spreche von beidem. Das eine schließt das andere nicht aus. Du kannst auch in deiner eigenen Familie wiedergeboren  werden.“ Nana sah zu Tecumseh, der inzwischen seinen Platz hinter dem Lenkrad eingenommen hatte. „Ich muss gehen. Du weißt,  dass du jederzeit zu mir kommen kannst.“ Emily hielt die Indianerin am Arm fest. „Nana, warte! Ich habe noch eine letzte Frage: Wer war Tecumapese?“  „Du kennst die Legende.“  „Aber woher kam sie? Man muss doch irgendetwas von ihr wissen, etwas, was nicht in der Geschichte erwähnt wird. Ich weiß,  dass das alles lange zurückliegt. Ich weiß, dass Tecumapese vor rund einhundertsiebzig Jahren geboren wurde.“  „Vor fast zweihundert Jahren.“  „Vor fast zweihundert? Aber ich dachte … Das ist nicht möglich. Emilia hat ebenfalls vor zweihundert Jahren gelebt.“ Emily  runzelte die Stirn. Das war nicht möglich. Sie selbst konnte nicht die Reinkarnation von beiden sein. Es sei denn … Sie hielt den  Atem an. … es sei denn, Emilia Sinclair und Tecumapese waren ein und dieselbe Person.   Die Schamanin sah sie nachdenklich an. „Da gibt es eine weitere Kleinigkeit … man sagt, Tecumapese sprach mit gebrochener  Zunge.“  „Gebrochener Zunge?“ Emily erwiderte verständnislos den Blick der Indianerin. „Was soll das heißen?“  „Das bedeutet, dass sie keine von uns war und ihre Sprache sich deutlich von den anderen unterschied.“  „Aber das ist doch klar. Schließlich war Tecumapese keine Indianerin, sondern …“  „Nein, es war auch nicht die Sprache des weißen Mannes, der rings um das Dorf der Shawnee lebte. Tecumapese sprach zwar  Englisch, sie war jedoch keine Amerikanerin. Die Shawnee waren und sind auch heute noch der Meinung, dass Tecumapese aus  einem fernen Land stammte und mit einem Schiff über das Meer nach Amerika gereist war. Zu der damaligen Zeit war das etwas  Besonderes. Nicht viele nahmen so eine Reise auf sich. Amerika war erst seit kurzem unabhängig und keine britische Kolonie  mehr.“ „Du meinst, Tecumapese war von England nach Amerika gereist?“  „Entweder aus England oder aus einem der umliegenden Länder.“  „Sie könnte also auch aus Schottland, Wales …“ Emilys Augen weiteten sich. „… oder Irland stammen.“ „Richtig, alles ist möglich.“ * * * Emily starrte nachdenklich auf die Eingabemaske der Internetsuchmaschine. Ihre Eltern waren bereits vor Stunden ins Bett  gegangen, doch sie selbst fand keine Ruhe. Gemeinsam mit ihrem Laptop hatte sie sich auf die Couch gekuschelt und wartete auf  eine Eingebung. Die Information, die ihr Nana gegeben hatte, spukte in ihrem Kopf herum. Die ganze Zeit war Emily davon  ausgegangen, dass Tecumapese Amerikanerin gewesen war …   Irland. Jede Spur führte sie immer wieder zu diesem Punkt, als ginge alles von diesem Fleckchen aus. Und dabei hieß es doch  immer, alle Wege führten nach Rom …   Der Cursor auf dem Monitor blinkte unentwegt und wartete auf eine Eingabe, doch Emilys Finger lagen still auf der Tastatur. Den  Spuren von Tecumapese zu folgen konnte sie vergessen. Es war nur ein Name aus einer Legende – ohne einen dazugehörigen  Körper oder Geist. Frustriert blies Emily die Luft aus.   Plötzlich bewegte sich der Cursor in der Suchmaske, und Buchstaben wurden angezeigt. Als hätten Emilys Finger ein Eigenleben  entwickelt, flogen sie geradezu über die Tastatur. Emily starrte gebannt auf den Monitor, und die Buchstaben wurden vor ihren  Augen zu Wörtern. Emilia Sinclair Mit zitternden Fingern betätigte Emily die Return-Taste, um die Suche auszuführen. Sie musste schmunzeln, als sie das Ergebnis  ihrer Suche angezeigt bekam – lediglich fünfhunderttausend Treffer. Aber ihre Suche hatte durchaus Potential, sie musste sie nur  mit mehr Details verfeinern. Was wusste sie über Emilia Sinclair?   Sie dachte an die Vision, die sie von Emilia gehabt hatte. Wieder sah sie den kleinen Ian mit seiner geflickten Kleidung vor sich.  Sie sah sein nachsichtiges Lächeln, als er auf seine kleine Schwester geblickt hatte. Emily musste schlucken. Die kleine Schwester, die sie vor langer Zeit selbst gewesen war. Aber die entscheidende Frage war, wann sie Emilia Sinclair gewesen war. Sie konnte  sich nicht an ein Datum erinnern oder daran, dass Ian eines erwähnt hatte. Aber es musste einen Anhaltspunkt geben.  Sie zog ihre Stirn in Falten. „Komm schon, Silver, streng dich an.“ Ganz leise hörte sie wieder Ians Stimme in ihrem Inneren.  „Ach Emi, Far Druim ist doch keine Welt.“ Emilys Finger huschten wieder über die Tastatur. Wie schrieb man nur diesen Ort? Sie probierte so lange verschiedene  Schreibweisen aus, bis sich die Suchmaschine gnädig erwies und ihrerseits mit den Worten Meinten Sie vielleicht: Fartrin? einen  Vorschlag unterbreitete. Kurzentschlossen änderte Emily ihren Suchbegriff in den, welchen ihr die Suchmaschine vorgeschlagen  hatte. Sie war sich zwar nicht sicher, ob sie diesen Begriff meinte, aber zumindest das Internet konnte etwas damit anfangen.  Neugierig öffnete sie die erste angezeigte Website.  Fartrin ist ein kleiner Landabschnitt im Bezirk Cavan (Irland). Zum ersten Mal benannt in Vermessungskarten von  1812 mit der Bezeichnung Farterum.  Als Emily das Wort betrachtete, zog sich ihr Magen krampfhaft zusammen. Die aneinandergereihten Buchstaben kamen ihr so  vertraut vor. Sie hatte dieses Wort schon einmal gelesen – aber wo? Sie war sich sicher, dass es gar nicht so lange her war.  Ein Ort in Irland – Emilys Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Wenn das mal kein Zufall war. Sie öffnete erneut die  Internetsuchmaschine und erweiterte entschlossen die Suche nach Fartrin um den Namen Emilia Sinclair. Mit angehaltenem Atem  betätigte sie die Suchfunktion. Ein einzelner Link war der ganze Erfolg ihrer Suche. Sie öffnete die Homepage, bei der es sich um ein Archiv alter, digitalisierter  Zeitungsausschnitte handelte, und warf einen Blick auf das Impressum der Internetseite. Stadtverwaltung Ballyconnell. Beeindruckt  musste Emily diesen Leuten zugestehen, dass sie sich wirklich Mühe gegeben hatten, die Geschehnisse in ihrem Ort für die  Nachwelt zugänglich zu machen. Emily scrollte im Schnellverfahren über die einzelnen Berichte, bis sie erschrocken die Hand von  ihrer Maus nahm.  Farterum: Brutaler Überfall auf Bürgerfamilie.  Emily konnte regelrecht spüren, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich und sich ihre Nackenhaare aufstellten. Natürlich kannte sie  diesen Ort. Sie kannte sogar diesen Artikel. Es war der gleiche Zeitungsausschnitt, den sie in Gabriels Fotoalbum gefunden hatte.  Sie konzentrierte sich auf die Zeilen und las den Artikel sorgfältig durch.  Farterum: Brutaler Überfall auf Bürgerfamilie.  Der ganze Ort ist in Angst und Schrecken versetzt. Die Familie wurde auf brutale Weise ermordet. Keiner kann diese grausame  Tat nachvollziehen. Die einzige Überlebende ist die Tochter der Farmerfamilie.  „Emily?“ Erschrocken sah Emily zu ihrer Mutter auf, die im Türrahmen stand und sie mit besorgtem Blick musterte. „Ist alles in Ordnung? Was machst du so spät noch vor dem Computer? Der Arzt hat dir Ruhe verordnet.“  Emily versuchte zu lächeln, doch der zweifelnde Blick ihrer Mutter zeigte überdeutlich, dass der Versuch missglückt war. Mit  wenigen Schritten kam diese auf sie zu. „Was ist denn, Schätzchen? „Ich muss noch ein paar Sachen recherchieren.“  Bei diesen Worten richtete ihre Mutter den Blick auf den Bildschirm. „Ich wusste gar nicht, dass du noch an deinem Stammbaum  arbeitest.“  Überrascht sah Emily ihre Mutter an. „Wie kommst du darauf?“  „Wegen dem Artikel.“ Ihre Mutter deutete auf den Bildschirm.  „Was hat dieser Artikel mit meinem Stammbaum zu tun?“ „Habe ich dir nie davon erzählt?“   Immer noch erstaunt, schüttelte Emily den Kopf, und ihre Mutter seufzte. „Na ja, so genau weiß ich es eigentlich auch nicht. Deine  Ururgroßmutter hat mir die Geschichte vor langer Zeit erzählt. Damals war ich noch sehr jung … Dieses Mädchen, von dem in  diesem Artikel die Rede ist, war die Großkusine deiner Ururgroßmutter. Ihr Name war Emilia.“  *** Unruhig wälzte Emily sich im Bett herum. Auf einmal hatte dieser Zeitungsausschnitt eine ganz neue Bedeutung für sie. Als sie die  Zeilen bei Gabriel zum ersten Mal gelesen hatte, hatte sie sich noch gefragt, warum er so etwas aufbewahrte und noch dazu in ein  Album klebte. Das Massaker, bei dem er selbst aktiv mitgewirkt hatte und welches das Leben ihrer Liebsten gefordert hatte. Emilys  Blick verschwamm – sie selbst war diese Vollwaise gewesen. Sie war Emilia gewesen und fast zweihundert Jahre später in ihrer  eigenen Ahnenreihe wiedergeboren worden. Gabriel hatte es gewusst. Er hatte es die ganze Zeit gewusst. Sie glich Emilia wie ein  Ei dem anderen. Und doch hatte er sie angesehen, sie geküsst, in den Armen gehalten, als hätte es die Vergangenheit nie  gegeben.   Sie wusste nicht, welches Gefühl ihr mehr zu schaffen machte – das der Trauer, welches nach ihrem Herzen griff, oder das der  Wut, welches sich in jeder einzelnen Zelle ihres Körpers einnistete. Ihre Mutter hatte ihr leider auch nicht sagen können, was aus  dem kleinen Mädchen nach dem tragischen Tod ihrer Familie geworden war. Emilys Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie.  Die Mörder von damals würden ihre gerechte Strafe erhalten. Mit diesem letzten grimmigen Gedanken glitt sie in den Schlaf. 
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