© 2015 Mystery Art, Nicole Zagar und Melanie Fenrich GbR
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Kapitel 2 Dienstag, 25.12.2012  Sie lief so schnell sie konnte, doch der schwere Leiterwagen, den sie hinter sich herzog, machte ein schnelles Vorankommen  unmöglich. Wenn sie sich weiter in diesem Schneckentempo bewegte, war der Markt bereits geschlossen, bevor sie überhaupt das  Stadttor erreicht hatte. Kritisch warf sie einen Blick auf ihre Last, die sie mit sich zog. Die schweren mit Getreide gefüllten Säcke  wogen geschätzte fünfzig Kilogramm. Sie konnte nur hoffen, dass, wenn sie ihr Ziel erreichte, jemand ihr beim Abladen behilflich  war. Ungeachtet der Schmerzen in ihrem Arm zog sie mit eiserner Konzentration den Wagen weiter den Waldweg entlang. Sie hatte  gerade die Lichtung erreicht, als ein Ruck in ihrem Arm sie zum Anhalten zwang. Sie drehte sich um und sah nach dem Grund des  abrupten Stillstands. Eines der Räder des Leiterwagens war in ein Schlagloch gefahren und steckte fest. Mit verzweifelter  Anstrengung versuchte sie den Wagen freizubekommen, doch sämtliche Kraftanstrengung war umsonst. Der Schweiß lief ihr  mittlerweile über das erhitzte Gesicht. Sie musste doch dringend die Ware auf dem Markt veräußern!  „Bitte nicht!“ Sie gab dem Wagenrad, das immer noch feststeckte, einen Tritt. Augenblicklich spürte sie einen stechenden  Schmerz in ihrem großen Zeh.  „Kann ich vielleicht behilflich sein?“  Überrascht wirbelte sie zu der dunklen Stimme herum. Sie musste den Kopf in den Nacken legen, um in das Gesicht des  Fremden sehen zu können. Strähnen dunklen Haares fielen ihm in die Stirn, und seine Lippen waren zu einem spöttischen Lächeln  verzogen. Doch das alles nahm sie nur am Rande wahr. Ihr Blick wurde von seinen dunklen Augen gefangen genommen.  „Nun, kann ich Ihnen behilflich sein?“  Endlich konnte sie den Blick von seinen Augen lösen. „Es tut mir leid, ich habe Sie gar nicht kommen sehen und ... Ich soll mich  eigentlich nicht mit Fremden unterhalten.“  „Dem kann ich abhelfen.“ Das spöttische Lächeln wurde eine Spur breiter, als er ihr seine Hand entgegenstreckte. „Gabriel.  Gabriel O’Leary.“  Schweißgebadet wachte Emily auf. Erst nach einigen tiefen Atemzügen wurde ihr bewusst, wo sie sich befand. Die ersten  Sonnenstrahlen fanden trotz der zugezogenen Vorhänge den Weg in ihr Zimmer, und Emilys Blick fiel auf ihre Hände, welche die  Bettdecke fest umklammerten. Gabriel. Er hatte sich wieder in ihre Träume geschlichen.   Warum träumte sie plötzlich wieder? Sie blickte auf die Medikamente, die auf dem Nachttisch lagen. Den Abend zuvor hatte sie  diese nicht genommen – anscheinend lag es doch an ihnen, dass sie nicht geträumt hatte.  Das erste Treffen zwischen ihm und Emilia. Emily atmete tief durch. Die einzigen Hinweise auf die Vergangenheit schien sie in  ihren Träumen zu erhalten. Doch war sie auch bereit, sich dieser zu stellen? Sie zweifelte keinen Moment daran, dass ihre  bisherigen Einblicke in die Vergangenheit nur die Oberfläche angekratzt hatten. Wie viel Grauen mochte sich darunter verbergen?  Wollte sie wirklich die ganze Wahrheit wissen? Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken und sie löste langsam die verkrampften Finger, die sich immer noch um die Bettdecke  schlossen. Mit Schwung schlug sie die Decke beiseite und stand auf. Ohne zu zögern, nahm sie ihren Laptop und fand sich kurz  darauf auf der gewünschten Internetseite wieder. Vielleicht war es verrückt, aber sie wusste, was sie zu tun hatte.  * * * Mit einem Bademantel bekleidet, ging Emily die Treppe hinunter. Die Beleuchtung des Christbaums lotste sie geradewegs ins  Wohnzimmer, in dem ihre Eltern bereits mit lächelnden Gesichtern warteten. Beide standen bei ihrem Eintreten von der Couch auf  und schlossen sie in die Arme. „Frohe Weihnachten, Schätzchen.“ „Danke Mum, Dad.“  Liebevoll knuffte ihre Mutter ihren Vater in die Seite. „Nun gib es ihr schon, Dean.“  Ihre Mutter wirkte wie ein kleines Mädchen, das es kaum erwarten konnte, endlich ein großes Geheimnis zu lüften. Emily sah  neugierig von einem zum anderen. Mit einem nachsichtigen Lächeln reichte ihr Vater ihr einen Umschlag, der mit rotem  Geschenkband umwickelt war.  „Wir wussten nicht so richtig, was wir dir schenken sollen, und hoffen, dass wir uns richtig entschieden haben.   Langsam nahm Emily das Kuvert an sich und löste das rote Band darum.  „Jetzt mach es schon auf!“   Emilys Mutter wippte von einem Bein auf das andere. Um sie zu erlösen, riss Emily den Umschlag auf und holte eine weiße Karte  daraus hervor.  Karibik-Kreuzfahrt  Erleben Sie eine unvergessliche Silvesternacht mitten auf dem Atlantischen Ozean.  Eine unvergessliche Nacht? Fassungslos starrte Emily erst die Karte und dann ihre Eltern an. „Ihr schenkt mir eine Kreuzfahrt? Das  kann ich nicht annehmen. Das ist viel zu teuer und außerdem …“  „Und außerdem was?“ Mit einem schwachen Lächeln, doch mit eindringlichem Blick sah ihr Vater sie an. „Es gibt kein außerdem,  höchstens eine Bedingung, die an diese Reise geknüpft ist. Deine Mutter wünscht sich, dass wir diese Reise zu dritt antreten.“  Nun richtete Emily ihren Blick auf ihre Mutter. „Aber …“  „Sag ja, Schätzchen. Wenn wir dir peinlich sind, können wir uns auch gerne auf der anderen Seite des Schiffes aufhalten. Es  muss ja keiner wissen, dass wir deine Eltern sind.“ „Sollen wir auch gleich unsere Namen ändern, Grace?“ Verschmitzt sah ihr Vater ihre Mutter an. „Jetzt lass das Kind doch erst  mal antworten, bevor du unsere Kabine in eines der Beiboote verlegst.“  Zwei erwartungsvolle Augenpaare richteten sich auf Emily.  „Ich bin ganz überwältigt von eurem Geschenk und bin immer noch der Meinung, dass es viel zu teuer ist …“ Emily holte tief Luft.  „Aber ich muss leider gestehen, dass ich bereits andere Pläne für Silvester habe.“  „Oh.“ Die Enttäuschung stand ihrer Mutter regelrecht in das zierliche Gesicht geschrieben. „Andere Pläne?“  „Ja, ich habe vorhin einen Flug gebucht. Ich werde heute noch nach Irland fliegen.“  * * * Mit entschlossenem Gesichtsausdruck begab sich Emily zum Check-in Schalter ihrer Airline und gab der lächelnden Angestellten  die Flugbestätigung. Sie hatte darauf verzichtet, sich von ihren Eltern zum Flughafen bringen zu lassen. Zu deutlich hatte sie noch  deren anfängliche Verblüffung, die sich nach und nach in Ablehnung verwandelt hatte, vor Augen. Wahrscheinlich gingen sie davon  aus, dass ihre Tochter nun völlig durchgedreht war. Emily konnte es selbst kaum glauben, dass sie wirklich nach Irland fliegen  wollte. Doch sie wollte Antworten, und in Irland schienen alle Fäden zusammenzulaufen. Sie war sich sicher, wenn überhaupt,  würde sie dort ihre Antworten erhalten.   Nun war es sowieso zu spät für Unsicherheiten. Sie hatte ihr letztes Erspartes aufgebraucht, um den Flug nach Europa zu  bezahlen. Mit ihrer Boardingkarte in der Hand begab sie sich zum Warteraum und ließ sich auf einer der freien Bänke nieder. Der  Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es noch gut eine Stunde dauern würde, bis ihr Flug aufgerufen wurde.  Unschlüssig betrachtete sie die Hand, die ihr immer noch entgegengestreckt wurde. Wenn überhaupt möglich, wurde das spöttische  Lächeln des fremden Mannes noch breiter. „Wollen Sie mich jetzt wie einen Trottel so stehen lassen, oder ist das hier im Ort die  gängige Umgangsweise mit Fremden? Leider muss ich feststellen, dass es ein wenig unhöflich wirkt. Meine Hand wird langsam  schwer, und Sie haben mir immer noch nicht Ihren Namen verraten.“  Ein Hauch von Röte überzog ihre Wangen. Unhöflichkeit hatte man ihr bisher noch nie vorgeworfen. Entgegen ihrem Misstrauen  ergriff sie die dargereichte Hand. „Emilia. Emilia Sinclair.“  „Emilia.“ Ein leichter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Die Art, wie er ihren Namen aussprach, klang fast schon wie eine erotische  Einladung. Nicht, dass sie mit solchen Dingen wirklich Erfahrung hatte, aber sie hatte noch nie einen Mann so ihren Namen sagen  hören.   „Ein wirklich schöner Name. Und wie kann ich Ihnen helfen, Emilia?“  Helfen? Für einen Moment wusste sie nicht, was er damit meinte. Gebannt starrte sie auf seine sinnlichen Lippen, die ihren  Namen so schön betonten. Nur am Rande wurde ihr bewusst, dass er ihre Hand immer noch mit seinen schlanken Fingern  umschlossen hielt. „Soll ich Ihnen helfen, wieder auf den rechten Weg zu gelangen?“  Der rechte Weg? Ihr Magen zog sich zusammen. Eine Fantasie, die sie bis dahin nicht gekannt hatte, nahm ihren Geist ein.  Wollte sie von ihm auf den rechten Weg geführt werden? Welch schönen Mund er hatte.  „Der Wagen. Soll ich Ihnen helfen, den Wagen herauszuziehen?“  Emilia musste blinzeln. Der Wagen? Den hatte sie ganz vergessen. Sie würde zu spät kommen, wenn sie sich nicht endlich  beeilte. Den Ärger, den das mit sich bringen würde, konnte sie sich schon lebhaft vorstellen. Schnell zog sie ihre Hand aus der  seinen. „Oh Gott, der Markt! Ja, ziehen Sie das verdammte Ding da raus.“ Erschrocken über ihren Ausbruch holte sie kurz Luft. „Ich  meine, natürlich wäre es sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir helfen könnten.“  Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Mann zu dem klapprigen Bollerwagen um und besah das Schlagloch, in dem er steckte.  „Dann wollen wir mal. Würden Sie bitte halten?“   Emilia betrachtete das Spiel seiner Muskeln unter dem blütenweißen Hemd, als er seine Jacke auszog. Seine gesamte  Garderobe wirkte teuer, und sie wurde sich deutlich ihrer eigenen abgetragenen Kleidung bewusst. Fast schon mechanisch nahm  sie die dargereichte Jacke entgegen, ohne den Blick von seinen muskulösen Armen zu lösen. Ein paar Sekunden und einen  kräftigen Ruck später stand der Wagen wieder mit allen vier Rädern auf dem Waldweg. Lächelnd betrachtete Emilia das Ergebnis,  ehe sie sich dem Mann an ihrer Seite zuwandte. „Vielen Dank, das war wirklich Rettung in letzter Sekunde.“  „Kein Problem. Es ging ja nicht um Leben und Tod.“  „Um Leben und Tod vielleicht nicht, aber …“ Emilia verstummte. „… trotzdem vielen Dank. Vielleicht kann ich mich eines Tages  revanchieren.“  „Soll das ein Angebot sein?“  Aus seinem Mund klang das gerade so, als hätte sie etwas Verwerfliches gesagt. „Mister …“  „Gabriel. Aber die, die mir nahestehen, nennen mich Gabe.“  „Oh.“ Stand sie ihm denn nahe? Was war denn schon passiert? Er hatte ihr geholfen, sich aus einer misslichen Lage zu befreien,  und sie hatte sich dafür bedankt. Als sie einen Blick auf sein markantes Gesicht warf, hatte sie allerdings das Gefühl, dass im  Hintergrund mehr geschehen war. Etwas, das dem Offensichtlichen verborgen blieb.  Mit einem charmanten Lächeln nahm der Mann seine Jacke wieder an sich und zog sie über. „So, ich muss weiter, und Sie haben  es anscheinend ebenfalls eilig.“  Der Markt. Sie hatte ihn schon wieder vergessen. Was war denn nur mit ihr los?  „Oh, natürlich, ich muss ebenfalls los. Vielen Dank nochmals für Ihre Hilfe.“ Bevor sich ihr Blick wieder in seinen dunklen Augen  verlieren konnte, nahm sie schnell den Griff des Wagens und drehte sich in die andere Richtung, um ihren ursprünglichen Weg  wiederaufzunehmen.  „Ach, Emilia!“ Wieder diese erotische Nuance, wenn er ihren Namen aussprach. Mit klopfendem Herzen blieb sie stehen und drehte sich zu ihm  um. „Ja?“  „Vielleicht werde ich tatsächlich einmal auf Ihr Angebot zurückkommen.“  „Hallo?“   Emily spürte einen Griff um ihre Schultern, der sie unnachgiebig schüttelte.   „Aufwachen!“   Der Griff verstärkte sich. Langsam schlug Emily die Augen auf und starrte geradewegs in ein ihr völlig unbekanntes,  sommersprossiges Gesicht, welches von dunkelroten Locken umrahmt wurde. Die junge Frau schien ungefähr in ihrem Alter zu  sein. Blinzelnd richtete Emily sich auf. Sie hatte überhaupt nicht vorgehabt einzuschlafen. Und warum musste diese fremde Person  sich schon fast aufdringlich über sie beugen? „Wäre es zu viel verlangt, ein wenig Abstand zu halten? Noch nie etwas von  Privatsphäre gehört?“  Spöttisch verzogen sich die Lippen der Rothaarigen. „Wow, nett. Eigentlich wollte ich dir nur mitteilen, dass der Flug soeben  aufgerufen wurde. Also, falls du Silvester nicht hier auf dem Flughafen verbringen möchtest, solltest du dich jetzt beeilen.“   Der Dialekt war Emily bestens vertraut, und sie wusste, dass diese Frau nicht nur Urlaub in Irland machte, sondern in ihr  Heimatland flog. Ohne ein weiteres Wort wandte die Fremde sich ab und ging zu der Angestellten der Airline, die darauf wartete,  dass endlich die letzten Passagiere die Boardingkontrolle passierten.  Schnell sprang Emily von der Bank auf und kramte in ihrer Handtasche nach dem Boardingpass. Als sie ihn endlich in den Weiten  ihrer Tasche gefunden hatte, stürmte sie ebenfalls zu der Boardingkontrolle.  Sie ging den Mittelgang des Flugzeugs entlang. Ihr Blick schweifte von links nach rechts und kontrollierte die kleinen über den  Sitzreihen angebrachten nummerierten Schilder. Als sie die Nummer, die auf ihrer Boardingkarte angegeben war, gefunden hatte,  blickte sie in klare blaue Augen, die sie spöttisch musterten. Die Rothaarige, die sie so unsanft geweckt hatte, entpuppte sich als  ihre Sitznachbarin. Kommentarlos versuchte Emily ihre Handtasche in der Gepäckablage über den Sitzreihen zu verstauen, was ihr  wegen der Schiene um ihren Arm jedoch nicht gelingen wollte.  Die rothaarige Frau sprang von ihrem Sitz auf. „Warte, ich helfe dir.“  „Danke, ich schaffe das allein.“  „Ihr Amerikaner seid ein kompliziertes Volk.“ Ein leises Lachen drang an Emilys Ohren. Ohne auf ihren Protest einzugehen, nahm  die Frau ihr kurzerhand die Tasche ab und verstaute sie sicher im Gepäckfach. Mit einem breiten Lächeln nahm sie wieder auf  ihrem Sitz Platz. „So machen wir das in Irland. Ich bin übrigens Zoe MacGuire.“  „Und ich bin an keinem Smalltalk interessiert.“ Emily setzte sich ebenfalls auf ihren Platz. „Du wurdest in eurem Heimatort bestimmt zur Little Miss Sunshine gekürt, oder?“ Neugierig betrachtete ihre Sitznachbarin Emilys  bandagierten Arm. „Wie hast du das geschafft?“  „Prügelei mit dem Bruder meines Exfreunds. Wir waren … in manchen Dingen nicht einer Meinung. Außerdem ging er mir auf die  Nerven.“ Mit einem spöttischen Lächeln erwiderte Emily Zoes Blick. „So machen wir das in Amerika.“  „Ich studiere Sozialpädagogik und arbeite nebenbei in einer Einrichtung für Kinder mit zerrütteten sozialen Hintergründen. Du  kannst mich nicht wirklich mit so einer Geschichte beeindrucken.“ Emily starrte ihre Sitznachbarin an. Vielleicht sollte sie dieser aufdringlichen Person erklären, dass sie vor ein paar Tagen die Welt  vor dem Untergang bewahrt hatte. Und dass es alleine ihr Verdienst war, dass überhaupt jemand in diesem Flugzeug saß. Vielleicht  würde sie sich davon beeindrucken lassen. Sie blies hörbar die Luft aus. „Das Letzte, was ich möchte, ist jemanden beeindrucken.  Ich habe eine verdammt beschissene Woche … Nein, ich habe viele verdammt beschissene Wochen hinter mir. Alles, was ich  möchte, ist Ruhe und meine Privatsphäre.“  „Na, das können ja traumhafte elf Stunden werden.“  Ohne einen weiteren Kommentar nahm Emily die Zeitung zur Hand, die von den Flugbegleitern verteilt worden war, um jede  weitere Gesprächsentwicklung im Keim zu ersticken. Die Frau neben ihr schien den Hinweis verstanden zu haben und zog sich ihre  Kopfhörer auf, sodass Emily nur leise Klänge von Musik hören konnte. So konnten sich die Rollen ändern. Vor ein paar Wochen  noch hatte sie selbst nie den Mund halten können. Und heute? Heute sehnte sie sich einfach nach Ruhe. Lustlos blätterte sie durch  die Zeitung.  Brutaler Überfall auf Gebrauchtwagenhändler  Am Abend des zweiundzwanzigsten Dezember wurde der Gebrauchtwagenhändler Larry B. in seinem Geschäft in Columbus  überfallen.   Laut Aussage von Mr. B. war der Angreifer ein männlicher Weißer. Zitat Mr. B.: „Ich konnte ihn nicht genau erkennen – es ging  alles so verflucht schnell. Er kam in meinen Laden gestürzt, und kurz darauf gingen mir auch schon die Lichter aus.“  Bei dem Tatmotiv geht die Polizei von einem Racheakt aus. Keines der Autos wurde entwendet. Sowohl der Tresor als auch die  Kasse waren unberührt.   Bei Hinweisen zur Tat verständigen Sie bitte die hiesige Polizei.  Emily kniff die Augen zusammen. Racheakt? In Gedanken befand sie sich wieder vor Pablos Survival Geschäft in Mexiko. Sie sah  hoch in Gabriels verhärtetes Gesicht. Seine ohnehin dunklen Augen wirkten schwarz wie die Nacht und sprühten vor unterdrücktem  Zorn.   „Wer ist dieser Kerl?“, hörte sie seine Stimme. Wütend zerknüllte sie die Zeitung in ihrer Hand und ignorierte den erschrockenen Blick, den ihre Sitznachbarin ihr zuwarf. Auch  dem strafenden Blick der Flugbegleiterin schenkte sie keine Beachtung.   Nach dem Essen kramte sie einen Notizzettel aus ihrer Hosentasche. Sie musste Pläne machen und überlegen, wie sie weiter  vorgehen sollte. Eiligst schrieb sie ein paar Stichworte auf.  Gabriel: Universität Dublin / Geschichte  Emilia Sinclair: Fartrin Ian Sinclair: Far Druin ist doch keine Welt „Das muss ein M sein.“ Überrascht hob Emily die Augenbrauen und sah ihre Sitznachbarin an, welche mit ihrem schlanken Finger auf den Notizzettel  deutete. „Es wird Far Druim geschrieben. Das ist die gälische Bezeichnung von Fartrin.“ Entschuldigend erwiderte die Rothaarige Emilys  Blick. „Ups, das war wohl wieder ein Eingriff in deine Privatsphäre.“ Ohne ein weiteres Wort setzte sie erneut ihre Kopfhörer auf.  Emily faltete den Notizzettel zusammen und schob ihn zurück in die Hosentasche. Far Druim, Fartrin und Farterum waren also ein  und derselbe Ort. Dann würde sie diesem Ort wohl einen Besuch abstatten müssen. Außerdem musste sie mehr über Gabriel  herausfinden.  Ein Gedanke durchfuhr sie, und sie warf ihrer Sitznachbarin, welche aus dem Fenster blickte, einen neugierigen Blick zu. Ohne zu  zögern, tippte sie dieser leicht auf die Schulter. Die Rothaarige schob ihre Kopfhörer vom Kopf.  „Zoe, richtig?“   Ein zögerliches Nicken war die Antwort. „Du sagtest, du studierst Sozialpädagogik. Studierst du zufällig an der Universität von Dublin?“  „Tut mir leid, das ist Privatsphäre.“  Emily zuckte zusammen, das hatte sie nach ihrem barschen Auftritt wohl verdient. Doch kurz darauf erntete sie ein schelmisches  Lächeln. „Das war ein Witz. Ja, ich studiere am Trinity College. Oder wie du so schön sagst: an der Universität von Dublin. Wo auch  sonst? Ich wohne in Dublin, und das Trinity ist eines der renommiertesten Einrichtungen in Irland.“  „Kennst du zufällig einen Gabriel O’Leary? Er unterrichtete bis vor kurzem dort noch Geschichte.“  „O’Leary? Nein. Allerdings ist das auch kein Wunder.“ Ihre Augen funkelten belustigt auf. „Besuchst du eine Universität?“  „Ja, ich gehe auf eine Privatuni in Columbus.“  „Dir ist schon klar, wie viele Professoren und Dozenten es im Trinity gibt?“  Emily zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an: Einige.“ „Einige ist gut. Wir reden hier von einem mehrstelligen Bereich, welcher darüber hinaus permanent wechselt.“  „Ja, ja klar, natürlich.“ „Aber im Sekretariat können sie dir bestimmt weiterhelfen.“  „Ja, bestimmt.“ Selbst wenn, trotz Semesterferien, das Sekretariat besetzt war, bezweifelte Emily, dass sie dort tatsächlich  Auskünfte über ehemalige Lehrkräfte erhielt. „Danke.“ Als ihre Sitznachbarin den Kopfhörer wieder überstreifen wollte, hielt Emily  deren Hand fest. „Ach, Zoe …“ Die junge Frau blickte sie fragend an. „… Emily. Mein Name ist Emily Silver.“  „Na also, Emily Silver. Geht doch.“ Mit einem Lächeln schob Zoe die Kopfhörer zurück auf den Kopf.  Emily warf einen Blick auf die Uhr. Der Flug betrug noch weitere sechs Stunden, um fünf Uhr Ortszeit würden sie in Dublin  ankommen. Das war definitiv zu früh für einen Besuch in der Universität. Sie musste sich zuerst um eine preiswerte Unterkunft  bemühen. 
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